KTM-Prototypen (Archivversion) Modellvermehrung

Die Basis in Gestalt eines neuen Motors ist geschaffen, jetzt gilt es, auf ihr viele attraktive Motorräder aufzubauen. Vor Kurzem gewährte KTM Einblicke in die Zukunft der 690er-Reihe – bei manchen Entwicklungsprojekten nicht ganz freiwillig.

Von Anfang an – die ersten Gerüchte über eine neue Motorengeneration waren kaum im Umlauf – haben KTM-Mitarbeiter betont, dass sie noch viel vorhaben mit dem Einzylinder, der dann in der 690 Supermoto debütierte. Der Aufbau einer ganzen Modellpalette mit diesem Antrieb liegt ja auch nahe. Schon früh gab es konkrete Hinweise auf eine Enduro und eine Duke III, diverse Fragen nach einem Straßensportler wurden unverbindlich zustimmend beantwortet. Etwa mit dem Hinweis, man könne auch kleine Marktnischen gewinnbringend besetzen.
Den Anreiz für die Kunden, die neuen Modelle zu kaufen, soll ein substanzieller Fortschritt schaffen: Statt ein wenig mehr Leistung und Laufkultur sowie weniger Gewicht zu bieten, wird die im Aufbau befindliche Modellpalette die fahrdynamischen Grenzen bisheriger Einzylinder förmlich sprengen. Indem sie gute 65, in späteren Ausbaustufen vielleicht sogar über 70 PS mit extrem niedrigem Gewicht kombiniert. Was die 690 Supermoto heute bereits kann, nämlich gestandene Mittelklässler vom Schlage einer Honda CBF 600, Kawasaki ER-6 oder Suzuki SV 650 ausbeschleunigen, sie sogar in Sachen Durchzug schlagen und ihnen dank überragender Handlichkeit auf kurvigen Straßen locker davonwedeln, soll in eine vielköpfige Modellfamilie verpflanzt dem Einzylinder generell wieder mächtig Auftrieb geben.
Bleibt die spannende Frage, in welcher Reihenfolge die einzelnen Motorräder auf den Markt kommen werden. Anscheinend waren sich selbst die Marketing-Fachleute bei KTM darüber nicht ganz einig. Denn dass an der Gerüchtebörse mal das eine, mal das andere vorne lag, entsprang nicht nur der Spekulationswut der Journalisten, sondern spiegelte, wenngleich verzögert und gebrochen, den Verlauf der Diskussion wider. Zwar ist noch immer nichts bestätigt, doch was kürzlich beim Offroad-Rennen Baja 500 in Mexiko sowie am Hungaroring zu sehen war, offenbart die Abfolge der kommenden Modelle.
Demnach wird die 690 Enduro, Nachfolgerin der 640 LC4 Enduro, als nächstes Modell präsentiert, wahrscheinlich noch in diesem Sommer. Die bei der Baja 500 eingesetzten Maschinen vermitteln schon einen präzisen Eindruck vom späteren Serienmotorrad. Sie tragen richtige Plastikteile aus Spritzguss mit eingelassenen Dekors, auch das übrige Finish entspricht weder dem eines von Hand aufgebauten Werksrenners noch dem eines in manchen Details grob gestrickten Prototyps. Auf Nachfrage bestätigte ein KTM-Sprecher die enge Verwandtschaft zwischen der 690 Baja und der später – MOTORRAD sagt »demnächst« – erscheinenden 690 Enduro. Was die Baja vom Standardmotorrad unterscheidet, bietet KTM auch als Kit für
engagierte Sportfahrer an, die weit jenseits des Endurowanderns angelangt, aber noch nicht bei echten Wüstenrallyes gelandet sind. Vermutlich wird die aus Strangpressprofilen gebaute Schwinge der 950er- und 990er-Zweizylinder dazugehören, während die Standard-Enduro aus Kostengründen wie die Supermoto mit einer Gussschwinge ausgestattet sein dürfte.
Selbst mit solchen kleinen Abstrichen verspricht die 690 Enduro, ein sehr sportliches Motorrad zu werden. Sie nimmt viele Designelemente der aktuellen Wettbewerbsmaschinen auf, technisch unterscheidet sie sich von ihnen durch ihren Gitterrohrrahmen und den alltagstauglichen, vollgasfesten Motor. Und wenn KTM eine alltagstaugliche Enduro baut, ist die Adventure-Version meist nicht mehr weit.
Erst in etwas fernerer Zukunft steht der nächste Sproß der Familie 690 an: die Duke III. Der Name steht bei KTM für ein supermotoähnliches Edelmotorrad, das mit feinsten Komponenten versehen ein Flair von eleganter Spritzigkeit verbreitet. Bei einem Renntraining auf dem Hungaroring testete KTM kürzlich zwei Prototypen der kommenden Duke. Einer war noch mit dem Scheinwerfer der 990 Super Duke versehen, der andere trug bereits eine Frontmaske in der endgültigen Form. Beiden Motorrädern gemeinsam waren der elegant verkleidete Ölkühler und ein Under-engine-Auspuff mit seitlicher Mündung. Leider konnte der Motorradspion diesen Auspuff bei der Maschine mit der fertig gestylten Lampenmaske nicht fotografieren. Bei der anderen war der Topf noch im Bierdosen-Stil gehalten.
Das gilt auch für das dritte Motorrad, mit dem die KTM-Tester in Ungarn ihre Runden drehten. Es wirkt auch sonst noch etwas unproportioniert, obwohl zu seiner Tarnung Verkleidungsteile von einem der schönsten Motorräder des letzten Jahrzehnts verwendet wurden, der Ducati 916. Der Tank stammt von einer Cagiva Mito 125. Eine Ironie des Schicksals. Seit die Mito existiert, wurde sie immer wieder versuchsweise mit Einzylinder-Viertaktern von Husqvarna versehen, ging jedoch nie damit in Serie. Im vergangenen Herbst zeigten die Italiener ein solches Motorrad erneut auf der Messe in Mailand. Doch jetzt droht KTM, ihr den Rang abzulaufen.
Bis dahin ist es allerdings noch ein langer Weg. Denn wie die hohe Frontpartie der KTM RC4 690/916 Mito zeigt, ist ein zierlicher, aufs Vorderrad geduckter Straßenrenner kaum ohne größere Veränderungen des Gitterrohrrahmens zu realisieren. Was die Entwickler nicht abhalten sollte. Denn die Rundenzeiten des österreichisch-italienischen Sammelsuriums waren dem Vernehmen nach vielversprechend.

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