Langstreckentest Suzuki GSX-R 1000 (Archivversion) Aktenzeichen A 66080/01-5230

Nein, wir wünschen niemandem was Schlechtes. Außer vielleicht den Saftkrampen, die unsere Dauertest-Gixxe geklaut haben. Bei 27009 Kilometern – zu viel, um die ganze Sache zu vergessen und fröhlich von vorn anzufangen.

Nada, niente, nichts hatte darauf hingedeutet. Kein dummes Gefühl, nicht die leiseste Ahnung. Der letzte Eintrag im Fahrtenbuch datiert vom 22. Oktober 2001 und lautet völlig lapidar: »Strecke Stuttgart-Stadtmitte – Stuttgart-Degerloch. Neun Kilometer. Keine besonderen Vorkommnisse.« Auf seinem Nachhauseweg tankt Jörn Thomas, 34, die GSX-R 1000 noch mal randvoll. 14,40 Liter Super für 28,12 Mark. Hinten ein brandneuer Reifen, Bridgestone BT 010. Vor drei Stunden montiert. Alles perfekt für die Tour, morgen, ein Familienausflug des MOTORRAD-Dauertestfuhrparks (Heft 2/2002). Nur: Jörn und die Suzi sollten nicht dabei sein.»Gegen 19.00 Uhr parkte ich die Maschine direkt vorm Hauseingang Nummer 15, sicherte sie per Lenkschloss und ging in meine Wohnung.« Polizeiobermeister I. Griegeich (Name von der Redaktion geändert) nimmt Jörns Anzeige auf. Die GSX-R ist weg. Geklaut! Es geschah über Nacht.»Amtliches Kennzeichen S-M 145. Fahrzeug-Identifizierungsnummer JS1BL111200102893. Tag der ersten Zulassung 05. April 2001.« Es ist zum Heulen. In nur sechseinhalb Monaten sammelte die blau-weiße 1000er rekordverdächtige 27009 Kilometer. Ein untrügliches Indiz ihrer Beliebtheit. Noch mal sechs Monate, und die 50000 wären voll gewesen. Das schaffen nicht viele. So ein Langstreckentest kann sich ziehen. Den Hammer aus Hamamatsu aber rissen sich die Kollegen fieberhaft aus den Händen. Gierig, die im Top-Test (4/2001) zitierten Drehmomentanfälle des 201 Kilogramm leichten Hypersportlers hautnah zu erleben. Selten saßen die Führerscheine so locker. Nun – wenn 7,4 Sekunden von null auf 200 keine Sünde mehr wert sind, was dann?Niemand kehrte enttäuscht von seinem GSX-R-Tripp zurück. Manche jedoch mit einem dicken Fragezeichen im Gesicht. »Ist das jetzt schön, wenn das Vorderrad bei 180 abhebt – oder eher ein bisschen schrecklich?« Nach sechs Wochen Laufzeit die 6000er-Inspektion. Auf der altdeutschen Rechnung stehen 235 Mark. Reparaturen: keine. Zuvor allerdings wurden Stimmen ob einer verzögerten Gasannahme laut. Und sie reißen nicht ab. Ab Tachostand 8000 ist schließlich von übelsten Lastwechselreaktionen die Rede: »Das Ding ruckelt und zuckelt und verschluckt sich, sobald man den Gasgriff nur scharf anschaut.« Bei 10534 Kilometern wissen wir: Der Drosselklappenpotenziometer ist hin, weil die Rückholfeder klemmt. Suzuki kennt das Problem, ersetzt das Teil auf Garantie und rüstet die GSX-R seit Herbst 2001 serienmäßig mit einem desmodromisch gesteuerten Sensor aus.Ab 15. Juni brennt der Dauertest wieder auf voller Flamme. Und die FI-Lampe brennt auch. Ein Zeichen, dass irgendwas mit der Einspritzung nicht stimmt. Nur: Die Suzi wirkt völlig normal. Beim 12000er-Kundendienst werden sämtliche Kontakte gereinigt, getrocknet, gecheckt und gesprayt – die rote Lampe blinkt unverdrossen weiter. Bis der Stellmotor der Sekundärdrosselklappen im Auspuff erneuert wird. Danach ist Ruh, die Lampe aus.Zwischenzeitlich kam die 1000er allerdings öffentlich ins Gerede, wegen der Sache mit der Sicherungsschraube am Schaltautomat. An manchen Maschinen hatte sie sich gelöst. Folge: Das Getriebe lässt sich nicht mehr betätigen. Wird die Schraube angezogen und gesichert, ist das Problem passé. Was bleibt ist das saudumme Gefühl, dass das Corpus Delicti, wenn es weit genug nach außen wandert, mit dem rotierenden Kupplungskorb in Berührung kommen und jede Menge Kleinholz verursachen könnte.»Besondere Kennzeichen?« POM Griegeich reißt Jörn jäh in die Gegenwart zurück. »Wie? Ach so – ja: MRA-Spoilerscheibe (getönt), Innenkotflügel und Fußrastenanlage von Team Métisse.« Perlen vor die Säue geworfen. Allein die frisch verschraubte Pedalerie ist 279 Euro wert, wenngleich nicht jedermanns Geschmack, da extra sportlich positioniert. Genau den Tacken zu weit hinten, den die serienmäßigen Rasten zu weit vorn montiert sind. Für die Rennstrecke, ja, dafür hätt’s vielleicht getaugt. Aber den Weg hat die métisste Gixxe leider nicht mehr gefunden.Dabei lagen die Metzeler Rennsport schon bereit. Eine Reifenpaarung, wie für die GSX-R gemacht. Grip bis zum Abwinken, tadellos stabil, komfortabel obendrein. Jedoch mit beachtlich kurzer Halbwertzeit und extrem warmfahrbedürftig. Darum griffen wir auf offener Straße lieber zum ME Z3 oder zum serienmäßigen Bridgestone BT 011 F/BT 010, der ebenfalls alles andere als schlampig ist, da einigermaßen langlebig und fürs alltägliche Heizbrennen garantiert gut genug. Genau wie die serienmäßigen Federelemente. Nur derbe Racer könnten auf der Rennstrecke mehr Zugstufe hinten und härtere Gabelfedern vertragen.Unsere Versuche, die Suzuki mittels ABM-Lenkerumbau und »Speed Bag« (by Beyer) auf Touring zu trimmen, schlugen fehl. Der breite, hohe Superbike-Lenker erleichtert zwar das Handling und den Druck auf die Handgelenke gehörig, doch ins Konzept der GSX-R fügt er sich ungefähr so harmonisch wie eine Bratwurst »an Senf« in ein Fünf-Sterne-Menü. Witzig – irgendwie, aber nicht wirklich gut, weil viel zu grob. Beim Speed Bag, ein 101 Liter fassendes Gepäcksystem, versagte der Resthumor der Redaktion: sieht nicht nur schlimm aus, fühlt sich auch schlimm an, da der Schwerpunkt extrem weit nach oben wandert und die Fuhre spürbar aus der Balance bringt.Mit allen Mitteln verteidigt der Kurvenscanner seinen Ruf als einer der steilsten Sportler unter der Sonne. Ein Purist, der auf touristische Qualitäten pfeift, sich – wenn‘s pressiert – bis zu 9,8 Liter Super einverleibt und nur ungern diesseits der 100-km/h-Marke unterwegs ist. Einzig die vordere Bremse will nicht recht zum zornigen Racer-Image passen. Die Kritik ist dieselbe wie beim Langstreckentest der GSX-R 750 in MOTORRAD 21/2001: tauber Druckpunkt, schlechtes Kalt- und Nassbremsverhalten.Jörn zuckelt mit der S-Bahn ins Büro. Stuttgart-Degerloch – Stuttgart-Stadtmitte. Neun Kilometer. 3,70 Mark. In Gedanken bei den Kollegen, die jetzt gen Elsaß preschen, Kilometer sammeln, um die Dauertests zu beschleunigen. Die Suzi war schneller fertig als die Polizei erlaubt. Irgendwie symptomatisch.PS.: Auch vier Monate nach ihrem Verschwinden fehlt von der 1000er jede Spur. Die gute Nachricht: PS – Das Sport-Motorrad Magazin, Schwesterzeitschrift von MOTORRAD, hat seinen GSX-R-Marathon erfolgreich abgeschlossen. Außer ein paar breit geklopften Sitzen der Auslassventile keine nennenswerten Verschleißerscheinungen.

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