Leserwahl: Motorrad des Jahres 2004 – die Preisverleihung (Archivversion) Red, Akteur

Wenn MOTORRAD-Redakteure was zu sagen haben, schreiben sie meist nur. Aber ein Mal im Jahr dürfen sie von sich
reden machen, mit Reden, bei der Gala zur Leserwahl Motorrad des Jahres im Friedrichsbau-Varieté in Stuttgart.

Hätten Sie geahnt, dass Aprilia-Fahrer zufriedenere Menschen sind als BMW-Fahrer, zumindest was ihr Motorrad angeht? Wohl nicht. Wir auch nicht. Aber jetzt wissen wir es. Weil Sie es uns verraten haben. Sie und die anderen 47531, die mitgemacht haben bei unserer Leserwahl. Wenn wir Sie nur als Leser und
nicht als Leserinnnen ansprechen, hat das folgenden Grund: Sie sind zu 80 Prozent männlich, heißt, unter den Teilnehmern
war nur jede fünfte Frau. Das erzählte
uns Peter-Paul Pietsch, Verlagsleiter der
Motorrad-Gruppe, Spezialgebiet Zahlen.
Wobei er auf dieser rauschenden Kradnacht vom 15. auf den 16. März die spannendsten Zahlen, nämlich welche Motorräder in den sieben Klassen die Plätze eins bis zehn belegen, nicht verriet. Dies kund zu tun und um tief bewegten Motorradmanagern die Trophäen zu verabreichen, traten MOTORRAD-Red-Akteure aus der Masse, der Zuschauermasse, auf die Bühne. Und gaben dort die Gewinner und ein bisschen was von sich selbst preis.
So führte Tester Stefan Kaschel in die Welt des Supersports und des Ostwestfälischen ein. »Also, ich komme aus Ostwestfalen. Ich sage das nur, weil, da redet man langsam. Und ich habe ein bisschen Sorge, passt ja irgendwie nicht richtig zu diesem schnellen Thema. Wir Ostwestfalen haben auch Gefühle. Aber – irgendwie ist das mehr innerlich.« Kaschels Begeisterung wirkte ansteckend, besonders für
MV Agusta-Boss Claudio Castiglioni. Das lag nicht daran, dass der Italiener offener mit seinen Emotionen umgeht als der
Ostwestfale, sondern rührte daher, dass die F4 1000 Tamburini die Sportlerklasse für sich entscheiden konnte. Weil Sie
geträumt haben – schöner Traum.
Einen solchen hegte einst auch Monika Schulz, der es zum dritten Mal oblag, das Hohe Lied auf die Gelassenheit des Chopperns und Cruisens anzustimmen. Der stellvertretenden Chefredakteurin Traum geriet freilich zum Alptraum, auf den sie sich nun einen Reim gemacht hat:
»Vor ziemlich genau auf den Tag einem Jahr/ Wurde hier, liebe Gäste offenbar/ Dass ich in meinem früheren Leben/
Katholisch, vom Land und ein paar Grad
daneben/ Einen schwerst bedenklichen Softchopper fuhr./ Was vielleicht noch durchginge/ Hätt’ ich ihn nur/ Nicht mit
aller Gewalt auf Harley getrimmt/ Was peinlicherweise selten gelingt.«
Sie ahnen schon: Was Monika Schulz bei ihren Customizing-Versuchen widerfuhr, war so Grauen erregend, dass sie nicht nur einen Reim, sondern ganz viele Reime darauf machen musste.
»Die schicken No-name-Federbeine/ Vier Zentimeter Federweg –/ Dämpfung keine/ War’n für 50 Steine/ Meine.«
Während empfindsamen Naturen im Publikum darob die Tränen in die Augen stiegen, genierten sich einige Zuhörer nicht, laut über Monis Missgeschick zu lachen. Am lautesten durfte Christian Arnezeder von Harley-Davidson lachen. Nicht über die Schulzsche Chopperkarriere. Er freute sich, dass sie einst ein Motorrad ihr Eigen nennen wollte, das den seinen ähnlich
sehen sollte, und weil auch viele Leser Harley offenbar nicht so schlecht finden, speziell die V-Rod. Doch müssen die
übrigen Hersteller sich nicht im Cruiselkabinett verstecken. So eigenständig sind deren Kreationen, dass eh keiner mehr auf die Idee käme, sie zu verbasteln.
Eben dies blieb dereinst Testchef
Ralf Schneider, Kreidler-Florett-Freund bis heute, nicht erspart. Obwohl: »Klein, giftig und mit Nikasil-beschichteter Zylinderlaufbahn, als große Motorräder noch schnöde Schwarzbrot-Grausgussbuchsen hatten. Mit kontaktloser Zündung. Viel Chrom,
hydraulischer Scheibenbremse – technische Leckerbissen.« Warum Schneider von seiner Florett sentimentalsierte, wo er doch über 125er reden sollte, offenbarte er
später: »Sie entzündeten die Leidenschaft einer ganzen Generation, und nicht zuletzt zeigen die 50er von damals, wie eine 125er von heute sein muss.« Zur Kreidler des Jahres 2004 wählten Sie, lieber Leser, eine alte Bekannte, die Cagiva Mito. So, als hätten Sie geahnt, was Schneider denn
sagen würde. Denn sieht die Mito nicht
wie eine Nachwuchs-916 aus?
Mit dem Nachwuchs hatte es auch Tester Rolf Henniges, der sich den Offroadern und ihren Auswüchsen widmete: »Riesige Brocken, nicht um damit tiefe
Täler, steile Berge und unwegsame Wüsten zu bezwingen. Vielmehr zu dem Zweck,
übergewichtige Kinder stilgerecht vor
McDonald’s abzuholen.« Mit solcherlei
Offroadern meinte Henniges jedoch nicht Enduros, sondern deren vierrädige Pendants. In der Motorradwelt ist das unwegsame Feld besser bestellt. Mit Maschinen, die tatsächlich abenteuerlich sind und nicht nur so heißen, Adventure halt.
Wobei sich auch mit Motorrädern
anderen Namens Spannendes erfahren lässt, wie Unterwegs-Redakteurin Annette Johann berichtete. »Wer macht die ersten Ferien mit der jungen Redaktionsliebe auf einer GSX-R 750? Rolf Henniges. Wer zahlt am Polarkreis 500 Euro Strafe wegen zu schnellen Fahrens auf einer ZX-6R? Ich.« Das wäre ihr mit einer LT nicht passiert, die hat Tempomat. Gegen Yamahas FJR 1300 A aber hatte BMW keine Chance: dritter Platz R 1150 RT, erster Platz FJR bei den Tourern/Sporttourern. Die sind eigens dafür gemacht, zum optimalen Reisen, nomen est omen.
Wenn das stimmen sollte, das mit dem nomen und dem omen, fragt sich allerdings, wozu Allrounder optimal taugen. Tester Thomas Schmieder hatte die Antwort parat: »Kramen Sie nur einmal im
eigenen Gedächtnis.« Dort finde sicher
jeder die Erinnerung an »kleine und auch große Fluchten aus dem Alltag: zwei Räder, ein Rohrlenker, davor eine Landschaft, die nach Entdeckung ruft«. Antworten würden Sie, lieber Leser, am liebsten im Sattel
einer Z 1000. Das rührte Kawasaki-Mann Leo Schlüter: »Wie schön, dass die
MOTORRAD-Leser unsere Z 1000 nach
einem Jahr nicht schon vergessen haben.«
Vergessen hätten freilich die Rollerhersteller was, meinte Kollege Werner Enzmann: »Dass Rollerfahren auch ein Lebensgefühl ist, geprägt von Leichtigkeit und
von einer Ästhetik, die Kraft, Technik und Dynamik ganz bewusst in den Hintergrund stellt.« So wie es die Vespa GT 200 tut, die allen Luxusgleitern den Rang ablief. Übrigens nur in Deutschland, in den weiteren sieben Ländern, in denen die Wahl zum Motorrad des Jahres stattfand, standen überall Dickschiffe ganz oben. Gegen später standen so manche dann an der Bar.

Die kompletten Ergebnisse der Leserwahl finden Sie unter www.motorradonline.de 

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