Leserwahl MOTORRAD des Jahres 2007 (Archivversion) Genie und Wahnsinn

Die Vertreter der japanischen Marken konnten sich freuen. Selten nur mussten sie auf die Bühne, um Trophäen abzugreifen. Denn dort wartete ein Moderator, der nicht brav Pokale überreichte, sondern mit genialischem Humor den Sinn der Wahl kommentierte.

Gerade mal sechs von den insgesamt 24 Podestplätzen gingen an die japanischen Anbieter. In drei Kategorien –
Enduros/Supermotos, Chopper/Cruiser, Naked Bikes – waren sie überhaupt nicht auf dem Podium vertreten. Und nur in einer Klasse, bei den Tourern/Sporttourern, reichte es für einen ersten Rang. Auf den scheint die Yamaha FJR 1300 gleichsam ein Abonnement zu haben.
Das freilich hatten die GS-Modelle von BMW ebenfalls, bei den Enduros und Supermotos nämlich. Sie hatten. Immer noch behauptet der Hersteller mit deutlichem Abstand vor dem Hauptkonkurrenten KTM die Spitzenposition in der Markenwertung. Doch zur beliebtesten Maschine wählten die fast 37000 Leser ein Motorrad, das
es am Abend der Preisverleihung, dem 15. März, zum ersten Mal fahrend zu bestaunen gab. Als die Ducati Hypermotard
auf die Bühne bollerte, zeigte sich im Besonderen, dass viele Wähler sich nicht für das entscheiden, was sie zu
Genüge kennen. Sie votieren für die attraktivste Versprechung. Und oft ist das Versprechen gerade dann besonders attraktiv, wenn sich das Versprochene noch nicht hat beweisen müssen. Was übrigens zum Zeitpunkt der Abstimmung auch für eine andere Ducati galt, die 1098, Platz eins bei den Supersportlern. Und für die zweitplatzierte Ducati Desmosedici RR ebenso.
Offensichtlich versteht es Ducati wieder besser, Sehnsüchte zu wecken. Im vergangenen Jahr noch stand die Marke schlicht jämmerlich da. Mit der 999 eben. Kein Wunder also, dass Produktionschef Claudio Domenicali sich unbändig freute, als er von
Moderator Klaus Herder auf die Bühne zitiert wurde. »Claudio Domenicali, mit so einem Namen ist es doch
völlig egal, was für Maschinen einer baut. Klingt einfach betörend. Aber im Italienischen hört sich ja sogar die
Bezeichnung für Darmgrippe faszinierend an.« Damit hatte Claudio Domenicali seinen Preis weg. Und sein Fett.
Davon bekamen alle reichlich ab, weshalb sich keiner beschweren konnte. Ein bisschen ging’s zu im Alten Reithaus zu Ludwigsburg wie beim Starkbieranstich am Nockherberg in München. Dort versammelt sich die Prominenz, um sich von einem Kabarettisten kultiviert beleidigen
zu lassen. Und wehe, man wird nicht mit Häme bedacht. Das ist nämlich ein Indiz dafür, nicht mehr prominent genug zu sein.
Zweifelsohne noch prominent ist BMW. Weil die Firma zwei erste Plätze abräumte, bei den Allroundern und bei den Naked
Bikes, und weil sie ordentlich verunglimpft wurde. Als die Stuttgarter Band Dropezone den Popsong »Perfekte Welle« auslaufen ließ, nahm Herder die musikalische Vorlage auf: »Die BMW-Leute dürfen gerne sitzen bleiben. Der Kardan ihrer Mühlen war
damit garantiert nicht gemeint.«
Klaus Herder arbeitet normalerweise nicht als Moderator, hat sich nach seiner Zeit als ehrlicher Gebrauchtwagenverkäufer zunächst bei MOTORRAD und hernach als Redakteur beim Motor-Presse-Organ mopped verdingt. Dort hat er seinen norddeutschen Humor perfektionieren können, der einschlägt wie ein Holzhammer, den Nagel jedoch stets präzise auf den Kopf trifft. Die Plätze zehn bis zwei in der Klasse der Chopper und Cruiser hatte er bereits bekannt gegeben, da galt es, den Sieger ins Rampenlicht zu bitten. Und Herder stimmte ganz nonchalant das Hohelied auf die Kawasaki VN 900 Classic an. Sprach von einer Sensation, einer Überraschung. Strahlend schob ein Kawasaki-Vertreter seinen Stuhl nach hinten, wollte sich schon erheben. Und musste dann hören, dass die Maschine auf dem verdienten letzten Platz gelandet sei. So viel zum
Thema fehlgeleitete Vorfreude.
Stattdessen schritt der Harleyaner Dr. Christian Arnezeder erneut vors Publikum. Eben noch hatte er für die Dyna Super Glide Custom den doch recht eigenwillig gestalteten Pokal für Rang drei mit sich genommen und war von Herder sehr unwirsch der Bühne verwiesen worden. »Weg hier, aber zackig.« Ebenso zackig kam Arnezeder wieder und verklickerte MOTORRAD-Chefredakteur Michael Pfeiffer, dass ja Harley mehr als eine Maschine, mehr als ein
Motorrad sei, halt ein Mythos. »Schluss jetzt«, ging Herder dazwischen, »kann doch keiner mehr hören, dieses ewige Mythengequatsche.« Einig war man sich immerhin darin, dass Harley-Davidson mit der Vergreisung der Szene offenbar bestens klarkomme. Pokal für die Night Rod Special und runter von der Bühne. Aber zackig.
Bei allem Frohsinn hatte der Abend gleichwohl auch seine ernsten Momente. Etwa als Geschäftsbereichsleiter Peter Paul Pietsch das Wort ergriff. Um die mehr als 300 Gäste aus der Branche über einige Details der europaweiten Umfrage ins Bild zu setzen. Vor allem darüber, wie die Leser die Images der einzelnen Marken bewerten (darüber demnächst mehr in MOTORRAD). Obendrein wurden erstmals die Sieger der »Best Brands«-Wahl vorgestellt: beste Reifen, bestes Kettenschloss, bestes Schmier-
mittel und so weiter.
Danach lief’s bekömmlicher weiter. Beim Essen nämlich mit Filet vom Angus, Gratin von Kartoffeln, Zuckerschoten. Und hernach wieder den Schoten von Herder. Der sich darüber ereiferte, dass eine Honda CBR 125 R, allein um billig zu sein, in
Thailand fabriziert werde: »Stellen Sie sich
das mal vor. Da hocken 14-Jährige auf Bastmatten und müssen so ein Teil zusammenstecken. Ist doch ein Skandal, da will ich ein bisschen mehr Empörung im Publikum. Nicht so lasch hier, das ist
ja wie beim Altennachmittag.« Ohnehin forderte Herder mehr Emotionen ein, speziell
von den Italienern, die doch sonst immer so gerührt täten und ihrer Mama danken würden. Machte kein einziger.
Dass sich Leser Peter Konter nicht überschwänglich freute, konnte Herder ihm nachsehen. Denn Konter hatte den dritten der ausgelobten Preise gewonnen: eine
G 650 Xcountry. »Jetzt muss ich erstmals eine Maschine fahren, die leichter ist als ich.«
BMW hat sich übrigens blendend amüsiert, sogar nachgefragt, ob nicht eine DVD des Abends zu haben sei. Die Sache zwar ernst zu nehmen, aber dabei nicht verbissen und ohne Gefühle zu agieren, scheint ohnehin der Weg zum Erfolg zu sein.
Zumindest bei der Wahl zum Motorrad des Jahres. Demgegenüber lassen sich die Wähler in ihrem Kaufverhalten noch sehr von der Vernunft bestimmen. Die aber mag nur darüber entscheiden, welche Maschine man fährt, nicht aber darüber, dass man überhaupt fährt. Denn das hängt nach
wie vor untrennbar mit dem Faszinationspotenzial des Motorrads zusammen. Und wie genau sich die Leser von MOTORRAD diese Faszination vorstellen, zeigt die Wahl zum Motorrad des Jahres.
Mitarbeit: Eva Breutel

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