Kultbike Benelli Tornado 650 Benelli Tornado 650

Eine italienische Marotte – Prototypen vorzeigen, die erst Jahre später in Produktion gehen – hat früher so manches Opfer gefordert. Eines der unschuldigsten ist die Benelli Tornado 650.

Foto: Archiv

Als die Japaner den amerikanischen Markt angingen, handelten sie wie jeder gewitzte Dealer und vertickten erst mal kleine Dosen. Bei 300 cm³ war Schluss, folglich griffen große Jungs zu den kernigen Twins aus England, und zwar immer mehr. Das wiederum blieb italienischen Herstellern nicht verborgen. Als Erster reagierte Benelli bereits Mitte der 60er-Jahre und zeigte auf dem Mailänder Salon die Tornado 650.

Ein Hammer: Nennleistung so hoch wie bei den stärksten Ladys, aber drehzahlfest-kurzhubiger Motor mit horizontal geteiltem Gehäuse, Fünfganggetriebe, Doppel-Duplexbremse vorn, sportliche Linie. Wer unter dem Tank der Benelli Tornado 650 etwas genauer hinsah, mochte gewisse Ähnlichkeiten zu den berühmten Rickman-Rahmen erkennen, angeblich haben die englischen Brüder sogar einige Abwandlungen erzwungen.

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Die Amis sind schuld

Ist aber auch egal: Der Wirbelsturm aus Pesaro erlahmte nämlich, schleppte sich alle Jahre auf die Herbstmessen, Interessenten wurden immer weiter vertröstet. Mittlerweile hatte Honda die CB 450 etabliert, dann kamen Nortons Commando mit 750 cm³ und Hondas CB 750 mit Vierzylinder, BMW brachte die R 75/5, Guzzi die V7 … Und Be­nelli? Lieferte Ende 1970 an die ersten handver­lesenen italienischen Kunden aus. Als 1972 auch Deutschland bedacht wurde, hatte der japanische Tsunami endgültig alle Chancen für eine relativ teure Benelli Tornado 650 mit knapp 50 PS hinweggefegt. Schade, denn der wohltönende Gleichläufer setzt sich durchaus bemerkenswert vom englischen Motorenbau ab. Geringe Schwungmassen verleihen ihm beinahe sportliches Temperament, locker dreht er weit in den bei 7000/min beginnenden roten Bereich. Dank gerade mal 58 mm Hub bei 84 mm Bohrung bereitet die Kolbengeschwindigkeit keine Sorgen, der sehr solide ausgelegte ohv-Ventiltrieb hält ebenfalls mit. Andererseits verhinderte die extrem kurzhubige Auslegung ein Aufbohren des Motors, um ebenfalls mit den nun angesagten 750 cm³ vorfahren zu können.

Schon der Einbau des in Amerika mittlerweile unumgänglichen E-Starters erforderte erhebliche konstruktive Eingriffe: Weil die Kurbelwelle in vier stämmigen Kugellagern rotiert, baut der Motor recht breit, und deswegen tat Benelli, wofür Yamaha bei der XJ 650 bejubelt wurde. Man setzte die per Keilriemen angetriebene Lichtmaschine huckepack hinter den Zylindern aufs Motorgehäuse. Da musste nun in der zweiten Serie dieser blöde E-Starter hin, die Lima wanderte auf den linken Kurbelwellenzapfen. Das macht die Benelli Tornado 650 nicht schöner – und das Einstellen der unter der Lima liegenden Zündung zur echten Arbeit. Wie gesagt – die Amis sind schuld. Auch die wunderschöne Vorderbremse haben sie auf dem Gewissen, fanden sie zu giftig, also rüstete Benelli auf eine immer noch ausreichende Doppel-Simplex ab.

All diese Maßnahmen verhinderten womöglich den unverstellten Blick auf die Qualitäten der Benelli Tornado 650, die nicht nur ein spurstabiles Fahrwerk mit allerdings recht harten Federelementen vorzeigen konnte und mit agilem Handling überzeugte, sondern schon im MOTORRAD-Test andeutete, dass sie wirklich öldicht sowie äußerst robust ist und wenig Fürsorge verlangt. Glühbirnen, nun ja, die braucht sie hin und wieder, eine Mutter hier, eine Schraube dort, denn trotz reichlich vorhandener Dämpfungselemente schüttelt auch dieser Paralleltwin alle Anbauteile kräftig durch. Was 1967 freilich niemanden gestört hätte.

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Foto: Archiv, Rogge

Infos zur Benelli Tornado 650

Daten: luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-Reihenmotor, 643 cm³, 33 kW (45 PS) bei 6500/min, 55 Nm bei 3850/min, Fünfganggetriebe, Stahlrohrrahmen mit doppelten Unterzügen, Gewicht vollgetankt 220 kg, Reifen vorn 3.50 x 18, hinten 4.00 x 18, Tankinhalt zwölf Liter, Höchstgeschwindigkeit liegend 175 km/h, 0–100 km/h in 6,1 sek.

Spezialisten: Bis 1976 wurde die Tornado 650 in Deutschland angeboten und nur selten verkauft. Zu den wenigen verbliebenen Spe­zialisten zählt Benelli-Bauer aus Rehburg-Loccum in Niedersachsen (www.benelli-bauer.de).

Szene: Die Benelli-Gemeinde in Deutschland schart sich hauptsächlich um die spektakulären Sechszylinder, doch die vorher erschienene Tornado (auf einigen Märkten auch als Motobi angeboten) ist ebenfalls sehr angesehen. Viele Besitzer haben den Originalzustand aufgegeben und auf Café Racer umgerüstet, was angesichts des drehfreudigen Motors und der guten Fahreigenschaften durchaus Sinn macht. Für gute Originale und gekonnte Umbauten werden stolze Preise aufgerufen, gern auch über 4000 Euro. Wer sich fahrend an der Tornado erfreut, tätigt trotzdem ein gutes Investment. Äußerst sinnvoll ist eine moderne elektronische Zündung. Die Ersatzteillage gilt als vergleichsweise gut, nur bei Karosserieteilen wird es eng.

Internet: Es gibt eine Benelli-Interessengemeinschaft, sie trifft sich auf der etwas leblosen Website www.benelli-ig.de

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