In MOTORRAD 4/2016: Kultbike Honda CBR 600 F.

Kultbike Honda CBR 600 F Urmutter einer ganzen Gattung

Vor 30 Jahren erfand Honda den motorisierten Joghurtbecher. Wer sich auf die Honda CBR 600 F setzte, lernte ganz neue Formen sportlicher Fortbewegung kennen. Das Problem? Extrem hohe Suchtgefahr.

Foto: Archiv
In MOTORRAD 4/2016: Kultbike Honda CBR 600 F.
In MOTORRAD 4/2016: Kultbike Honda CBR 600 F.

Plötzlich waren andere schneller, spielten sich die Verfolger sowohl bei Supersportlern als auch bei Big Bikes wie Vorreiter auf. Yamaha FZ 750 und FZR 1000, beide GSX-R von Suzuki und Kawasaki GPZ 900, sie alle erwischten Honda Mitte der 1980er auf dem falschen Fuß. Der Branchenprimus hatte nicht mit einer solchen Radikalattacke gerechnet, konnte „nur“ die VFR 750 entgegensetzen. Das sah blöd aus, und folglich bekamen die Entwickler mächtig Druck. Mit Stars sollten sie die Sportriege auffüllen, dabei komplett bei null anfangen und trotzdem in höchstens 18 Monaten fertig sein.

Klar, dass die emsigen Honda-sans vor allem das 1000er-Segment anvisierten, aber auch in der noch schüchtern auftretenden 600er-Klasse witterten sie einen Markt. Dort hatten Yamaha XJ 600 und Kawasaki GPZ 600 bewiesen, dass zumindest auf der Landstraße weniger mehr bedeuten kann, und so erlebte die IFMA 1986 eine ungewöhnliche Doppelpremiere: Neben der CBR 1000 F stand deren maßstabsgetreue Verkleinerung. Die Honda CBR 600 F versprach 182 kg trocken und 85 PS. Klang gut.

Anzeige

Skandal, Joghurtbecher, technischer Rufmord?

Im Kern dieses intern PC 19 getauften Wunderwerks steckte ein komplett neuer, sehr kompakter und um 35 Grad nach vorn geneigter wassergekühlter Reihenvierzylinder. Den man aber überhaupt nicht sehen konnte. Skandal, Joghurtbecher, technischer Rufmord, tobte die Meute. Nein, Logik, konterte Minoru Morioka, damals Design-Verantwortlicher bei Honda.

Die Aerodynamik sei das Metier der Zukunft, nur so lasse sich der Einsatz sündteurer Materialien vermeiden, ohne auf Spitzenleistungen verzichten zu müssen. 220 km/h versprach er, und genau deswegen waren Motor und Rahmen der Honda CBR 600 F bis auf winzige Lüftungsfenster komplett eingehüllt, ging die Verkleidung nahtlos zur Sitzbank über.

Anzeige
Foto: Archiv

Seine Worte nützten nichts: Spätestens mit Einführung der CBR haben viele Motorradfans bewiesen, dass sie ihr Gerät lieber anschauen als bewegen. Sonst wäre nicht zu erklären, warum herausragende Kraftfahrzeuge solche Hasstiraden erdulden müssen. Die Aufgeklärteren freilich hatten binnen Kurzem raus, dass die Honda CBR 600 F dem Stein der Weisen glich, und sahen über die Vollschale gnädig hinweg.

Ihr angesichts des Hubraums phänomenal elastischer Motor schnurrt bis 8000 Touren durchs fixe Tourenprogramm und wechselt dann kreischend für weitere 4000 Umdrehungen in den Sportmodus. Konstruktiv betritt der Vierventiler der Honda CBR 600 F nirgends Neuland, doch mit taillierten Ventilschäften und anderen feinen Tricks zur Gewichtseinsparung weckte er schon damals das Interesse vieler Fachleute. Seine Konsequenz beeindruckte, später erhöhte die enorme Haltbarkeit das Ansehen.

Mehr Spaß als mit den meisten dicken Brummern

Ähnlich beim Brückenrahmen aus Stahlprofilen, der äußerst stabil ist – und nicht schwerer als Suzukis GSX-R-Alu-Gestell. 17-Zoll-Räder und knapper Radstand machen handlich, an den Bremsen der Honda CBR 600 F gibt’s nichts zu meckern, das Schönste jedoch, das sind die fehlenden Pfunde.

210 kg randvoll getankt, so ein Leichtgewicht, das biegt von alleine ein, richtet sich im Nu wieder auf, und wenn es dann noch so satte Federelemente trägt wie diese Honda CBR 600 F, dann macht jeder Kilometer riesigen Spaß. Ja, mehr Spaß als mit den meisten dicken Brummern, und deshalb wurde sie Vorbild aller folgenden 600er-Sportler, Urmutter einer ganzen Gattung. Die ist mittlerweile leider vom Aussterben bedroht. Niemand weiß, warum.

Dia-Bilder des Nachfolgemodells PC 31

Weitere Infos zur Honda CBR 600 F

Technische Daten (Modell PC 19 von 1986)

Wassergekühlter Vierzylinder-Viertakt-dohc-Reihenmotor, je vier Ventile pro Zylinder, 598 cm³, 63 kW (85 PS) bei 11.000/min, 59 Nm bei 9500/min, Sechsganggetriebe, Kette, Brückenrahmen aus Stahlprofilen, Gewicht vollgetankt 210 kg, Reifen vorn 110/80 x 17, hinten 130/80 x 17, Tankinhalt 16,5 Liter, Höchstgeschwindigkeit liegend 218 km/h, 0–100 km/h in 4,1 sek.

Szene

Mit dem Modell PC 19 begann die Erfolgsgeschichte der Honda CBR 600 F. Schon 1991 knackte PC 25 die 100-PS-Grenze, 1999 führte PC 35 den Alu-Rahmen in die CBR 600-Familie ein. In dieser Form wurde sie bis 2006 gebaut, seit 2003 allerdings assistiert von der völlig neu konstruierten und viel radikaleren CBR 600 RR. Richtig schöne PC 19 sind mittlerweile verdammt selten und dürften bald Sammlerstatus gewinnen. Wer einfach nur ein tolles Motorrad fahren möchte, ist aber sowieso mit PC 25 und Folgenden noch besser bedient. Zu Preisen um 1500 Euro für ordentliche und ab 2000 für gute Exemplare.

Weitere Infos

Der Bucheli-Verlag vertreibt Reparaturanleitungen für diverse CBR 600-Modelle. Anschaulich erläutert das Buch von Wolf Töns (Herausgeber), „Honda VFR – CBR“, diese spannende Zeit; leider nur noch antiquarisch zu bekommen. Tipps und Infos zur Honda CBR 600 F hält das Internet bereit unter: www.honda-board.de/vb/forums/30-CBR600F sowie www.cbrforum.de

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote