Langstreckentest Yamaha XJ 900 S Diversion (Archivversion) Eisenhaufen

Klingt bei 276 Kilogramm Lebendgewicht nicht abwertend, der Spitzname. Und paßt zum ehrlichen Charakter der großen Tourers. Wie überstand die XJ 900 S den 100000-Kilometer-Dauerstreß?

Nicht nett von den Kollegen, Dich nach 50000 Kilometern (Heft 9/1996) weiter auf Tour zu schicken. Aber Du warst einfach zu gut in Form, hattest die Distanz ohne nennenswerte Zwischenfälle zurückgelegt. Und sieh’s doch einfach mal so: Vor Dir wurden nur die BMW K 100 RT, die Kawasaki GPZ 900 R, und die Honda ST 1100 von MOTORRAD auf den 100000-Kilometer-Marathon geschickt. Also, willkommen im Club, liebe Yamaha XJ 900 S.War ja, Hand aufs Herz, kein Spaß für dich: Im Oktober 1994 wurdest Du bei Yamaha Walz inkognito gekauft, danach warst Du pausenlos im Einsatz. Und bevor Du Dich an einen Deiner Fahrer gewöhnt hattest, wartete schon ungeduldig der nächste Kollege auf Dich, um möglichst schnell Kilometer abzuspulen – und hinterher öfters wenig schmeichelhafte Dinge über Dich zu verbreiten. »Bei zügiger Fahrt auf der Autobahn wackelt die Kiste fröhlich vor sich hin und säuft elend: 12,5 Liter Durchschnittsverbrauch, ohne ständige Vollast«, mäkelte Technik-Chef und Schnellfahrer Waldemar Schwarz stellvertretend für viele, die mit Dir durch die Gegend kurvten. Bist eben kein Sportler, sondern ein waschechter Tourer alter Schule mit Kardanantrieb und guter Soziustauglichkeit – dementsprechend weich bist Du abgestimmt.Leider etwas zu soft. Vor allem Deine Vordergabel war vielen entschieden zu schwammig. Insbesondere vollbeladen mit Sozius und Urlaubsgepäck ging sie beim Bremsen zu schnell auf Block. Auch Austauschgabelfedern von White Power brachten nur marginale Besserung. Erfolgreicher war schließlich der Einbau von Öhlins-Federn (189 Mark) kurz vor Ende des Tests und das Einfüllen eines anderen, zäheren Gabelöls (Motul 15W30, entspricht der Showa-Spezifikation). Weil etwas mehr Öl als werksseitig vorgesehen in Deine Gabelholme floß, verringerte sich das Luftpolster in der Gabel von serienmäßigen 133 auf 110 Millimeter. Damit stieg die Progession. Siehe da, einigen Fahrern erschien die Vordergabel jetzt sogar etwas überdämpft. Und weil man schon mal dabei war, spendierte Dir Mechaniker Uli Baumann auch gleich noch ein anderes, voll einstellbares Federbein, ebenfalls Marke Öhlins (Zupin Motor-Sport, Telefon 08669/8576-0). Dieses Ding bewirkt wahre Wunder: Rührbewegungen Deiner Hinterhand in schnellen Kurven sind damit kein Thema mehr. Mit 1195 Mark ist das Federbein kein Sonderangebot, aber eine lohnenswerte Investion für jeden, der auch mal sportlicher mit Dir unterwegs sein will.Wobei Du dann aber übermäßigen Durst entwickelst, wohl auch, weil Dein fünfter Gang etwas zu kurz übersetzt ist. Tankstellensuche bereits nach 150 Kilometer, trotz Deines 24-Liter-Tanks, sei mal ehrlich, etwas dürftig, oder? Noch dazu, weil eine Reisegeschwindigkeit von 180 km/h wegen Deiner passablen, wenn auch nicht verwirbelungsfreien Halbschalenverkleidung durchaus bequem zu schaffen ist. Nur bei gemäßigter Gangart auf Landstraßen lag Dein Verbrauch im Schnitt bei moderateren sechs bis sieben Litern. Kein Rekordwert, aber noch akzeptabel.Ansonsten hast Du Dich während dieser 100000 Kilometer beinahe vorbildlich gehalten – sieht man mal von Kleinigkeiten ab. Wie zum Beispiel Deiner schwächelnden Auspuffanlage: Gleich mehrmals rissen Deine Auspufftöpfe und der Sammler ein. Ein Schwachpunkt, den Yamaha mittels dickerer Bleche ab April 1996 zu Leibe gerückt ist (siehe auch Stellungnahme Seite 29). Als haltbarer und zudem günstiger erwies sich schließlich das Schweißen des jeweiligen Risses. Ach ja, noch was: Trotz des großen Angebots an Tourenreifen, die für Dich freigegeben sind reagierst Du auf manche Fabrikate beinahe schon allergisch mit. Deine Lieblingsreifen sind ganz offensichtlich Metzeler ME 33/ME 55 A, dicht gefolgt vom Bridgestone BT 54 F/R.Aber nun zu Deinem dicksten Plus: Du hast nie aus heiterem Himmel den Dienst verweigert, Deine Fahrer nie auf dem Standstreifen im Stich gelassen. Trotz des hohen Dursts ist Dein luftgekühltes Vierzylinderherz ein Pfundskerl. Und bei bester Gesundheit, wie das Kompressionsbild auf Seite 28 eindrucksvoll belegt. Deine Fahrleistungen waren nach 100000 Kilometern gar noch besser als zu Beginn des Tests. Ölverbrauch? Kaum meßbar. Hut ab.Als Dich der Uli dann in der Werkstatt sorgsam in Deine Einzelteile zerlegt hat, hast Du das gelassen über Dich ergehen lassen. Kann sich ja auch sehen lassen. Denn trotz der hohen Laufleistung, die Du meist im Expreßtempo abgespult hast, macht nicht nur Dein Motor einen fast perfekten Eindruck (siehe auch Kästen Seite 26 und 28). Die bei Yamaha Deutschland sind jetzt mächtig stolz auf Dich. Vielleicht kaufen sie Dich sogar zurück. Dann darfst Du heim nach Japan ins Firmenmuseum. In der Redaktion wollte Dich leider niemand haben.Verwöhntes Volk. Trotz der Tatsache, daß man Dich problemlos ohne große Reparaturen wieder zusammenbauen kann, um die nächsten 50000 Kilometer in Angriff zu nehmen. Undank ist der Welten Lohn. So geht’s einem eben, wenn man das Image des »VW Golfs unter den Motorrädern« hat. Du bist zu unspektakulär, das meint nicht nur Kollege Bäumel. Aber vielleicht kommst du ja doch beim Harry Humke unter, einer Deiner treuesten Fans. Das Fazit des kostenbewußten, da geschäftsführenden MOTORRAD-Redakteurs: »Die XJ ist ein unproblematisches, angenehmens Alltagsmotorrad. Keine Zicken, keine Besonderheiten, funktioniert einfach nur.« Wie wahr.

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