Kultbike Münch Mammut Herrliches Urvieh

Der Meister ist jüngst verstorben, aber sein geniales Werk ist unsterblich – Friedel Münch und sein herrliches Urvieh, wie es von den vielen Fans und wenigen Besitzern genannt wird, das aber offiziell nie so heißen durfte.

Foto: Jahn

Genie und Wahnsinn liegen oft dicht beieinander. Auch und gerade bei Motorradkonstruktionen, die vom Großserien-Einerlei abweichen. Eine solche Konstruktion ist die Münch Mammut. Ihr Vater ist der hessische Kfz-Meister Friedel Münch, Jahrgang 1927. Der Sohn eines Werkstattbesitzers fuhr bereits Ende der 40er-Jahre Motorradrennen. Mit Vorkriegskonstruktionen war aber kein Blumentopf zu gewinnen, und so konstruierte der begnadete Schrauber und Techniker vom Motor übers Fahrwerk bis hin zur Bremse fast alles selbst. „Münch-Spezial“ hieß sein erstes Werk, mit dem er zum Tuning-Fachmann und Horex-Experten avancierte. Zeitweise arbeitete er sogar in der Versuchs- und Rennabteilung des Bad Homburger Herstellers und übernahm nach der Produktionseinstellung viele Fertigungseinrichtungen und den kompletten Imperator-Ersatzteilbestand.

Münch plante eine Kleinserie einer 500er auf Horex-Basis im Eigenbau-Rahmen, doch dann kam alles anders: Ein Schulfreund besuchte ihn 1965 mit einem NSU Prinz 1000 TT, und Friedel Münch hatte urplötzlich die genial-wahnsinnige Idee, ausgerechnet den Vierzylinder-Motor des Kleinwagens in seinen für einen Zweizylinder gedachten Rahmen zu hängen. Dann ging alles Schlag auf Schlag: Anfang 1966 Präsentation des Prototyps, IFMA 1966 Premiere des ersten Serienmodells, 1967 Beginn der Produktion. Den Namen „Mammut“ hatte sich aber bereits ein Fahrradhersteller schützen lassen – offiziell hieß das größte, stärkste und schnellste Serienmotorrad der Welt fortan nur noch Münch-4. Aus den 1085 cm³ und 55 PS der ersten Münch waren mittlerweile 1177 cm³ und 88 PS geworden. Das rund 260 Kilogramm schwere Monstrum rannte damit locker 200 km/h, das Fahrwerk war für damalige Verhältnisse ausgesprochen stabil.

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Nur 478 echte Münch-Maschinen

Friedel Münch war ein genialer Techniker, sein kaufmännisches Geschick fiel dagegen eher mäßig aus. Mit seinem ersten Partner, dem US-amerikanischen Verleger Floyd Clymer, klappte die Zusammenarbeit noch ganz gut, doch als der 1970 kurz vor seinem Tod seine Anteile einem ebenfalls aus den USA stammenden Playboy und Berufs-Sohn verkaufte, war das der Anfang vom Ende.

Nach zwei Jahren tauchte der windige Teilhaber unter und hinterließ nur Schulden – Münch ging das erste Mal pleite. Aber das Stehaufmännchen Friedel Münch machte weiter und baute ab 1973 mit der TTS-E das weltweit erste Serienmotorrad mit Einspritzanlage und 100 PS. Doch die Luft für exklusive Big Bikes wurde immer dünner, denn die japanischen Hersteller hatten mittlerweile kräftig aufgeholt – die Verkaufszahlen des in Handarbeit gefertigten und immer schon sehr teuren Motorrads (über 20.000 Mark) stimmten nicht mehr. So endete die Partnerschaft mit einem deutschen Verpackungshersteller nach zwei Jahren wieder mit einem Konkurs.

Münch verlor zudem sein gesamtes Privatvermögen. Ab 1974 war er nur noch Angestellter des Frankfurter Käsegroßhändlers Heinz W. Henke, der die Namensrechte und Produktionseinrichtungen gekauft hatte. Der Kaufmann Henke und der Techniker Münch zerstritten sich, ab 1976 gingen beide erfolglos eigene Wege. Henke verkaufte noch bis 1980 mehr schlecht als recht unter dem Markennamen Münch. Friedel Münch betreute seine alten Kunden, rüstete sieben Maschinen auf Turbomotoren um und baute mit der Horex 1400 TI und den Modellen Titan 1800 und 2000 noch ein paar sündhaft teure Einzelstücke. Als echte Münch wurden nur 478 Maschinen gebaut, davon 130 TTS-E. Überlebt haben weltweit rund 250 Exemplare. Auch nach seinem 1991 erlittenen Schlaganfall blieb Friedel Münch der verschworenen Mammut-Treiber-Gemeinschaft eng verbunden; doch am 27. April 2014 musste er sich im Alter von 87 Jahren von dieser Welt verabschieden. Seine Mammuts galoppieren aber munter weiter.

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Foto: Jahn

Daten
(Münch-4 1200 TTS) luftgekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, 1177 cm³, 65 kW (88 PS) bei 6500/min, 111 Nm bei 4800/min, Vierganggetriebe, Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohren, Gewicht vollgetankt 255 kg, Reifen vorn 3.25 H 19, hinten 4.00 H 18, Tankinhalt 18–34 Liter, Höchstgeschwindigkeit ca. 200 km/h.

Literatur
„Die Legende Friedel Münch und seine Motorräder“ von Winni Scheibe, 176 S., 49 Euro plus 6 Euro Versand,
nur über den Autor, E-Mail: winni-scheibe@t-online.de, Internet: www.winni-scheibe.com

Spezialisten
DBH-Motorradtechnik, Tel. 0 41 31/85 07 47, www.dbh-motorradtechnik.de, Mike Kron, Tel. 0 62 94/5 81, www.the-classic-bike-mike.de. Im Technik Museum Speyer ist eine Münch-Dauerausstellung mit 26 Unikaten der Baujahre 1967 bis 1999 zu sehen. Im Spielfilm „Mammuth“ von 2010 spielt eine Münch neben Gérard Depardieu die Hauptrolle. Als DVD für unter 10 Euro z. B. über www.amazon.de

Marktsituation
Nur 478 Exemplare wurden (offiziell) gebaut, keine 300 haben überlebt. Und die dürften fast ausnahmslos fest in Sammlerhand sein. Wenn dann doch einmal verkauft wird, spielt sich unter 60 000 Euro für ordentliche Originale nichts ab. Und was noch schlimmer ist: Die Öffentlichkeit bekommt davon so gut wie nie etwas mit – auf mobile.de gibt es aus gutem Grund keine Münch-Rubrik...

Club/IG/Internet
Münch-4 Club e. V., Albert Stehle, Tel. 0 23 05/8 58 94, E-Mail: acbc61@web.de

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