Marathon-Men: extreme Vielfahrer (Archivversion) Die Reise zum Mond und zurück

Wahrhaftige Kilometerkönige kamen zum MOTORRAD-Treffen der Vielfahrer in Thüringen: Ihre 15 Motorräder brachten es gemeinsam auf rund fünf Millionen Kilometer. Eine bunte Truppe mit höchst individuellen Maschinen wie Fahrphilosophien.

Ende 2006 suchte MOTORRAD unter der Überschrift »Dauer-Auftrag« nach extremen Vielfahrern unter den Lesern. Und war überrascht von der Resonanz auf diesen Aufruf, rund 120 interessante Biographien flatterten ins Haus. Zahlenmäßig dominierten Bewerbungen von BMW- und Honda-Fahrern, bei Letzteren bis hin zu Fireblades, dicht gefolgt von Yamaha-Eignern. Erst mit großem Abstand folgten Kawasaki und Suzuki, noch seltener waren Harleys oder Guzzis. Ducatis und Triumphs als Dauerläufer? Fehlanzeige.

So oder so fiel eine Auswahl für ein Treffen nicht leicht. Ende Juli 2007 war es so weit: 15 Menschen kamen mit ihren Maschinen nach Saalfeld, Tor zum tollen Motorradrevier des Thüringer Walds. Für alle Teilnehmer ist das Motorrad Liebhaberei wie Lebenseinstellung und zum Teil einziges Fahrzeug. Gleichwohl hat jeder Kilometerfresser eine ganz individuelle Biographie und Fahrphilosophie: Fernreise, alltägliche Tour oder Weg zur Arbeit.

Bunter kann ein Motorrad-Treff kaum sein: Maschinen von 125 bis 1200 cm3, vom Single bis zum Sechszylinder, vier Monate bis 29 Jahre alt, mit 32000 bis 827000 Kilometern. 15 Zweiräder vereinen zusammen 5,17 Millionen Kilometer und rund 260 Jahre. Ergibt pi mal Daumen knapp 20000 Kilometer jährlich.

Dagegen kommt der deutsche Durchschnitts-Biker eher auf 3000 als 5000 Kilometer Jahresfahrleistung. 344867 Kilometer im Mittel legten die eingeladenen 15 Gegen-alle-Trends-Fahrer/innen zurück. Dafür reicht ein Durchschnittsleben nicht aus. Es fehlen nur 40000 Kilometer – ziemlich genau ein Erdumfang –, um einmal zum Mond gereist zu sein: 384401 Kilometer ist der Erdtrabant entfernt.

Solche Zahlen verschieben einfach die Wahrnehmung. MOTORRAD führt mehr Dauertests durch als jede andere Zeitschrift in Europa. Sie gehen über 50000 Kilometer, danach wird die jeweilige Maschine zerlegt und begutachtet. In der Regel braucht es dafür rund 18 Monate. Da sind die Vielfahrer-Maschinen gerade mal gut eingefahren.

Was sind das für Menschen, die wie Siegfried Donath 827000 Kilometer in 13 Jahren fahren? Was ist ihr Antrieb zur Marathon-Manie – mental wie motorradtechnisch? Was sind ihre zeitgerafften Erlebnisse, die wichtigsten Schäden im Langstrecken-Einsatz? Antworten darauf liefern die oftmals detaillierten Aufzeichnungen.

Gunter Baron etwa listete in einem 30-seitigen, penibel geführten Wartungsbuch alle wichtigen Stationen mit seiner TR1 auf. Die hat er bei Kilometerstand 25274 übernommen und bei 300306 in sein Wohn­zimmer gestellt. Macht 275032 eigene Kilo­meter an 5843 angemeldeten Tagen bis zur endgültigen Stilllegung im September 2003. Oder 5500 Stunden Fahrzeit bei angenommenem Durchschnittstempo von 50 km/h auf Nebenstrecken. Heißt 229 Tage am Lenker. Ununterbrochen. Minimal 781 Tankstopps (bei 5,4 Liter je 100 km und 19 Liter Tankinhalt) gehen extra.

Stolz auf die Kilometer? »Ja klar«, sagt Erich Zimmermann, »die haben wir uns alle hart ersessen.« Der Ex-Fahrlehrer weiß, wovon er redet. Nicht nur, weil er sich das Sitzmöbel seiner BMW R 1200 GS hat speziell anpassen lassen. Sondern weil er mit ihr in exakt vier Monaten 32483 Kilometer fuhr. Respekt. Erich ist ein wahrer Kilometer-Millionär, hat die R 1150 GS, mit der er sich als Marathon-Man beworben hatte, Anfang 2007 verkauft. Nach 493000 Kilometern in neun Jahren. Eben der ganz nor­male Wahnsinn.

Andreas Gottschalk aus Mönchengladbach, ebenfalls Fahrlehrer, hält die Kawa-Fahne hoch. Er hat seit 1983 fast 320000 Kilometer auf seine Z 750 E gespult (Foto auf Seite 61). Und die Wartungsintervalle, natürlich in Eigenregie, auf 10000 Kilo­meter erhöht. Trotz vieler Chromteile nutzt Andreas den Brot-und-Butter-Vierzylinder als Begleit-Bike in der Motorradausbildung. Er hat eine Verkleidung und einen Zigarettenzünder als Zubehör nachgerüstet, Thomas Andres (»Speedy«) an seiner XT 500 (191124 km) einen Regenschirmhalter.

Wer je mit eigenem Motorrad »100000« voll machte, kennt das bewegende Gefühl, wenn 99999,9 auf der Uhr steht. Zumindest, wenn es ein Tacho von der mechanisch-analogen Sorte ist und nicht nur Flüssigkristalle pixeln. Auf dem Tachogehäuse der Kawa hat Andreas die Tage des »Nullens« bei vollen 100000 Kilometern vermerkt: der 28. April 1995, der 10. August 2002 sowie der 23. September 2006.

Auf Autobahnen setzt Andreas sein Zweit-Motorrad ein, eine Yamaha XJ 900 Diversion. »Aber die hat erst 113000 Kilometer drauf.« Überhaupt sind die meisten Teilnehmer nicht bloß Überzeugungs-, sondern wahre Wiederholungstäter: Sie besitzen mehrere Motorräder. Und fahren schon mit einem einzigen ihrer oftmals großen Sammlung dermaßen viel ...

Wie hält das Material so lange? Kaum eine Maschine blieb im Dauerstress ohne Schäden. Trotzdem kann man der Technik auf die Sprünge helfen. In dem man sein Motorrad gut kennt – fast zwangsläufig bei rund 17 Jahren Durchschnitts­alter. Und irgendwann selber wartet und repariert. Oft dienen ganze Maschinen oder Zweitmotoren als Teileträger, damit Defekte schnell behoben sind. Oder weil sich Ersatzteile der Youngtimer mitunter schon fast in Gold aufwiegen lassen.

Wenig Kaltstarts und behutsames Warmfahren der Motoren sind weitere Erfolgsgeheimnisse: »5,5 Liter Öl wollen erst mal auf Temperatur kommen«, erklärt CBX-Treiber Jürgen. Er fährt morgens 100 Kilometer Umweg zur Arbeit mit seinem »Baby«, feiert sogar dessen Geburtstag. Am anderen Ende des Spektrums rangiert der 18-jährige Jannik. Seine CBR 125 trug ihn zwei Jahre lang auf Tempo 80 gedrosselt knapp 36000 Kilometer weit. Bis zur Schule fährt der Gymnasiast bloß zwei Kilometer. Ob er keine Probleme wegen der Kurzstrecken sehe? Nein. »Das ist eine Honda, die hält auch so.«

Dass Erfahrung vom Fahren kommt, zeigte sich in Thüringen auf den traurigerweise voll gefluteten, kleinen Motorradsträßchen. Alle Vielfahrer beherrschen ihr Motorrad auch bei widrigen Bedingungen aus dem Effeff, in Kurven, beim Wenden und Rangieren. Was vielleicht bei diesen Kilometerleistungen nicht sehr verwundert. Aber den Wunsch aufkommen lässt, dass es mehr solcher Leute gäbe. MOTORRAD zieht seine Lehren aus diesem Erfahrungsaustausch. Und wird dranbleiben am Thema. 2008 soll ein Nachtreffen stattfinden. Sie ist noch lange nicht zu Ende, die Motorrad-Reise zum Mond.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel