Lenkerschlagen Honda Fireblade (Archivversion) Der letzte Kick

Jetzt ist es raus: Honda rüstet weltweit die Fireblade um. MOTORRAD konnte exklusiv testen, ob das gefährliche Kickback endgültig der Vergangenheit angehört.

In ihrer zehnjährigen Bauzeit musste sich die Fireblade nur selten der Konkurrenz geschlagen geben. Doch der jüngste Jahrgang, das Modell 2002, belegte beim Vergleichstest in MOTORRAD 7/2002 den letzten Platz. Wesentlicher Grund: gefährliches Lenkerschlagen, insbesondere auf speziellen Autobahnabschnitten. Nachdem MOTORRAD das kritische Fahrverhalten mehrfach moniert und Honda daraufhin diverse Gegenmaßnahmen entwickelt hatte, verabschiedeten die japanischen Techniker nun eine Lösung. Weltweit sollen alle Fireblade im Bereich des Steuerkopfs (siehe MOTORRAD 9/2002) umgerüstet werden. Bauteile des 2000er-Modells ersetzen das Schaftrohr samt unterer Gabelbrücke, die Lenkkopflager und die Zentralmutter. Um eine eindeutige Aussage über den Erfolg dieser Maßnahmen treffen zu können, wollte MOTORRAD eine Fireblade im direkten Vergleich fahren, also vor und nach dem Umbau. Dazu trafen sich Vetreter der Redaktion mit einer Honda-Abordnung auf einem Rastplatz an der sich in der Vergangenheit als kritisch erwiesenen A 81 (siehe MOTORRAD 9/2002). Mit einer serienmäßigen Fireblade mit 500 Kilometern auf dem Tacho ließ sich das kritische Fahrverhalten auf Anhieb reproduzieren. Beim Beschleunigen und auf Bodenwellen in leichter Schräglage schlug die Honda ab 200 km/h immer wieder mit dem Lenker. Und selbst auf der Geraden geriet das Lenksystem des Öfteren in Schwingungen um die Lenkachse, die sich nur durch abruptes Schließen des Gasgriffs wieder beruhigten. Nach diesem Fahrversuch trat der vor Ort aufgebaute Honda-Workshop in Aktion. Zwei geschulte Mechaniker machten sich an die Arbeit: Ausbau des Vorderrads, der kompletten Bremsanlage, der Gabelbeine und Demontage der Gabelbrücken. Dann erst können die Lenkkopflager getauscht werden, die sich nur mit Spezialwerkzeug und penibelster Sorgfalt fachgerecht ersetzen lassen. Dauer einschließlich Zusammenbau: gut eine Stunde. Die Einstellung des exakten Losbrechmoments – dazu muss die obere Gabelbrücke demontiert werden – nahm nochmals eine halbe Stunde in Anspruch. Zweite Probefahrt. Mit Vollgas auf die Autobahn und – lange Gesichter. Das Fahrverhalten hatte sich um keinen Deut gebessert, die Fireblade reagierte nach wie vor tückisch auf die extremen Anforderungen der A 81. Erst nach Entspannen der Gabel durch Lösen der Klemmschrauben an den Gabelbrücken und der Radachse, Durchfedern, wieder anziehen und Anheben des Losbrechmoments an die obere Toleranzgrenze stellte sich schließlich der gewünschte Erfolg ein. Auf Bodenwellen reagierte der Honda-Sportler nur noch mit leichtem Zucken in der Lenkung, und auf der Geraden konnte der Fahrer jetzt ohne jegliche bösen Überraschungen Höchstgeschwindigkeit fahren. Nach dieser gelungenen Vorstellung war die Fireblade reif für das MOTORRAD-Test-Prozedere. Im Kriterium Handlichkeit fuhr die umgerüstete Variante gute Noten ein. Im Gegensatz zur ursprünglichen Lösung mit Kegelrollenlagern reagieren die nun montierten Schrägkugellager weniger sensibel auf hohe Vorspannung. Sie verursachen auf kurvigem Terrain keine Beeinträchtigung der Lenkung. Dafür trat deutlich wahrnehmbares Lenkerflattern im Bereich von 95 bis 80 km/h auf. Nächstes Kriterium: die MOTORRAD-Strecke zum Testen des Kickbacks. Hier hinterließ die Fireblade immer noch einen zwiespältigen Eindruck. Nach zwei, drei kurz aufeinanderfolgenden Bodenwellen keilte der Lenker kräftig aus. Die Bilanz in der 1000-Punkte-Wertung: weiterhin 25 Punkte im Kriterium Handlichkeit, bei Lenkerschlagen/Shimmy, bislang wegen des kritischen Fahrverhaltens mit null Punkten belegt, erhält die Honda wegen des zwar immer noch existenten, nun aber besser kontrollierbaren Lenkerschlagens und des Shimmys acht Punkte. Ergibt insgesamt 669 Punkte, einen weniger als Suzuki GSX-R 1000 und Kawasaki ZX-9R, einen mehr als Yamaha R1. Allerdings wandelt Honda auf einem schmalen Grat. Wie die Versuche zeigten, reagiert die Blade äußerst sensibel auf die Einstellung der Lenkkopflager und die korrekte Durchführung der Umrüstmaßnahmen. Für die penible Justierung müssen die Werkstätten viel Zeit und Sorgfalt aufbringen. Die preisgünstigere und sicherere Methode: ein Lenkungsdämpfer. Gestoppte Montagezeit eines Redakteurs: knapp vier Minuten. Der hätte Shimmy und Lenkerschlagen im Ansatz unterbunden, beim Handling allenfalls marginale Nachteile und Hondas Sportler an die Spitze des Vergleichstests gebracht. Immerhin hat Honda reagiert, auch wenn vielleicht der letzte Kick von MOTORRAD notwendig war. Der bleibt Fireblade-Fahrern in Zukunft erspart, spätestens wenn im Juni die Umrüstaktion beginnt.

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