Leserfragen (Archivversion)

Wie kann ich nach einem Unfall beweisen, dass ich tatsächlich gebremst habe, obwohl aufgrund des ABS keine Bremsspuren vorhanden sind?

Michael Haumann, Sachverständiger vom TÜV Rheinland:
Dass bei einer ABS-Bremsung keine Bremsspuren entstehen, ist so nicht richtig. ABS sorgt bei einer Bremsung mit maximaler Verzögerung dafür, dass nicht mehr als 20 bis 30 Prozent Schlupf am jeweiligen Rad auftreten, weil im Bereich der Haftreibung die Verzögerungswerte größer sind als im Bereich der Gleitreibung (Blockieren). Der kontrollierte Schlupf bedingt, dass weiterhin Seitenführungskräfte das Motorrad stabil halten. Bei einer Vollbremsung entsteht also in der Regel trotzdem Reifenabrieb. Auch wenn wegen des Bremsassistenten die Bremsspuren deutlich schwächer als bei herkömmlichen Bremsen ausfallen, lässt sich daraus auf den Unfallhergang schließen, und der Gutachter berücksichtigt, dass es sich um eine ABS-Maschine handelt.


Bekomme ich mit Fahrsicherheitstrainings und Rennerfahrung nicht eine genauso gute Brems­leistung hin – auch ohne ABS?

Claus Schmitt, Polizist und Profi-Fahrtrainer:
Bei Sicherheitstrainings oder Rennen ist der Fahrer in der Regel auf die Bremsung vorbereitet und erkennt den richtigen Bremspunkt. Im Straßenverkehr gibt es üblicherweise überraschende Gefahrensituationen, die extrem schnelles Reagieren erfordern. Wenn man sich dabei erschreckt, sieht es mit einer optimalen Bremsung eher schlecht aus. Mit ABS gelingt in so einer Situation zumindest ein akzeptabler Bremsweg, insbesondere auf losem Untergrund oder wechselndem Fahrbahnbelag. Ein weiterer Vorteil des Systems: Der Bremsassistent erlaubt, sich an die Blockiergrenze heranzutasten, indem der Fahrer regelmäßig in den Regelbereich hineinbremst und auf diese Weise eine bessere Bremsdosierung trainiert – ein wertvoller Lerneffekt.


Altert ein Antiblockiersystem eigentlich, und wie pflege ich es am besten?

Jens Stäbe, Technischer Leiter bei BMW Motorrad:
Für die Pflege und Wartung von ABS-Maschinen gilt wie bei Motorrädern mit konventionellen Bremssystemen, dass es sehr wichtig ist, die Wechselintervalle für Bremsflüssigkeit entsprechend dem Wartungsplan einzuhalten. Die anderen, ABS-spezifischen Bauteile des Systems bestehen zumeist aus wartungsfreien Komponenten. Etwaige Abweichungen vom „Soll-Zustand“ werden vom elektronischen Ereignisspeicher des Steuergeräts festgehalten und könnten im Verdachtsfall beim BMW-Händler ausgelesen werden.


ABS vermittelt eine falsche Sicherheit: In Kurven bringt ABS doch gar nichts, und bei einem Systemausfall bremst gar nichts mehr, oder?

Karsten Schwers, MOTORRAD-Cheftester:
In Kurven unterscheiden sich Motorräder mit herkömmlichen Bremsen tatsächlich kaum von ABS-Motorrädern, da in größeren Schräglagen keine allzu starken Verzögerungen (bis zur Blockiergrenze) möglich sind – ein starkes Aufstellmoment richtet die Maschine nämlich zunächst auf. Ganz anders verhält es sich bei Nässe: Dann neigt das Vorderrad auch in Schräglage schnell zum Blockieren – in dieser Situation kann ABS somit sehr wohl hilfreich sein. Zum Systemausfall: Lediglich bei älteren BMW-Modellen mit Bremskraftverstärker kann beim Systemausfall die aufzubringende Bremskraft größer werden, bei anderen Motorrädern bremst es auch ohne funktionierendes ABS nahezu normal, nur eben ohne Regelvorgänge. Fazit: Motorräder mit ABS vermitteln keine falsche Sicherheit.


Wie erkenne ich bei einer älteren Gebrauchtmaschine mit Antiblockiersystem, ob das System einwandfrei funktioniert?

Aaron Lang, Sprecher von Honda Motor Europe (North):
Man kann bei einer Probefahrt der ABS-Anzeigenleuchte getrost vertrauen. Sie erlischt, wenn die Geschwindigkeit des Motorrads zehn km/h überschreitet. Sollte die Anzeige während der Fahrt aufleuchten, halten Sie das Motorrad besser an einer sicheren Stelle an und stellen den Motor ab. Starten Sie den Motor erneut. Die Anzeige sollte dann aufleuchten und nach dem Anfahren wieder erlöschen. Eine Funktionsstörung erkennt der Fahrer, wenn die ABS-Anzeige aufblinkt und kontinuierlich weiterleuchtet. Die Bremsen sind jedoch auch bei einer Störung betriebsbereit und gewährleisten eine normale Wirkung – die gefahrlose Weiterfahrt zurück zum Anbieter oder zu einer Werkstatt ist also möglich, und ein Profi sollte dann das System gründlich checken.

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