Mailand-News (Archivversion) Spät-Lese

Erst jetzt, nach der Mailänder Messe, die Mitte November stattfand, ist der Motorradjahrgang 2007 unter Dach und Fach. Diese italienische Spätlese brachte eine Menge Neuheiten und bisweilen überraschende technische Lösungen.

Trotz des allgemeinen Enthusiasmus über die 1098 – hier ist die Stelle erreicht, an der sich der Redakteur zu anderen
Dingen rufen muss. Schließlich hat nicht nur Ducati Neuheiten präsentiert und Ducati selbst nicht nur die 1098.
Aprilia Den Preis für die fleißigste Entwicklungsabteilung verdient in diesem Jahr Aprilia. Zwei von Grund auf neue Motor-räder sowie einen 1000er-V4-Motor präsentierte der Hersteller aus Noale auf der Eicma. Zwar war schon seit einigen Monaten bekannt, dass Aprilia an einem zweizylindrigen 750er-Naked Bike für die Mittelklasse arbeitet, von dem bereits erste, von hinten
aufgenommene Fotos existierten. Während jedoch die Fachwelt darauf spekuliert hatte, einen relativ einfachen, ursprünglich vom
Rollerhersteller Piaggio konstruierten Motor in der 750 Shiver
zu finden, prunkte diese bei ihrer Enthüllung mit einem extrem sportlichen Triebwerk, angesichts der Aprilia-Tradition mit 60-Grad-V2 überraschenderweise in 90-Grad-Anordnung. Je zwei oben
liegende Nockenwellen, über Kette und Stirnräder betätigt, nach unten gesetzte Auslassnockenwellen sowie Einspritzung mit
Doppeldrosselklappen entsprechen dem neuesten Stand der Technik. Darüber hinaus hilft eine extrem kompakte Getriebe-
konstruktion, Raum zu sparen. Man muss kein Prophet sein, um
zu ahnen, nach welchem Bauprinzip der künftige 1200er-V-Zweizylinder konstruiert sein wird.
Mit 95 PS bei 9000 Umdrehungen sowie kräftigen 85 Newtonmetern bei 7000 Touren greift die Shiver eine ganze Gruppe hochkarätiger Konkurrenten an – die japanischen 600er vom Schlage Honda Hornet, Suzuki GSR und Yamaha FZ6 liegen genauso in Reichweite wie die BMW F 800, die Kawasaki Z 750 und sogar die Honda CBF 1000. Zumal der Preis von rund 8000 Euro eben noch im vorgegebenen Rahmen liegt.
Auf den ersten Blick gibt sich die Shiver als ausgeprägt sportliches Motorrad zu erkennen. Die NA 850 Mana indes hegt andere
Ambitionen. Obwohl auch sie eine Upside-down-Gabel trägt und von durchtrainierter Figur ist, widmet sie sich eher dem entspannten, komfortbetonten Gleiten auf Landstraßen. Sie wird von dem bereits erwähnten Motor angetrieben, der auf einer Konstruktion von Piaggio basiert. Verglichen mit dem 750er hat er wesentlich mehr Hub und weniger Bohrung, begnügt sich mit einer Nockenwelle pro Zylinder und belässt es bei 75 PS Spitzenleistung. Der Clou an der Mana ist der Antriebsstrang; er stammt ebenfalls aus dem Rollerbau: ein automatisches Getriebe, das sich, falls der Fahrer es wünscht, auch in sieben
Stufen per Knopfdruck vom Lenker oder durch einen Fußschalthebel schalten lässt. Im Automatikbetrieb stehen drei verschiedene Programme mit unterschiedlich festgelegten Schaltdrehzahlen zur Wahl –
Touring, Sport und Regen. Zwischen all diesen Möglichkeiten können verspielte Naturen ständig hin- und herwechseln. Und laufen Gefahr, mehr Arbeit
zu haben als bei einem konventionellen Getriebe.
Obgleich Aprilia vom 1000er-Superbike bislang nur den Motor gezeigt hat, dürfte in Kürze mehr davon zu sehen sein. Denn die
Ankündigung, im kommenden Jahr damit bei WM-Läufen anzutreten, gilt noch immer. Der Pressetext enthält erste Hinweise darauf, wie das Motorrad um den V4 beschaffen sein wird, der im Renntrimm 210 PS leisten und 13500 Touren drehen soll. Wegen des Zylinderwinkels von 65 Grad, der nahe an den 60 Grad bisheriger 1000er-V2 liege, und dank der kompakten Abmessungen des Kraftwürfels, der sogar kleiner sei als der V2, könne man die reichlichen Erfahrungen beim Bau von Alu-Brückenrahmen nutzen. Allzu weit vom RSV-1000-Chassis wird sich Aprilia also nicht entfernen.
Während bei der Ventilsteuerung das Vorbild der BMW K 1200 S sichtbar wird, traut sich Aprilia beim Einsatz von Elektronik
bei der Gemischaufbereitung so weit vor wie noch kein anderer
Motorradhersteller. Der V4 wird von einem echten Drive-by-wire-System beatmet, bei dem der Gasgriff keine mechanische Ver-bindung mehr mit den Drosselklappen hat. Diese werden bei
beiden Zylinderreihen unabhängig voneinander durch einen eigenen Servomotor betätigt.
KTM Weil es bislang nur ein Foto der KTM Super Duke 990 R (die mit dem orangefarbenen Rahmen) in MOTORRAD zu sehen gab, sei hier noch kurz auf das Standardmodell eingegangen. Es wurde im Zuge einer launig-lockeren Präsentation in Mailand enthüllt, und obwohl es dem Präsentationsvideo zufolge für die
bösen Buben im Straßenverkehr gedacht zu sein scheint, so hat sich doch besonders die Alltagstauglichkeit der 990er verbessert. Vier Liter mehr Tankvolumen, geringerer Verbrauch, Euro-3-Homologation ohne Leistungsverlust und bei unverminderter Sportlichkeit – da kann jeder zufrieden sein.
Ohne sie zu erwähnen, stellte KTM die Rally-Version der neuen 690-Einzylindermaschine in Mailand aus. Sie wird in einer Kleinserie für Privatfahrer gebaut, kostet zirka 20000 Euro und ist ab März 2007 erhältlich. Und somit das erste Offroad-Motorrad mit dem neuen Einzylinder, das sich in die Öffentlichkeit wagt.
Bimota Die kleine Prototypen-Manufaktur aus
Rimini nimmt die Präsentation des luftgekühlten 1100er-Zweiventilers in der 2007er-Multistrada zum Anlass, eine neue Tesi aufzulegen. Tesi 3D heißt das exklusive Stück mit der neuen Halbschalenverkleidung. Die ersten 29 Exemplare werden als Sonderserie aufgelegt und kosten 29000 Euro, später gebaute, einfacher ausgestatte Motorräder 25000 Euro.
Buell Pressetexte sind ja ganz nett, aber Erik Buell himself ist besser. Eigens nach Europa gereist,
um den Journalisten die neue XB12S TT nahezubringen,
fasste er die Entstehungsgeschichte folgendermaßen
zusammen: »Ich bin vor einiger Zeit in Colorado unterwegs
gewesen, auf den dortigen Staubstraßen herumgedriftet und habe ständig zwischen einer XB9S City Cross und einer Ulysses hin und her gewechselt. Nach einer Weile dachte ich, dass eine Mischung aus beiden ideal dafür wäre, und hier ist sie nun.« Ein 1200er im langen Rahmen mit den Anbauteilen der 900er-City Cross, angeboten für etwa 11400 Euro. Buell, der in diesen Tagen sein einhunderttausendstes Motorrad produzierte, erklärte auch den Grund für die Modellbezeichnung TT. Sie hat nichts mit dem legendären Straßenrennen auf der Isle of Man zu tun, sondern geht auf die amerikanischen TT-Races der 1940er-Jahre zurück, bei
denen die Piloten Dirt Track, Offroad- und Straßenrennen, ja sogar
einen Hillclimb fuhren – alles mit ein und demselben Motorrad.
Ducati Zweites Highlight bei Ducati war die Serienversion der bereits vor einem Jahr als Prototyp erschienenen Hyper-
motard, die nur wenig vom Prototyp abweicht, und das meist
im Positiven. Beispiel Motor: Statt des 1000er-Zweiventilers erhält das Serienmotorrad den neuesten 1100er in 95 PS starker
Ausführung, doch abweichend von der Multistrada 1100 mit einer
althergebrachten Trockenkupplung. Für die Fans, die Sorge hatten, bei der Hypermotard auf das gewohnte Rasseln verzichten
zu müssen. Der Feger kostet etwa 11500 Euro.
Durch titannitridbeschichtete Gleitrohre, Öhlins-Federbein, geschmiedete Räder und Brembo-Monobloc-Bremszangen unterscheidet sich die Hypermotard 1100 S vom Standardmodell. Der Preis der S steht noch nicht fest, das Standardmodell kostet um die 11500 Euro.
Husqvarna/MV Agusta Was MOTORRAD schon in Heft 15/2006 vermeldet hatte, stand leibhaftig auf dem Stand von Hus-
qvarna/MV Agusta: eine neue einzylindrige Supermoto, die SCR 650 CRC. Der Einzylinder hat wenig mit bisherigen Husky-Motoren zu
tun, sondern greift das Layout der MV-Vierzylinder auf. Nicht ganz so, wie es sich MOTORRAD und Zeichner Stefan Kraft vorgestellt hatten, präsentierte sich das aus Alu-Teilen und Edelstahlrohren zusammengesetzte Chassis. Auf Nachfrage erzählte der Informant von damals, die in Mailand gezeigte Maschine sei nicht diejenige, die er gesehen habe. Welche Ausführung wohl in Serie gehen wird?
Diese Frage stellt sich bei der MV Augusta F4 CC nicht. Sie geht genauso in Serie, wie sie gezeigt wurde, die Produktion umfasst jedoch nur 100 Exemplare. Mit allem, was es sichtbar oder unsichtbar an hochwertigen Teilen und edlen Materialien für ein Motorrad gibt. Karbon, Titan, Magnesium, insbesondere aber Feinarbeit an fast allen Teilen zeichnen das teuerste Serienmotorrad der Welt aus. 100000 Euro soll die CC kosten, aus 1078 cm3 Hubraum über 200 PS leisten und damit um die 315 km/h schnell sein.
Moto Guzzi Last but bei weitem nicht least. Nachdem die
Guzzi-Entwickler mit den Präsentationen der Norge, der 1200 Sport und diverser 850er schon im Lauf des Jahres nicht eben faul waren, schoben sie in Mailand noch eine 940 Custom und die Griso 8V mit
neu entwickeltem Vierventilmotor auf die Bühne. Die vier Ventile pro Zylinder werden von je einer kettengetriebenen Nockenwelle betätigt und verhelfen dem 1200er zu einer Leistung von 110 PS bei strammen 9500 Umdrehungen. Daneben hat die Griso 8V eine neue Sitzbank und geänderte Seitenverkleidungen. Den stilistischen Hit bildet
jedoch die Auspuffanlage mit den asymmetrischen Mündungen. 14500 Euro sind allerdings ein stolzer Preis.
Was die 940 Custom betrifft, so erfährt der Interessent nur, dass sie einen neuen Rahmen mit kürzerem Radstand erhielt und mehr
Gewicht aufs Hinterrad verlagert wurde, das »wie angeklebt« auf der Straße hafte. Der Motor sei auf spontanen Antritt aus niedrigsten Drehzahlen getrimmt. Zur Hubraumbezeichnung verlautete nichts.

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