6 Bilder

Kultbike Honda GL 1000 Gold Wing 295-Kilo-Brocken

Nur fünf Jahre nach Erscheinen der CB 750 erwartete alle Welt die nächste Über-Honda. Doch die Honda GL 1000 Gold Wing widersetzte sich gängigen Maßstäben – und machte ihre eigene Liga auf.

Heute ist unstrittig, dass Weitsicht und nicht Fehleinschätzung den IFMA-Star des Jahres 1974 prägte. Ihre Anhänger schätzen Komfort und hassen technische Defekte, Schräglagenfreiheit oder Topspeed sind ihnen wurscht. Solche Typen gab’s in Nordamerika schon damals, und die sollten eigentlich weltexklusiv bedient werden. Die Ölkrise ließ Honda jedoch zögern, der US-Markt wirkte verunsichert, also durfte der alte Kontinent auch ein paar Schwingen abnehmen.

Dumm nur, dass ruhige Fahrer im damaligen Europa alle noch ihr Coming-out erwarteten und weder Stammtische noch Testredaktionen bevölkerten. Nein, hier rissen selbst bleischwere Guzzi V7 Welt­rekorde runter, traten veraltete Triumph-Stoßstangentwins bei Langstreckenrennen an. Folglich wurde die stärkste Honda aller Zeiten, die Honda GL 1000 Gold Wing, anfangs so richtig gescheucht. Hart rangenommen.

Anzeige

Sprit bunkert Honda GL 1000 Gold Wing im Rahmendreieck

Was für ein Frevel angesichts eines zwar bullig gezeichneten, aber doch höchst feinsinnigen Techno-Krads. Im Interesse kultivierten Motorlaufs verbaute Honda einen Vierzylinder-Boxer. Damit den hinteren Zylindern – anders als bei Zündapps K 800 – niemals zu warm würde, kam erstmals bei einem japanischen Großserienmotorrad eine Wasserkühlung ins Spiel. Wie kurz zuvor bei Morinis 3½ treiben Zahnriemen die obenliegenden Nockenwellen an. Achtscheiben-Ölbadkupplung sowie Fünfganggetriebe agieren unterm Motor und senken so den Schwerpunkt des 295-Kilo-Brockens. Danach übernimmt ein Kardanantrieb die Kraftübertragung zum für damalige Verhältnisse üppig breiten 4.50er-Reifen. Ihren Sprit bunkert die Honda GL 1000 Gold Wing im Rahmendreieck, unter der dreifach aufklappbaren Tankattrappe liegen a) Luftfilter und Benzin-Einfüllstutzen, b) die Elektrik und c) der Ausgleichsbehälter für die Wasserkühlung.

Drei Scheibenbremsen fangen das bärige Temperament des 82-PS-Vierers wieder ein, die Federelemente vermitteln gehobenen Komfort, das Fahrwerk agiert überraschend handlich. Aber auch stabil genug? Unter kritischen Beladungszuständen, mit abgefahrenen Reifen und – dies vor allem – bei angebauter Lenkerverkleidung kann die erste Honda GL 1000 Gold Wing ab 150 km/h heftig pendeln. Es gab bald nach Erscheinen drei schlimme Unfälle und anschließend den berühmten Gold Wing-Prozess. Diese Lektion saß, seither darf die Schwinge ganz und gar souveräner Komfort-Tourer sein. Schon im Leerlauf beweist der extrem vibrationsarme Motor sein sanftes Gemüt, tritt geschmeidig an und gibt bis über 5000/min den zivilisierten Gentleman, erst ab 6000 packt er wohltemperierten Sportsgeist aus. Die Platzverhältnisse passen perfekt zu weiten Touren, schon bald war das BMW-­Reisemonopol gebrochen, in den USA ließ Harley Federn. Gelegentlich auftretende Kupplungsschäden oder rostende Schalldämpfer machten der Konkurrenz noch Hoffnungen. Spätestens mit der 1100er-Schwinge von 1980 konnte sie die erst mal begraben.

Anzeige

Infos

Daten (Typ K0): Wassergekühlter Vierzylinder-Viertakt-Boxermotor, 999 cm³, 60 kW (82 PS) bei 7500/min, 80 Nm bei 6500/min, Fünfganggetriebe, Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Gewicht vollgetankt 295 kg, Reifen vorn 3.50 x 19, hinten 4.50 x 17, Tankinhalt 19 Liter, Höchstgeschwindigkeit liegend 198 km/h, 0–100 km/h in 4,1 sek.

Szene: Die Fangemeinde der Gold Wing besiedelt den ganzen Globus, Weltklasse also. Auch die deutsche Szene ist sehr umtriebig und organisiert jährlich jede Menge Treffen. Zur Familie zählen nicht nur die mittlerweile dominanten Sechszylinder-Modelle, sondern selbstverständlich auch die bis 1988 produzierten Vierer mit 1000 bis 1200 cm³ Hubraum. Exemplare der ersten Serien sind längst rar, gut erhaltene oder restaurierte 1000er gehen selten unter 4000 Euro weg, perfekter Originalzustand kostet noch mal deutlich mehr. Preiswerter sind meist die sehr robusten 1100er und 1200er.

Literatur: Ein Worldseller wie die Gold Wing hat natürlich einen eigenen Bücherschrank. Leider gibt es die besten Werke nur noch antiquarisch: Claus-Georg Petri: Honda Gold Wing, oder Pascal Szymezak: Honda Gold Wing – Geschichte eines Kultmotorrads.

Internet: Erste Adresse für Fans wie Interessierte ist der Gold Wing Club Deutschland (www.gwcd.net), auf dessen Website nicht nur der Schwingenkult so richtig blüht, sondern auch Tipps und Termine stehen. Außerdem interessant: www.goldwing-forum.de

MOTORRAD-Classic: Unsere Schwesterzeitschrift hat die GL 1000 in Ausgabe 3/2011 ausführlich gewürdigt. Heft-Nachbestellung unter 07 11/32 06 88 99.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote