Kultbike Yamaha RD 350 LC Yamaha RD 350 LC

Das Zweitakt-Thema war für immer durch. Abgas, Lärm, ja, ja, schon okay, muss wohl sein. Dann kam Ende 1979 Yamaha aus der Deckung und zeigte die unverschämte Yamaha RD 350 LC her.

Foto: Jahn

Kawasaki und MV Agusta hätten auch 50 WM-Titel einfahren können, für kundige Zeitgenossen heißt die erfolgreichste 350er-Rennmaschine der 70er-­Jahre Yamaha TZ. Dieser Production Racer, dessen Reihentwin einfach so aus der Kiste 70 PS weiterreichte, dominierte national nach Belieben, das 250er-Modell ebenso, die Starterfelder glichen einem Markenpokal.

Anfangs wähnten sich die Fahrer der Serienzweitakter namens RD ebenfalls vom Sieger-Gen beseelt, doch im Lauf der Jahre wurden sie durchgereicht. Vor allem Fahrwerk und Bremsen fehlte Entschlossenheit, verschärfte Umweltauflagen zwangen bald darauf auch ihre luftgekühlten Twins in die Knie – scheinbar sah Yamaha dem qualvollen Tod seiner traditionsreichen Zweitakter tatenlos zu.

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Yamaha RD 250 und 350 werden neu geboren

Doch im Herbst 1979 drangen erste Gerüchte aus der Intensivstation in Iwata: Er kommt noch mal durch, der Schlitzgesteuerte. Kurz darauf empfing Yamaha eine MOTORRAD-Delegation und bestätigte: Stimmt, Yamaha RD 250 und 350 werden neu geboren und basieren auf den TZ, im Winter startet die Produktion. Fröhlich lächelnd gaben die Japaner ihren Besuchern noch ein paar Bildchen mit, und allein deren Abdruck genügte, um Yamaha-Vertretungen in Wallfahrtsorte zu verwandeln. 49 PS bei 132 Kilo trocken waren für die 350er versprochen, Wasserkühlung und Canti­lever-Hinterradschwinge wie im Renngerät obendrein: Hosianna, wo ist der Kaufvertrag? Berufstätige orderten die Große, Studenten und Kleinverdiener die versicherungsgünstige 250er. Wer ­heute eine Erklärung für diesen Überschwang sucht, muss sich nur die damals gängigen Vierzylinder-Viertakter anschauen, unter denen eine Honda CB 900 mit ausflugstauglicher Leistungskurve, 95 PS und 250 Kilo sanft gefedertem Kampfgewicht den siegesgewissen Beinamen Bol d’Or beanspruchte.

Schon im Stand verbreitet die neue Yamaha RD mehr Angriffslust, verzichtet auf schwülstigen Chrom und fette Wichtigtuerei, verspricht mit ebenso gekonnt wie schön verlegter Auspuffanlage große Schräg­lagenfreiheit und mit angemessen schmalem Räderwerk tolles Handling. Bingo. Weniger Zustimmung ernten die übertrieben komfortablen Federelemente, noch weniger die aus je einer Plastikbuchse bestehende Schwingenlagerung. Deren programmierter Verschleiß nach wenigen Tausend Kilometern mündete jedes Mal in einem peinlichen Eiertanz, Yamaha spendierte 1981 serienmäßig Bronze.

Auch eine fülligere Leistungskurve versprach die optisch unveränderte Neuauflage, aber es ist eben alles relativ: So oder so verlangt der Ampelstart gut 3000 Touren, erst knapp unter 6000/min kommt Schwung in die Bude. Drüber rockt dann aber der Papst. Wer sich darauf nicht vorbereitet – und das vergaßen einige –, schießt noch im dritten oder vierten Gang in die Wiese. Wer den Bogen raus hat, lässt es plärren bis etwas über Nenndrehzahl 8700, danach knickt die Leistungskurve weg. Hochschalten im herrlich präzisen Sechsgang­getriebe, alle Anschlüsse passen, weiter, weiter. Auf die nächste Spitzkehre zu. Achtung, der Motor bremst kaum mit, die mäßig ­dosierbare Doppelscheibe verlangt Vorsicht. Umlegen, so leicht, so präzise. Mann, diese RD fällt unters Rauschmittelgesetz, mehr Fahrspaß war nie, und einzig ihr 17-Liter-Tank bewahrt vor dem totalen Flash, den saugen die 28er-Mikunis nämlich bei strammer Fahrt auf 200 Kilometern leer.

Mit der gewitzten Power-Valve-Auslasssteuerung, einer eng anliegenden Vollverkleidung, 63 PS und strafferem Fahrwerk perfektionierte Yamaha die RD 350 weiter, bis sie schließlich 1990 abtrat. Als Denkmal.

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Daten und Infos

Daten: Wassergekühlter Zweizylinder-Zweitakt-Reihenmotor, 347 cm³, 36 kW (49 PS) bei 8700/min, 40 Nm bei 8200/min, Sechsganggetriebe, Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Gewicht vollgetankt 161 kg, Reifen vorn 3.00 S 18, hinten 3.50 S 18, Tankinhalt 17 Liter, Höchstgeschwindigkeit liegend 178 km/h, 0–100 km/h in 5,4 sek.

Literatur: Auf Deutsch gibt es – immerhin – die auch als Lesestoff interessante „Reparaturanleitung Zweitakter“ von Franz Josef Schermer für 29,90 Euro. Spezieller wird es beim englischsprachigen Werk „Yamaha RD 350 LC/YPVS“ in der Serie Haynes Great Bikes von Phil West, Preis: ab 16 Euro.

Spezialisten: Die letzten RD 350 wurden 1990 verkauft, altgediente Yamaha-Mechaniker verstehen also noch was davon. Zu den ausgewiesenen Spezialisten zählen Marco Böhmer in 95233 Helmbrechts (Internet: www.sonic-speed.net) und Rolf Listl in 49124 Georgsmarien­hütte (www.yasuka.de).

Szene: Zweitakt-Freunde sind in den letzten 20 Jahren enger zusammengerückt, und mittlerweile halten sie nicht nur öl­umwölkte Treffen ab, sondern pflegen gleichermaßen den gehobenen Erfahrungsaustausch oder gemeinsame Rennstrecken-Ausflüge. Natürlich zählen gut erhaltene RD 350 LC zu ihren begehrteren Geräten, dementsprechend ziehen die Preise an. Gute Exemplare sind unter 2000 Euro kaum zu kriegen, selten zu findende Spitzenware kostet locker 500 Euro mehr.

Internet: Man trifft sich bei www.rd350lc.de, in größerem Kreis auch bei www.zweitakt.de.

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