Kultbike Kawasaki LTD 450 Motorisiertes Bonanza-Rad

Go big or go home, lautet seit alters her ein Schlachtruf der US-Bikerszene. Kawasaki ­konterte vor 30 Jahren mit der Kawasaki LTD 450 voller Hightech und dem ­kecken Werbeslogan: Wer hat, der hat.

Foto: Archiv

Nachdem die Söhne Nippons erkennen mussten, dass mit Hochlenker und Sissybar aufgerüstete Allrounder nicht als Easy-Rider-Untersätze durch­gingen, entwickelten sie ab Anfang der 80er-Jahre vollkommen eigenständige Cruiser oder – so der ­damalige Gattungsbegriff – Chopper. Damit wollten sie natürlich vor allem die Amis beglücken, brauchten jedoch eine Weile, um auf das technische ­Niveau von deren Nationalmarke herabzusteigen.

Namentlich Honda meinte, auch hinter langen ­Gabeln mache sich ausgefeilte Mechanik immer noch am besten, und Kawasaki folgte dem Branchen­primus, als der luftgekühlte 440er-Twin durch den kalifornischen Abgastest plumpste: ­Unterm schräg gestellten Tropfentank der 1985 eingeführten Neuheit Kawasaki LTD 450 pulsiert tatsächlich der halbierte Motor des damaligen Übermotorrads GPZ 900. Wasserkühlung, zwei obenliegende ­Nockenwellen, je vier über Gabelschlepphebel ­betätigte Ventile, Sechsganggetriebe – wer hat, der hat!

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Vor allem Frauen schlossen die Kawasaki LTD 450 ins Herz

Mit 72,5 mm Bohrung bei 55 mm Hub fällt der gegenläufige Reihentwin der Kawasaki LTD 450 ziemlich kurzhubig aus, und deshalb braucht er für 50 PS beinahe fünfstellige Drehzahlen. Wenn er bei seiner Premiere trotzdem als talentierter Bummelant betrachtet wurde, sagt das a) einiges über die Konkurrenzaggregate und b) vieles über die insgesamt mustergültige ­Abstimmung. Tatsächlich geht es wacker aus dem Keller, schon unter 6000 Touren kann der nächst­höhere Gang rein, selbst im „lang“ ausgelegten sechsten verhungert die Fuhre nicht gleich an jeder Steigung. Beim GPZ-Four wäre eine Ausgleichswelle überflüssig gewesen, beim LTD-Twin dagegen ­rotiert so ein Teil vorn vor der Zylinderbank und macht seinen Job fast schon zu gut.

No vibrations. Das stand damals einer erfolgreichen Chopper-Karriere freilich weniger im Weg als heute, und darüber sollte man bei Gelegenheit mal nachdenken. Sogar ihren Wasserkühler durfte die Kawasaki LTD 450 ungeniert vor­zeigen, ohne gleich aus der Zunft verstoßen zu ­werden. Im Gegenteil: Vor allem Frauen schlossen sie massenweise so richtig ins Herz, und daraus ­wiederum wäre zu lernen, dass die Damen oft einen untrüglichen Riecher für problemlose Technik ­haben. Das trotz flachen Lenkkopfwinkels und recht langen Radstands ausreichend handliche und stabile Fahrwerk bürgt für Sicherheit und guten Komfort, ein Zahnriemen als Sekundärantrieb senkt den ­Wartungsaufwand, der sparsame Motor zickt nicht rum und hält ewig.

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Abgesteppte Stufensitzbank wie ein billiger Barhocker?

Dazu noch eine moderate Sitzhöhe, schon sehen die Ladys locker über ästhe­tische Schwächen hinweg. Oder will heute jemand behaupten, die Kawasaki LTD 450 sei schön? Man schaue sich nur die wild verstreuten Chromteile an. Oder die wie ein billiger Barhocker abgesteppte Stufensitzbank mit angeschlossenem winzig, winzig kurzem Bobtail-Schutzblech.

Deutsche Zulassungsbestimmungen beraubten das Sitzmöbel sogar seiner Sissybar, doch darüber setzten sich die meisten Besitzer der Kawasaki LTD 450 ­souverän hinweg. Voll schräg das alles, Bonanza-Fahrrad eben, aber in seiner rührenden Unsicherheit ganz definitiv ein Zeitdokument. Dessen Motor, das wurde schon 1986 klar, ­übrigens weit mehr draufhatte als gemütliches Touren: In der GPZ 500 S drückt er 60 putzmuntere PS und macht sie zu einer der stärksten jemals angebotenen 500er mit Viertakt-Twin. Vergleichbares war Erik Buell mit Harley-Triebwerken nicht vergönnt.

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Weitere Informationen

Kawasaki LTD 450

Technische Daten: Wassergekühlter Zwei­zylinder-Viertakt-Reihenmotor, 454 cm³, 37 kW (50 PS) bei 9500/min, 41 Nm bei 8000/min, Sechs­gang-getriebe, Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Gewicht vollgetankt 199 kg, Reifen vorn 100/90 x 19, hinten 140/90 x 15, Tankinhalt 11 Liter, Höchstgeschwindigkeit 157 km/h, 0–100 km/h in 6,0 sek.

Szene: Die Kleinen haben die schwächste Lobby, das gilt auch unter Cruisern. Allemal, wenn sie keinen V2-Motor tragen. Dennoch genießen die bis 1990 angebotene Kawasaki LTD 450 und noch mehr ihre bis 2001 verkaufte Nachfolgerin EN 500 bei Touren- und Gelegenheitsfahrern einen prima Ruf: Wirklich gute Exemplare mit geringen Laufleistungen gibt’s für runde 1500 Euro, die Unterhaltskosten zählen kaum, jeder Kawa-Schrauber kennt die robuste Antriebstechnik auswendig. Was Wunder, denn in der ER-5 diente dieses Triebwerk bis vor wenigen Jahren.

Literatur: Wer die Kawasaki LTD 450 näher kennenlernen möchte, kann sich den Gang zum Buchhändler sparen. Außer bei echten Kaufabsichten, dann helfen die deutschsprachigen Reparaturanleitungen zu Parallelmodellen wie ER-5, GPZ 500 S oder der Enduro KLE 500. Nur auf Englisch: Alan Ahlstrand: Kawasaki LTD 450 Service and Repair Manual, Haynes Verlag, 37,95 Euro.

Internet: Auf das Liebevollste werden die Freunde kleiner Kawa-Chopper betreut auf: www.en500.de. Ebenso interessant die nette private Website www.chopperweb.de

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