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Kultbike Yamaha XJ 650 Grundstein einer großen Familie

Schon vor 35 Jahren hoffte man, ein einziges Motorrad würde mal alles können. Diesem Ideal versuchte die Yamaha XJ 650 näher zu kommen – und war der Grundstein für eine große Familie.

Sportausflug, Urlaubsreise und Berufsverkehr. Da wählt der Yamaha-Fan von heute am liebsten R1, Lufthansa und Straßenbahn. Oder Mountainbike, FJR 1300 und Motorroller. Früher musste das alles mit dem Motorrad gehen, mit dem einen einzigen, und dieses Anforderungsprofil setzte die Entwickler gehörig unter Druck. Zwar konnte Yamaha mit den XS-Drei- und Vierzylindern wackere Tourer vorzeigen, aber Landstraßenhatz oder Rushhour überforderten die Schwergewichte irgendwie.

Flotte Runden drehten dagegen die RD-Zweitakter, doch die soffen ­heftig und taugten so gar nicht für grobmaschige Tankstellennetze ferner Traumländer. Nein, die Eier ­legende Wollmilchsau musste anders aussehen, und Takehiko Hasegawa sollte sie bauen. Der Yamaha-Entwicklungschef setzte folgende Eckdaten: Vierzylinder-Reihenmotor mit ansprechender Leistung, stabiles Fahrwerk, maßvolles Gewicht und Kardanantrieb. Außerdem platzierte er sein Motorrad in der durch Kawasaki neu belebten 650er-Klasse: Es sollte intelligent sein, nicht protzen.

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Vergebliches Warten auf versteckte Mängel

Folglich genügten ihm zwei Ventile über jedem der vier Doppelkugel-Brennräume, allerdings drehzahlfest über Tassenstößel und zwei obenliegende Nockenwellen aktiviert. Denn rennen sollte sie schon, die Ende 1979 präsentierte, sofort heiß diskutierte Yamaha XJ 650, und sowohl ihre geringe Schwungmasse als auch die hohe Nennleistung verlangten nach überdurchschnittlichem Drehvermögen. Unter 5000 Touren verbreitet ihr Motor artige Kultiviertheit, erst danach entwickelt er mit heiserem Fauchen zünftige Leistung und strebt seiner für damalige Verhältnisse beachtlichen Höchstleistung entgegen.

Rund 110 PS pro Liter Hubraum, das war ein Wort. Dank eines sehr wirkungsvollen Ruckdämpfers auf der Getriebeausgangswelle passte sogar der Kardanantrieb ins Sportprogramm, der um den Steuerkopf hingebungsvoll verstärkte Rahmen erhob sich ebenfalls weit über alle bekannten Standards. Ein echter Treffer, die Kleine, sehr schlau und auch hochwertig gemacht: Üblicherweise steckten die Lichtmaschinen der Yamaha XJ 650 damals dick und fett auf einem Kurbelwellenstumpf.

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Yamaha XJ 650 bunkert im Tank fast 20 Liter

Hasegawa räumte sie hinter die Zylinder, ließ sie über Zahnkette antreiben und gewann jede Menge Schräglagenfreiheit. Demselben Ziel widmet sich die gekonnte Führung der Auspuffanlage: Alle Krümmer münden in einen Sammler unter dem Motor, von dort gehen die beiden schlanken Endschalldämpfer ab. Auf der klappbaren (darauf legten Tourenfahrer Wert!) Sitzbank hockt man vorn prima, hinten immer noch gut. Eine elektronische Zündung mindert den Wartungsaufwand, der Tank bunkert fast 20 Liter, und selbst wenn er randvoll ist, darf die Yamaha XJ 650 noch 202 Kilo zuladen. Als sie auch noch Vergleichstests in Serie gewann, begann das große Warten auf versteckte Mängel.

Es dauert bis heute. So robust hatte Yamaha seinen Tausendsassa ausgelegt, dass dieser bald eine Zweitkarriere als beliebtes Kurierfahrzeug aufnahm. Wundert sich jemand, dass die 650er ein echter Verkaufshit wurde? Und dass sie mit ähnlich konzipierten kleinen wie großen Schwestern von 400 bis 900 cm³ eine der erfolgreichsten Yamaha-Modellfamilien formte? Auch Takehiko Hasegawa war recht zufrieden mit ihr und hielt sie, na ja, für einen wichtigen Zwischenschritt. „Das ideale Motorrad“, so äußerte er bei der Premiere der Yamaha XJ 650, „hat 80 PS, wiegt 200 Kilo und läuft 200.“

Foto: fact
Hin und wieder wird mal eines der besseren davon für unter 1500 Euro abgegeben, weniger gute kosten nur ein paar Hunderter.
Hin und wieder wird mal eines der besseren davon für unter 1500 Euro abgegeben, weniger gute kosten nur ein paar Hunderter.

Infos zur Yamaha XJ 650

Yamaha XJ 650

Daten: Luftgekühlter Vierzylinder-Viertakt-dohc-Reihenmotor, je zwei Ventile pro Zylinder, 653 cm³, 52 kW (71 PS) bei 9400/min, 57 Nm bei 7200/min, Fünfganggetriebe, Kardanantrieb Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Gewicht vollgetankt 230 kg, Reifen vorn 3.25 x 19, hinten 120/90 x 18, Tankinhalt 19,5 Liter, Höchstgeschwindigkeit liegend 197 km/h, 0–100 km/h in 4,8 sek.

Szene: Die Yamaha XJ 650 fand von 1980 bis 1984 in Deutschland beinahe 14.000 Käufer, noch immer dürften an die 5000 Exemplare im Verkehr sein. Hin und wieder wird mal eines der besseren davon für unter 1500 Euro abgegeben, weniger gute kos­ten nur ein paar Hunderter. Bei noch entspannter Ersatzteillage bieten nicht viele Motorräder derart unverfälschten 80er-Jahre-Charme, die allerwenigsten aus jener Zeit erreichen die Qualitäten dieser Yamaha. Noch heute kennt sich jeder Yamaha-Händler bestens aus – prinzipiell ähnliche luftgekühlte XJ-Modelle waren bis 2004 im Programm. Wer sich ans Restaurieren machen will, kann zur Reparaturanleitung aus dem Bucheli Verlag greifen (Preis: 39,90 Euro).

Internet: Die Interessen der großen und rührigen Fangemeinde der Yamaha XJ 650 bündelt: www.xj-forum.de. Hier gibt es jede Menge Tipps und Termine.

MOTORRAD-Classic: Unsere Schwesterzeitschrift hat eine große Story zur Yamaha XJ 650 in Ausgabe 4/2011 gebracht. Heft-Nachbestellung unter 07 11/32 06 88 99.

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