Langstreckentest Aprilia RSV mille (Archivversion) Aprilia-Frische

Sie wurde erwartet wie der erste Sonnenstrahl nach grauem Winter und wehte wie eine Frühlingsbrise über die Alpen. Aprilias Mille, das erste »richtige« Motorrad aus Noale, war erfrischend neu, erfrischend anders. Und sie konservierte diesen Zustand über 50000 Kilometer.

Monotonie herrscht, wenn alle das gleiche machen. Langeweile kommt auf, wenn alle das gleiche denken. Spannung heißt, das alles ganz neu und anders ist. Ein Motorrad von einem Hersteller, der sich bis dato bis auf zwei Einzylinder nur in Roller- und Zweitaktkreisen einen Namen gemacht hat, ist neu. Ein Motorrad mit einem 1000-cm3-V2 mit 60 Grad Zylinderwinkel ist anders. Keine Frage: Die Mille ist eine spannende Maschine. War es von Anfang an. Weil sie den Menschen Reaktionen entlockte. Auch ganz untypische. Der erste Eintrag im Fahrtenbuch lautet: »Mille Grazie, Aprilia. Welch ein Motorrad.« Verfasser: Auto motor und sport-Mitarbeiter Ulli Baumann. Des Überschwangs gänzlich unverdächtig. Harry Humke, MOTORRAD- Chef vom Dienst und schon von Amts wegen ein Verfechter ausführlicher Erläuterungen, macht die Mille hingegen schlicht sprachlos. »Jau«!! ergänzt er Ullis Ausführungen, um dann, 1000 Kilometer später zum (fast) vollständigen Satz zurückzufinden. Tester Jörg Schüllers Anmerkungen, die Mille sei kein Motorrad, sondern Kunst, ergänzt er um ein »Jau, und der Klang dazu«.Aufmerksamkeit wurde der brandneuen Mille auch außerhalb der Redaktion zuteil. Beim frühjährlichen Ausritt von Testredakteur Stefan Kaschel zum Skifahren lag sie zum ersten Mal. Im harten Kies der Liftstation, weil die RSV auch Südtiroler begeistert, Skischuhe sich aber nicht zur heimlichen Sitzprobe eignen. Doch es kam noch schlimmer: Zurück in Stuttgart, schaffte sie gerade noch die 5000-Kilometer-Schwelle – und wurde gestohlen. Schüller sprach empört von Kunstraub.Zum Glück ist eine Mille kein Picasso und somit ersetzbar. Die Nachfolgerin – dieses Mal in Schwarz – fand sich schon zwei Wochen später in der Redaktion ein und wechselte fortan nicht mehr den Besitzer. Was nach guten 1000 Kilometern wechselte, war die Leistungsfähigkeit. Bis dahin mit 98 PS unterwegs, nahm die Mille ihre Aufgaben nun »offen« unter die Räder, die Leistungsmessung ergab 116 PS statt der versprochenen 118 Pferdchen. Sei´s drum. Es sollte endlich wieder los gehen. Ging es auch. Und die Debatten wurden lebhaft weitergeführt, denn neben Anhängern gab es auch ebenso viele, die der Mille kritisch gegenüberstanden. Woran lag das? Vor allem am Einsatzzweck und Einsatzort. Wer die Mille zum Cityshopping missbrauchte, wurde von dem trotz zweier Ausgleichswellen unterhalb von 3000/min ausgesprochen raubauzigen Motor mit Kettenschlagen weit oberhalb der Schmerzgrenzen bestraft. Rieb sich im Anschluss die Handgelenke und beschwor Aprilia, doch lieber bei den Rollern zu bleiben. Eine Einschätzung, der sich auch die erste Antriebskette anschloss und sich ihrer O-Ringe entledigte. Die folgenden Exemplare hatten ein Einsehen und zeigten sich resistenter.Ließ die Mille das Ortschild hinter sich, änderten sich die Eindrücke. So erging sich Onliner Andy Schulz im innerörtlichen Stop-and-Go-Chaos in Selbstmitleid, äußerte sich gar deftig (»ich werde in eine Position geschüttelt, die mir im Sinn des Wortes auf den Sack geht«), um einige Zeilen später über tierischen Spaß zu philosophieren: »Freigang vorzugsweise Samstag/Sonntag zwischen 7.30 und 10.30 Uhr in idealem Geläuf.« Service-Mann Holger Hertneck hingegen, Alpen-Profi und Kilometerfresser, wurde mit der Mille auch auf einer 3000-Kilometer-Tour durch Italien nicht recht warm und reimte: »Ene, mene, miste, was für ne Rappelkiste.« Aber auch er kam nicht umhin, der Mille dank des für diese Leistung und die flotte Fahrweise geringen Verbrauchs – auf dieser Tour im Schnitt 5,9 Liter, über die gesamte Testdistanz 6,8 Liter – und des für einen Sportler guten Windschutzes für bedingt tourentauglich zu erklären. Eine Einschätzung, die Stefan Kaschel nicht weit genug ging. Er machte die Aprilia für seine turnusmäßigen Pendeltouren zwischen Ostwestfalen und Schwaben zu seiner Favoritin, lobte Reichweite, Windschutz, Sitzposition und vor allem das in den schnellen Kurven der Kasseler Berge topstabile Fahrwerk. Dass man bei einer derart heißen Liason schnell über das Ziel hinausschießt, lernte er auf der Fahrt zum Bol d´Or. Die brave Mille schlug unter einem belgischen Mercedes ein, der Pilot die Augen erst im Hospital wieder auf. Der erste außerplanmäßige Stopp nach 20500 Kilometern.Und vorläufig auch der letzte. Denn nachdem die RSV, deren Motor und Rahmen den Sturz unbeschadet überstanden, wiederhergestellt war, tat sie, als sei nichts gewesen. Fuhr immer und verlangte in schöner Regelmäßigkeit alle 4000 bis 5000 Kilometern nach einem neuen Hinterradreifen. Dabei taten sich hinsichtlich der Funktion keine gravierenden Unterschiede auf, wohl aber im Format. Während nämlich Pirellis MTR 21/22 Corsa und Metzelers ME Z3 Racing als 180er hinten überzeugten, wahr es bei den Michelin Pilot Sport und Bridgestone BT 010 die 190er-Variante.Kleine Schwächen leistete sich die RSV auch. Diesen blöden Seitenständer zum Beispiel. So lang, dass er sicheren Stand nur in abschüssigem Gelände gewährleistet. Dann der Kühlwasserverlust, weil sich eine Schlauchschelle löste (Kilometer 24900). Etwa zu jener Zeit machte auch der Handbremshebel durch leichtes Pulsieren auf sich aufmerksam. Das steigerte sich zu ausgeprägtem Bremsenrubbeln und führte bei knapp 40000 Kilometern zum Austausch der Bremsscheiben. Kleiner Tipp: eine gute Alternative zu den teuren Originalscheiben sind Bremsscheiben von Lucas oder Hagen mit Sintermetallbelägen (siehe MOTORRAD 18/2000). In der Wirkung überlegen, kommen sie deutlich günstiger.Derartige Alternativen gibt es für den Anlasserfreilauf nicht. »Neues Erlebnis: Anlassen als spanabhebender Vorgang«, notierte Andy Schulz anlässlich des lauten Knalls beim Kaltstart ins Fahrtenbuch. Die Mille kam mit über 48000 Kilometern auf der Uhr noch einmal in die Vertragswerkstatt und verbrachte dort – mitten im Sommer – fast einen Monat, bis Freilauf und die ebenfalls verschlissenen Kupplungsreib- und Stahlscheiben gewechselt wurden. Dienst am Kunden? Schlechte Erfahrungen mit der Ersatzteilversorgung haben auch unsere Leser gemacht.Das auch die Kupplungsfedern durchaus des Ersatzes bedurft hätten, zeigte die Analyse nach Langstreckentestende. »Länge an der unteren Toleranzgrenze«, notierte Technikchef Waldemar Schwarz. Das Kolbenmaß lag bereits darüber. Ein Zehntelmillimeter Laufspiel sind zu viel, auch wenn die Mille über die gesamte Testdistanz sehr sparsam mit dem Motoröl umging und bei der Abschlussmessung gar fünf PS mehr auf die Prüfstandsrolle drückte. Handlungsbedarf auch in Sachen Getriebeausgangslager, das sich im Gehäuse drehte und dessen Außenring zwei Zehntelmillimeter Spiel aufwies. Hier hilft zunächst ein Provisorium mit eingeklebtem Lager weiter, dauerhaft ist für den Neuaufbau jedoch ein neues Gehäuse fällig, während er das schlechte Tragbild der Schaltgabeln und die leicht gerundeten Klauen des sechsten Gangs als Schönheitsfehler durchgehen. Auch das Fahrwerk zeigte sich in einem einwandfreien Zustand.Was bleibt unter dem Strich? Eigentlich nur, den Hut zu ziehen. Vor Aprilia, vor der reifen Leistung, einen Erstling mit diesen Qualitäten auf die Räder zu stellen. Vor einer Mille, die nicht nur uns, sondern auch die Käufer (siehe Leserbriefe) auf Anhieb überzeugte, und sich auch nach 50000 Kilometern noch erfreulich frisch zeigt. Erfrischend gut – und – erfrischend anders.

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