KTM LC 4-640 (Archivversion) Kultwerk Orange

Mit der 640er-Enduroversion hat die KTM LC4 die Zuverlässigkeit erreicht, von der die Besitzer der Vorgängermodelle noch träumten. Macht das den Gebrauchtkauf einfacher?

Der steile Aufstieg des österreichischen Herstellers KTM - im Geschäftsjahr 2001 kletterte die Verkaufszahl auf über 45000 Stück – begann, als die japanische Konkurrenz mit immer softeren Einzylinder-Enduros das Geländesegment Mitte der 90er Jahre freiwillig räumte. Davon profitierten natürlich auch die LC4-Modelle. Speziell die 640er fand ab 1998 in Deutschland viele Käufer, mittlerweile sind rund 4500 Stück hierzulande unterwegs.Urplötzlich waren fast aus der Mode gekommene Eigenschaften wie derbe Vibrationen, ein kompromisslos sportliches Gelände-Fahrwerk mit riesigen Federwegen und extremen Nehmerqualitäten beim harten Kern der Offroadfreaks wieder angesagt. Mehr als 90 Prozent der 640er-Treiber freilich haben aus Mangel an geeignetem Terrain gar keine Gelegenheit, die außerordentlichen Qualitäten ihrer Enduro im Gelände auszuprobieren. Doch offensichtlich macht der rustikal orangenfarbene Renner selbst im reinen Straßenbetrieb so viel Laune, dass ihm eine immer zahlreichere Fangemeinde zuwächst, auch der Supermoto-Version mit reiner Straßenbereifung auf 17-Zoll-Reifen.Seit dem 620er-Vorgängermodell hat KTM in Sachen Fertigungsqualität und Zuverlässigkeit viel unternommen hat, um aus dem noch etwas unfertigen Vierventil-Single ein nicht nur konkurrenzfähiges, sondern in Ansätzen zivileres Gerät auf die Räder zu stellen.Aus dem stampfenden, mit störrischer Gasannahme und nur per Kickstarter sehr kräftezehrend zum Leben zu erweckenden Vorgänger ist ein kultivierter Bursche geworden. Ein japanischer Mikuni- statt eines italienischen Dellorto-Vergasers sorgt für gleichmäßigere Power, der E-Starter lässt die hartnäckigen Startprobleme vergangener Zeiten vergessen.Allerdings eignet sich der Motor auch heute noch nicht zum beschaulichen reisen. Zu sehr nerven bei höheren Drehzahlen trotz Ausgleichswelle noch immer derbe Vibrationen, und gegen untertouriges Bummeln wehrt sich der ruppige Motor. Auch bei der 640er ist konzentriertes, sportliches Fahren angesagt. Zumal für die Bolzerei auf der Straße die großen Federwege hinreichend straff ausgelegt sind, an der Vorderpartie für leichte Fahrer sogar etwas zu hart. Schnelle Richtungswechsel verlangen einigen Kraftaufwand und einen routinierten Piloten.Im Gelände steckt das Fahrwerk derbe Schläge und Sprünge problemlos weg, ist bei langsamen, eher trialmäßigen Passagen allerdings etwas unhandlich. Dazu tragen die serienmäßigen Metzeler Enduro 3 mit mangelnder Seitenführung und Traktion bei. Einen besseren Kompromiss zwischen Asphalt und Gelände bieten Michelin T 63,Pirelli MT 21 oder Conti TKC 80.Wer Geländeambitionen hat, sollte statt des sperrigen Hauptständers unbedingt einen Seitenständer für problemloseres Abstellen sowie Acerbis-Handschalen montieren und einen Motorschutz, um das Triebwerk zu schützen.Gewöhnungsbedürftig und für Piloten unter 180 Zentimeter kaum zu bewältigen ist die respektable Sitzbankhöhe von 940 Millimetern. In schnellen Passagen beginnt darob das Heck leicht zu schwänzeln, ohne dass die KTM deshalb an Zielgenauigkeit und Stabilität einbüßt.Wie bei Enduros üblich muss der Gebrauchtkäufer die vom Geländeeinsatz stark beanspruchten Komponenten akribisch unter die Lupe nehmen. Als da sind: Gabeldichtringe, Lenkkopf-, Rad- und Schwingenlager sowie die exakte Speichenspannung der Räder. Außerdem den Motor auf sturzbedingte Risse und Undichtigkeiten, den Unterboden auf Steinschlagschäden prüfen.Überhaupt sollte jeder Interessent einer 640er-LC4 erst nach einer längeren Probefahrt entscheiden, ob er mit dem Mattighofener Kultobjekt in Orange klar kommt. Damit er das Image auch genießen kann.

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