Ländervergleich Auf und nieder

In Deutschland werden immer weniger neue Motorräder verkauft, in Italien dagegen immer mehr. Dabei geht’s den Italienern, der neuen Nummer eins in Europa, ökonomisch gesehen auch nicht besser als uns. Ein Vergleich der Märkte und Mentalitäten.

Foto: Ducati
vor zehn Jahren konnte die deutsche Motorradindustrie noch dicke Backen machen: locker über 170000 Neuzulassungen 1994. Eine Macht auf dem Markt, die sich ausspielen ließ. BMW wie auch die Japaner entwickelten speziell auf deutsche Motorradfahrer zugeschnittene Modelle. Das war einmal. Nicht nur, dass die Japaner heutzutage begierig nach China schielen und die alte Welt oft mit langweiligen Modellen abspeisen. Mittlerweile sieht
es so aus, dass Deutschland noch nicht mal in Europa seinen Platz behaupten kann. Deutschland 124588, Italien 142858 Neuzulassungen (Januar bis November 2004). Würde man sämtliche Roller über 50 cm3 hinzuzählen, käme Italien sogar auf satte 412229 Maschinen.
Warum ziehen die Italiener vorbei? Dass südlich des Alpenhauptkamms besseres Wetter herrscht als etwa in der norddeutschen Tiefebene, kann das nicht erklären. Denn das war schon immer so. Mit der Topographie – 80 Prozent Berge und Hügel – verhält es sich ebenso. Auch die zahlreichen Rennstrecken, auf denen man sich vergnügen kann, existieren nicht erst seit gestern.
An der Wirtschaft kann es ebenfalls nicht liegen. Die italienischen Löhne und Gehälter hinken – bei ähnlich hohen Lebenshaltungskosten – hoffnungslos hinter den deutschen her (siehe Statistik Seite 120). Die Schere zwischen Arm und Reich, die sich auch in Deutschland weiter öffnet, klafft in Italien schon lange weit auseinander. Die dortige Arbeitslosenquote liegt mit 8,3 Prozent zwar unter der deutschen, doch nach sechs Monaten ist es mit der staatlichen Unterstützung vorbei. Von Hartz IV können italienische Langzeitarbeitslose nur träumen. Ähnlich löst die deutsche Aufregung über die Gesundheitsreform Kopfschütteln aus. Brillen und Zahnspangen gehen im Stiefelstaat seit jeher auf private Rechnung; die Praxisgebühr beläuft sich auf mindestens 18 Euro und wird nicht nur einmal im
Vierteljahr, sondern bei jedem Facharztbesuch fällig. Und so
wie Deutschland den wirtschaftlich schwachen Osten schleppt
Italien bereits jahrzehntelang den rückständigen Süden mit durch. Unterschiedliche Lebensverhältnisse in einzelnen Regionen: bei uns ein großer Aufreger, bei den Tifosi eine Realität,
an die sich die meisten längst gewöhnt haben. Keine rosigen Verhältnisse also.

Wenn es den Italienern wirtschaftlich eher schlechter geht als den Deutschen, wo kommen dann die ganzen Motorradfahrer mit ihren nagelneuen Maschinen her? »Ich sehe drei Faktoren«, sagt Marco Riccardi, Chefredakteur der größten Motorradzeitschrift motociclismo. »Erstens gibt es neuerdings einen ganzen Schwung von Wiedereinsteigern ab 40, und die haben in der Regel Geld. Zweitens hören die Leute heute mit 30 nicht mehr auf, Motorrad zu fahren, sondern nutzen es als Freizeitgerät weiter. Und drittens erleben wir einen starken Rossi-Effekt, der vor allem die Jungen zum Motorrad treibt.« Der sechsmalige Motorrad-Weltmeister
Valentino Rossi, ebenso eloquent wie sympathisch, trägt in der Tat viel zu Italiens Zweirad-Boom bei, das Motorrad hat, anders als in Deutschland, Chic und Lifestyle-Qualität. Selbst die namhaftesten Modeschöpfer lassen sich stark von Motorradjacken und Rennstiefeln inspirieren. Deutschlands erfolgreichster aktiver Rennfahrer heißt nach wie vor Ralf Waldmann. Den wünscht sich nicht jede Mama als Schwiegersohn, und auch als Idol taugt er nicht wirklich.
Gleiches gilt zwar für die Aushängeschilder der italienischen Motorradindustrie – Ivano Beggio, Federico Minoli, Claudio Castiglioni, Roberto Colaninno, die Chefs und Ex-Chefs von Aprilia, Ducati, MV, Piaggio. Doch diese Herren sind reif fürs Boulevard, und hier findet man sie denn auch. Wer kennt dagegen schon
Dr. Diess, Herrn Vasuthewan oder Dr. Schnorr? BMW, MZ, Sachs. Nur dort stehen diese Männer vor. Sonst hingegen hintan. Die
Industrieprominenz rekrutiert sich in Deutschland aus Auto-
mobilkreisen. Das hat zum einen mit Zahlen zu tun: Mit Autos
und dem, was dazugehört, werden laut Verband der Automobil-
industrie (VDA) jährlich über 200 Milliarden Euro umgesetzt, die Motorradbranche schafft gerade mal sieben Milliarden.
In Italien mögen die Relationen nicht dramatisch anders aussehen. Aber man bringt dem Motorrad eine andere, näm-
lich höhere Wertschätzung entgegen. Das gilt speziell für die Maschinen aus eigener Produktion. 45000 der 142000 bis
November 2004 zugelassenen Motorräder, ein knappes Drittel also, und über 172000 der Roller wurden in Italien gebaut. In Deutschland sind es, alle Hersteller zusammengenommen – und Hersteller heißt hier letztlich: BMW –, nicht einmal ein Fünftel.

Zum Boom in Italien trägt freilich die Verkehrssituation bei, die sich in den verwinkelten Innenstädten deutlich drastischer darstellt als in Deutschland. 30 der 57 Millionen Italiener sind täglich mobil, 21 Millionen davon auf dem Weg zur Arbeit. Von diesen wiederum benutzen lediglich sieben Prozent die mehr schlecht als recht funktionierenden öffentlichen Verkehrsmittel. Das alltägliche Chaos auf den Straßen von Rom, Mailand, Neapel und Florenz hat die Grenze des Erträglichen längst überschritten. In Rom etwa stehen für eine Million Autos bescheidene 100000 kostenlose Parkplätze zur Verfügung, und die Stadtverwaltung denkt gar nicht daran, etwas zu ändern, sondern stellt munter Strafzettel aus. Statistiker haben ausgerechnet, dass jeder Italiener sieben Jahre seines Lebens im Auto verbringt – zwei davon gehen allein für die Parkplatzsuche drauf. Kein Wunder, dass eine steigende Zahl von Autofahrern auf Roller und Motorräder umsteigen, denn für die findet sich fast stets ein Plätzchen. Jedoch möglichst neu müssen die Zweiräder sein. Wegen immer häufiger verhängter Fahrverbote bei Smoggefahr. Ökologisches Denken kann mitunter äußerst konjunkturfördernd wirken.
Der Umstieg ins Zweiradleben klappt problemlos. Für 125er reicht der Autoführerschein sowieso, und wer mehr Power und Kubik will, kommt billig davon, weil der Besuch einer Fahrschule nicht zwingend vorgeschrieben ist und jeder Aspirant privat üben darf. So kostet der Motorradführerschein im günstigsten Fall allein die Gebühr für den Prüfer – 44 Euro. Und vorsichti-
gere Zeitgenossen, die sich lieber in der Fahrschule ausbilden lassen, zahlen in der Regel höchstens zwischen 350 und 500 Euro, theoretische und praktische Prüfung eingeschlossen. In Deutschland sind da im Schnitt pralle 1500 Euro fällig.

Den Jungen wird der Einstieg ebenfalls leicht gemacht. Bereits ab 14 dürfen sie 50er fahren, und immer mehr der Teenies entscheiden sich nicht für Roller, sondern für richtige kleine Motorräder – eine Auswirkung des Rossi-Effekts. Mit 16 sind 125er
mit 15 PS erlaubt, und zwar ohne die absurde Beschränkung auf Tempo 80 wie in Deutschland.
Teuer dagegen kommt mit rund 1,17 Euro pro Liter der Sprit, auf den Autobahnen sind zudem rund fünf Euro Maut pro 100 Kilometer zu berappen. Doch selbst das kann die Italiener nicht vom Motorrad fern halten. »Hier ist die wirtschaftliche Lage schon viel länger angespannt als in Deutschland«, erklärt Claudio Corsetti, Chefredakteur der Zeitschrift in moto. »Irgendwann ist man das ewige Sparen leid und gibt das Geld doch wieder aus.« Allerdings mit Bedacht. In Italiens Top-Ten liegen günstige Mittelklasse-Motorräder vorn.
Im Italien des Signor Berlusconi ist das Vertrauen futsch, folglich haut man die Kohle raus. Im Deutschland des Herrn Schröder arbeitet man noch fleißig daran. Indem vor allem die Wirtschaft
ihren eigenen Standort schlecht redet. Von wegen zu hoher Löhne und Steuern und so. Die Neoliberalen geben den Ton an, Parteien übergreifend, und die an den Keynesianismus, den rheinischen, sozialstaatlichen Kapitalismus gewöhnten und von ihm – vielleicht – verwöhnten Bürger reagieren geschockt. Statt es rauszuhauen, hocken sie auf ihrem Geld. Eine verständliche, aber, logisch
betrachtet, sinnlose Hortungsaktion. Denn: Sollte der schlimmste anzunehmende Fall, eine lange Zeit ohne Arbeit, eintreten, schenken sie dank Hartz IV-Effekt ihr sauer Erspartes schlicht und treu dem Staat. Und fahren statt ZX-10R nach wie vor GPZ 900.
Wofür es freilich noch weitere Gründe gibt, die in der Mentalität zu suchen und zu finden sein dürften. Dazu gehört, dass es in Deutschland traditionell schwer war und ist, sich zur Unvernunft zu bekennen. Zum Motorrad zum Beispiel, das hier zu Lande, nach einer Zeit, in der es als rebellisch und chic galt, eines zu fahren, arg vernünftelt und versittsamt wurde. Mit Protektoren, ABS, Ride-to-work-days, Motorradgottesdiensten und vielem anderen Wohlgefälligen mehr. Die Honda CBF 600, Deutschlands Meistverkaufte, trägt bei uns den Zusatz ABS, in Italien ist sie auch ein Renner, nur will die da keiner mit ABS.
Von allen objektiven Faktoren abgesehen, scheinen die Italiener insgesamt einfach mehr Spaß am Leben, mehr Spaß am Gasgeben als am Bremsen zu haben. Und das trifft nicht nur aufs Motorradfahren zu. Jammern gilt als uncool, und auf den Staat, von dem die Deutschen wegen der Einschnitte im sozialen Netz derzeit so enttäuscht sind, hat sich dort eh noch nie
jemand verlassen. Man arrangiert sich eben, irgendwie.

Während für die meisten Deutschen selbst beim Motorradfahren der Sicherheitsgedanke im Vordergrund steht, denken die Italiener dabei vor allem ans Vergnügen. Das zeigt sich etwa an den Klamotten. Im T-Shirt düsen sie mal schnell zur nächsten Eisdiele, im Bademantel an den nahen Strand, und selbst die Redakteure der Motorradzeitschriften testen oft in Jeans und Lederjacke, ohne dass gleich ein empörter Aufschrei durch Leserschaft und Industrie-Verband geht. Prominenter Vorreiter des Spaß-an-der-Freude-Gedankens ist Valentino Rossi, der sich nach seinen Grand-Prix-Siegen gern mitten auf der Rennstrecke verkleidet und für eine Runde in Badehose und Badeschlappen schon mal Ermahnung und Geldstrafe kassiert. Das ficht den 25-Jährigen allerdings nicht an, denn Grenzen sind für ihn dazu da, gesprengt zu werden. Ein eklatanter Unterschied zum deutschen Superhelden Michael Schumacher, der sich stets äußeren Zwängen beugt. Klar, das hat Vorbildfunktion und ist politisch korrekt – aber eben auch unendlich langweilig.
Ob Italien auf seinem hohen Motorradstandard bleibt? Insider bezweifeln das. »Der Markt scheint gesättigt«, sagt motociclismo-Chef Marco Riccardi. »Und dass sich inzwischen die meisten Händler weigern, gebrauchte Motorräder in Zahlung zu nehmen, verheißt nichts Gutes. Viele Motorradfahrer werden ihre alten
Maschinen lieber behalten, als sie unter Wert zu verkaufen.« Bleibt Superstar Valentino Rossi. Doch aus dieser Richtung droht ebenfalls Ungemach: Marlboro will den begehrten Twen unbedingt in die Formel 1 locken und hat offenbar bereits einen 40-Millionen-Dollar-Vertrag in der Schublade liegen – für 2006. Gut möglich, dass dann Italiens Zulassungszahlen drastisch sinken. Und Deutschland wieder Erster wird. Auf niedrigerem Niveau.
Könnte aber auch sein, dass Deutschland dazulernt. Von Italien beispielsweise. »Hier sind die Löhne eben hoch«, sagt Ducati-Boss Minoli. »Denn von was sollen die Leute sonst unsere Motorräder kaufen.« In Deutschland sind die Löhne noch höher, und acht Millionen Menschen, die Motorrad fahren könnten, tun das nicht. So betrachtet ist die Motorradbranche ein verlässlicher
Indikator für die Konjunktur und – wichtiger noch – für die Lust am Leben. Denn ein Motorrad braucht kein Mensch. Man muss es wollen und es sich auch leisten können. Weil es nicht ins Reich der Notwendigkeit, sondern in das der Freiheit gehört.

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