Neuer Motomania-Film online Wie aus Holger Aue-Comics Filme werden

+++ UPDATE 11. August 2014 +++ Der fünfte Motomania-Clip "Wenn's hinten zieht" ist da +++ Comic-Verfilmungen, jeweils rund eine Minute lang – das kann doch kein großer ­Aufwand sein. Kann es doch. Zumindest dann, wenn ausschließlich Perfektionisten aufeinandertreffen. Zwei von ihnen machten beim MOTORRAD-Interviewtermin auch perfekten Blödsinn.

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Wenn's hinten zieht


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Das große Kribbeln


Heiliger Boden


Holger Aue und Martin Perscheid

"Hat einer mal gelbe Brause?" Die etwas irritierte Detlev-Louis-Geschäftsleitung versucht, mit Cola oder Mineralwasser auszuhelfen. Nein, für Holger Aue muss es gelbe Brause sein, denn nur damit würde die geplante Pulleralarm-Szenerie echt genug aussehen. Okay, keine gelbe Brause. Cartoonisten-Kollege Martin Perscheid greift kurzentschlossen zur Kaffeetasse und entweiht mit koffeinhaltigen Resten den Louis-Konferenztisch. „Dann machen wir eben Ölverlust an der Kawasaki!“ Die Geschäftsleitung schaut noch ein wenig irritierter, macht aber gute Miene zum etwas albernen Spiel, denn die beiden großen, gar nicht mehr so jungen Jungs haben hier und jetzt erstmalig die Gelegenheit, mit den Original-Hauptdarstellern der Motomania-Filme herumzuspielen. Bislang durften die Herren Aue und Perscheid die versammelten Menschen und Maschinen im Maßstab 1: 9 nur im Filmstudio betrachten. Und ja nicht anfassen!

Stop-Motion-Technik

Motomania-Filme? Drei Stück davon gibt es bereits, jeweils rund eine Minute lang, also nicht wirklich abendfüllend. Aber trotzdem unglaublich aufwendig produziert, denn um den Comic-Charakter der Motomania-Geschichten möglichst originalgetreu in bewegte Bilder zu übertragen, entschieden sich die Macher für die Stop-Motion-Technik. Ein Verfahren, bei dem echte Figuren von Bild zu Bild (und davon benötigt man 25 Stück pro Filmsekunde) minimal weiterbewegt werden. Cineastisch etwas vorgebildete Leser kennen das vielleicht von den „Wallace & Gromit“-Filmen.

Alles nur reiner Zufall

Die ganze Sache war nicht Holger Aues Idee. Es war reiner Zufall: Louis-Kommunikationsmann Björn Ahlers plaudert privat mit einem Bekannten ein wenig über Motorräder und Comics. Besagter Bekannter entpuppt sich als Filmemacher der renommierten Hamburger Trickfilmproduktion TRIKK17 (www.trikk17.de). Ein Wort gibt das andere, und Björn kann sich vorstellen, dass sein Arbeitgeber Detlev Louis den einen oder anderen Euro für eine Comic-Verfilmung lockermachen wird. Björn ruft Holger Aue an. Holger ist begeistert, spricht mit seinem Verlag und den Studio-Leuten. Mittlerweile ist es Sommer 2012 – das Projekt Motomania-Verfilmung nimmt tatsächlich Fahrt auf.

Nun gilt es, die passenden Storys zu finden und auf Verfilmbarkeit zu prüfen. 20 Geschichten kommen in die engere Auswahl. „Megaeisen“ mit der Lachgas-Einspritzung und der aufgerollten Fahrbahn ist gesetzt; „Korrekt“ und „Nürburgring“ heißen die beiden anderen Geschichten. Um den Bau der Hauptdarsteller-Skelette, kümmern sich englische Profis, Körperbau und Einkleiden – alle Klamotten werden von Hand geschneidert – übernehmen die Hamburger Modellbau-Experten.

Dabei stellt sich die erste größere Herausforderung: Die TRIKK17-Macher­ sind zwar begnadete Trickfilmer, aber sie sind keine Motorradfahrer. Der Unterschied zwischen klassischem Leder-Zweiteiler und Protektorenkombi? Nicht wirklich bekannt. Knieschluss oder Hanging off? Sagt den Filmern auch nichts. Holger versorgt die noch Unwissenden mit Foto- und Filmmaterial, und der leitende Animator schlägt sich viele Nächte mit Isle of Man-DVDs um die Ohren. Alles wird gut: Die Truppe lernt sehr schnell und sehr gut.

Foto: Herder, Louis
Für das Rennen zwischen Holli und Bernd im Film „Nürburgring“ schufen die Modellbauer eine rund zwei mal fünf Meter große Bühne. Für Spezialeffekte (u. a. Rauch) kam bei der Nachbearbeitung der Computer zum Einsatz.
Für das Rennen zwischen Holli und Bernd im Film „Nürburgring“ schufen die Modellbauer eine rund zwei mal fünf Meter große Bühne. Für Spezialeffekte (u. a. Rauch) kam bei der Nachbearbeitung der Computer zum Einsatz.

Cartoonist Perscheid mit im Boot

Und es kommt noch besser, denn Holger Aue plaudert bei einem der regelmäßigen Treffen mit dem befreundeten Cartoonistenkollegen Perscheid locker über das bevorstehende Filmprojekt. Perscheids Reaktion ist ebenso eindeutig wie bestimmt: „Die Motorrad-Modelle will ich bauen!“ Ein Ansinnen, das bei den Filmemachern anfangs etwas kritisch betrachtet wird. Sie kennen Martin Perscheid zwar als Zeichner, der mit seinen oft herrlich bösen Werken zu den bekanntesten Cartoonisten Deutschlands gehört, doch als Modellbauer ist er ihnen noch nicht aufgefallen.

Was sich rasch ändern soll, denn nach einem gnadenlosen Kennenlern-Angebot („Aus wirtschaftlicher Sicht hätte ich ablehnen müssen, aber ich wollte den Job! “) ist Perscheid im Boot und überzeugt von Beginn an mit perfekter ­Arbeit, für die der Begriff Modellbau-Wahnsinn eigentlich viel treffender wäre. Über den am Ende des Textes genannten Making-of-Link gelangt man zu einem Modellbau-Blog, in dem Perscheid die Entstehung von Rau-Kawasaki und Moto Guzzi Le Mans bis ins kleinste Detail schildert – absolut ­lesens- und sehenswert, aber bitte sehr viel Zeit mitbringen.

Die Kawasaki ist Ende 2012 zuerst fertig, die beiden Filme mit Bernd „Brembo“ Breidscheid machen folglich den Drehanfang. Die dritte Episode „Nürburgring“, in der sich Holger Aues Alter Ego Holli Hatzenbach auf seiner Guzzi mit Bernd samt Kawasaki duelliert, bildet den (hoffentlich nur vorläufigen) Abschluss der Motomania-Verfilmungen. Drei Wochen dauern die reinen Dreharbeiten, am Computer erfolgt der Feinschnitt, ein paar Details wie Rauch und Hintergründe werden ebenfalls elektronisch eingefügt. In Sachen Tontechnik ist dann wieder klassische Mikro- beziehungsweise Mundarbeit angesagt. Den Guzzi-Sound liefert Holgers echte Le Mans, und den (überschaubaren) Text von Holli Hatzenbach spricht sein Schöpfer auch gleich selbst. Pünktlich zum Saisonbeginn 2013 gehen die drei Meisterwerke über den digitalen Louis-Auftritt und über YouTube online.

Foto: Herder, Louis
Bauschaum, Popcorn und grüne Farbe aus der Spraydose - so entstehen die Bäume für die Hintergrundkulisse.
Bauschaum, Popcorn und grüne Farbe aus der Spraydose - so entstehen die Bäume für die Hintergrundkulisse.

Ein paar kleine Fehler haben sich eingeschlichen. So trägt Holli Hatzenbach beim Nürburgring-Rennen keine Handschuhe, und ein Motorrad beschleunigt, obwohl die Hand nicht am Gas ist. Doch das ist nicht wirklich ärgerlich – es sind nun mal Comics.

Ob es Fortsetzungen geben wird, ist noch nicht entschieden, denn jeder Film kostet einen flotten fünfstelligen Betrag. Und darin sind die Modellbaukosten noch gar nicht berücksichtigt. Die Klick-Zahlen sprechen allerdings ganz klar für weitere Motomania-Filme. Die beiden Cartoonisten und das Filmstudio wären ganz sicher wieder mit dabei. Nun liegt es am Filmförderer Detlev Louis, ob die Geschichte weitergeht. Die wie für die Ewigkeit gemachten Fahrer- und Motorradmodelle sprechen ebenfalls eindeutig für weitere Folgen. Der ganz leicht in Mitleidenschaft gezogene Konferenztisch spricht möglicherweise dagegen. Aber nur ein wenig – vielleicht ganz gut so, dass keine gelbe Brause vorrätig war.

Motomania-Video: Megaeisen


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