Master Bike ‘99 (Archivversion) Es ist angerichtet

Zum zweiten Mal steht die gesamte Sport-Elite für einen Wettstreit ohne Gnade bereit. Die Spannung ist bei allen Beteiligten riesig, denn dieser Mega-Vergleich findet unter geänderten Vorzeichen statt. Auf einer schnellen Grand Prix-Strecke, dem Circuit de Catalunya bei Barcelona.

Barcelona im Frühjahr. Das bedeutet, die warme Frühjahrssonne genießen zum Beispiel bei ausgedehnten Spaziergängen auf der belebten Rambla oder im Café am olympischen Hafen. Doch leider nicht für jeden. Für die Mannen von MOTORRAD bedeutet es planen, organisieren, arrangieren, improvisieren. Kurz, alles, was nötig ist, einen Mammut-Test wie diesen auf die Beine zu stellen und reibungslos durchzuziehen. Wobei der Löwenanteil in Sachen Vorbereitung und Organisation bereits von den spanischen Kollegen unserer Schwesterzeitschrift MOTOCICLISMO gestemmt wurde. Allein den Termin auf der ständig ausgebuchten Formel eins-Piste zu ergattern kostete unsere spanischen Freunde sage und schreibe über ein halbes Jahr stetigen Telefonterrors bei der automobilverwöhnten Betreibergesellschaft.Barcelona im Frühling bedeutet manchmal auch eine Woche Dauerregen, der die Laune der frühzeitig angereisten Kernmannschaft nahezu auf den Nullpunkt hat sinken lassen. Doch am Tage X steht nicht nur der Circuit de Catalunya samt Sicherungspersonal zur Verfügung, sondern auch Petrus hat ein Einsehen. Schließlich heißt es ja nicht umsonst, das Glück ist auf der Seite der Tüchtigen. Es ist Montag morgen, die Sonne lacht, und alles wird gut.Denkste. Um neun Uhr, so will es der riesige, in der Box Nummer 17 aufgehängte Zeitplan, beginnt der Tanz. Doch leider haben sich bis jetzt - es ist genau 7 Minuten 53 Sekunden nach Neun - noch immer nicht alle Tänzer auf dem Parkett eingefunden. Genauer gesagt fehlt der französische Abgesandte Eric Maurice. Der Grund, den die Anwesenden allerdings erst in knapp einer halben Stunde erfahren werden: seine aus Paris kommende Maschine hat massive Verspätung. Da aber bei diesem knüppelharten Master Bike-Vergleich keinerlei Rücksicht auf Einzelschicksale genommen werden kann, wird ohne den Franzosen begonnen. An seine Stelle wird der Autor selbst berufen, der zum Zeitpunkt dieser Veranstaltung leider an den Nachwehen einer kleinen Sturzverletzung litt. Ist natürlich nicht beim Motorradfahren, sondern beim Wintersport passiert. Und das jetzt niemand auf die Idee kommt, das mit dem Glück und der Tüchtigkeit nochmals zu zitieren.Bevor es dann endgültig ernst wird, erklärt »the boß« Augusto Moreno von MOTOCICLISMO sicherheitshalber noch mal die Regeln:- 14 Maschinen- aufgeteilt in drei Gruppen- mit sechs Fahrern- die jeweils drei fliegende Runden drehen- jeder fährt so schnell er kann- und das schnellste Motorrad jeder Gruppe kommt ins Finale.Noch was? Ach ja: kein Schrott! Klare Ansagen, die keines Kommentars mehr bedürfen.Die ersten sechs Maschinen verlassen im Zehn-Sekunden-Takt die Boxengasse, um sich innerhalb zweier Aufwärmrunden an ihre neuen Piloten zu gewöhnen (oder anders herum) und die zum Teil recht empfindlichen Gummimischungen der Sportreifen auf Temperatur zu bringen. Nach einem kurzen Kontrollstopp in der Boxengasse, bei dem letzte Korrekturen wie das individuelle Einstellen der Hebeleien möglich sind, geht es meist schon mit voller Drehzahl und erhobenem Vorderrad aus der breiten Boxengasse hinaus auf den Kurs für die drei gezeiteten Runden.Knapp zwölf Minuten später herrscht wieder Ruhe. Jeweils nach 25 Minuten wird der nächste Turn gestartet. Bleibt den sechs Piloten noch Zeit, sich mit einem Fragebogen auseinanderzusetzen. Ein Fragebogen mit genau 36 Bewertungspunkten zu Motor, Fahrwerk, Bremsen, Fahrstabilität oder Sitzposition. 36mal eine Punktzahl zwischen 1 und 10 vergeben. 36mal darüber nachdenken, ob die Wertung im Vergleich zur vorher gefahrenen Maschine nicht doch zu hoch oder zu tief ausfällt. Je mehr Maschinen bereits gefahren wurden, desto öfter ertappt man die über mehrere Boxen verstreut sitzenden Fahrer beim Korrigieren schon ausgefüllter Testblätter.Doch nach 25 Minuten ist Schluß. Pepe Bugaleta, spanischer Kollege und verantwortlich für die Einhaltung des von ihm entworfenen Zeitplans - keine beneidenswerte Aufgabe -treibt mit militärischer Strenge den bunten Fahrerhaufen wieder auf die Maschinen. Keine Gnade für diejenigen, die vergessen haben, schnell noch einen Schluck Wasser zu trinken oder das Visier zu putzen. So etwas fällt unter die Rubrik Einzelschicksal, und die können, siehe oben, eben nicht berücksichtigt werden.Plötzlich ist er da, der Eric, erzählt die Geschichte von seinem verspäteten Flieger und entläßt mich aus seiner Vertreterrolle - zumindest mein angeschwollener Fuß dankt es ihm. Sekundenschnell wirft er sich in die Lederkombi und keine halbe Stunde später die Kawasaki ZX-6R in den Dreck. Dumm gelaufen. Leider hat niemand mehr daran gedacht, dem ausgebufften Franzosen den Ablauf dieses Master Bike noch mal ausführlich zu erklären. Sonst hätte er gewußt, daß alle Maschinen nach drei Turns wieder mit neuen Gummis besohlt werden. Und Erics Turn war eben der vierte. Die Regel kennt der Kollege jetzt zwar auch, aber leider ist die ZX-6R platt.Pepe ist ein wenig sauer, weil sein Zeitplan sich durch diesen Ausrutscher um weitere sieben Minuten - man erinnere sich an Erics Ausbleiben am Morgen - nach hinten verschiebt. So lange dauert es nämlich, bis die anwesenden Kawasaki-Mechaniker ihr »Muleto« mit einem Satz frischer Räder ausgerüstet haben und das neue Einsatzgerät an den Start schieben. Weiter geht’s.Kurz darauf krächzen aus Pepes Funkgerät unidentifizierbare Laute. Was mag das für eine Sprache sein? Und - noch wichtiger - was mag das alles heißen? Pepe ist schlauer, hört aus dem wirren Mix aus Italienisch, Spanisch und Englisch eine klare Botschaft heraus: Lichtschranke. Aha.Rauf auf den Roller und hin. Am Ende der langen Zielgeraden hat sich Andrea hinter dem Tag-Heuer-Meßgerät häuslich eingerichtet. Andrea kommt aus Italien, er arbeitet bei der Zeitschrift MOTO SPRINT. Die Topspeed-Messungen, die der Drucker der Lichtschranke ausspuckt, können nicht stimmen. Ausgerechnet die bärenstarke Hayabusa soll die Langsamste sein? Niemals.Schon beim nächsten Turn wird klar, warum. Wo alle anderen noch das Gas stehen lassen, sackt die eigenwillige Suzuki-Nase bereits abrupt zusammen. Mit dem schweren Bomber muß man einfach früher bremsen. Die Lichtschranke wandert gut 30 Meter weiter nach vorn, und die Hochgeschwindigkeitswelt ist wieder in Ordnung. 268 km/h, buuoo eeh. Wirklich erstaunlich ist dagegen, wie dicht die kleinen 600er ihren großen Superbike-Kolleginnen mittlerweile auf die Pelle rücken. Das hätte sich noch vor wenigen Jahren selbst die schnellste FZR 600 oder Honda PC25 nicht träumen lassen.Doch zurück ins Fahrerlager. Mittlerweile ist hoher Besuch eingetroffen. Direkt aus Italien. Salvo Penisi, seines Zeichens Entwicklungschef bei Metzeler und irgendwie auch noch mit Pirelli verbandelt, wollte es sich nicht nehmen lassen, diesen Test persönlich zu beäugen. Der Grund. Die von ihm mitentwickelte Reifengeneration wurde beim Mega-Test erstmals in der Öffentlichkeit präsentiert. Sowohl der ME Z3 als auch der Dragon EVO Corsa gehen mit Pen-Tech-Karkasse im Vorderrad an den Start.Auch der zweite unerwartet auftauchende Gast kommt aus Italien. Francesco Cagliari, Pressechef von Ducati, interessierte es ebenfalls, das Master Bike-Spektakel einmal aus der Nähe anzusehen. Vielleicht wollte er sich aber auch nur davon überzeugen, daß die beiden direkt ab Werk in Transportkisten angelieferten Testmaschinen die Reise ohne nennenswerte Leistungseinbußen überstanden haben. Im Falle der 748 SPS brauchte sich Signiore Cagliari sicher keine Sorgen zu machen.Die tapferen Piloten auf ihren tollkühnen Kisten spulen derweil Runde um Runde ab, füllen Punkt für Punkt ihrer Bewertungsbögen aus, fühlen sich schlapp und schlapper. Beim Anblick der ausgemergelten Gesichter keimt in mir erstmals der Verdacht auf, daß so eine kleine Verletzung durchaus auch was Positives haben kann.Die Schatten werden länger, die Stapel abgewetzter Gummipellen bei den extra angereisten Reifendiensten von Bridgestone, Dunlop und Metzeler/Pirelli immer höher. Endlich sind die 14 Durchgänge der Vorrundenausscheidung vorbei. Rund 100 Runden hat jeder Fahrer gedreht. Wer schon mal versucht hat, nur 20 Runden hochkonzentriert am Limit seiner Maschine zu fahren, wird wissen, welch körperliche Anstrengung das verlangt. Alle anderen mögen es ruhig weiter für einen unterhaltsamen Spaß halten.Es scheint Stunden zu dauern, bis das Zeitnahme-Team die Liste mit allen gefahrenen Runden eines jeden Piloten zusammengestellt hat. Markiert ist allerdings nur eine einzige Zeit pro Motorrad. Die einzige, die in diesem Vergleich zählt: die schnellste. Alle weiteren gereichen der Statistik, werden nach deren Auswertung Rückschlüsse auf spezielle Stärken und Schwächen der einzelnen Probanden zulassen. Endlich gibt Pepe das Ergebnis der Klassenauscheidungen bekannt. Ins große Finale ziehen ein: Ducati, Ducati und R1. Tosender Beifall aller Anwesenden, auch von den spanischen Importeuren, selbst von den Besiegten. Nicht nur sportlich gesehen eine mehr als faire Geste.Des einen Freud, des anderen Leid - mein Kollege Markus Barth zum Beispiel leidet. Er weiß, es ist noch nicht vollbracht. Er ist einer der drei schnellsten Piloten, die beim großen Showdown ein Hauptrolle spielen. Jetzt wird es noch mal ernst. Jetzt heißt es noch mal volle Konzentration. Alles geben, aber ja nichts verlieren. Zumindest nicht den Boden unter den Reifen. Markus gibt alles, schafft drei persönliche und zwei Final-Bestzeiten. Auch Claudio Corsetti wächst noch einmal über sich hinaus. Persönliche Bestzeiten mit allen drei Maschinen.Und Freund Fernando? Der macht das unmögliche Möglich, brennt mit der R1 eine Rekordrunde nach der anderen in den spanischen Asphalt und beschert der Yamaha damit den begehrten Gesamtsieg beim Master Bike ‘99. Warum Fernando mit der R1 so pfeilschnell um den Kurs gepeitscht ist, weiß er allerdings selber nicht so recht. War er doch vor der Bekanntgabe der Finalzeiten fest der Meinung, mit der Ducati 996 seine Bestzeit markiert zu haben. Zufall? Mitnichten, denn nach eingehender Auswertung aller gefahrener Zeiten des Tages zeigt sich, daß die R1 nicht nur die schnellsten Einzelrunden, sondern auch den mit Abstand besten Schnitt aller gefahrenen Runden auf sich vereint. Bis zum nächsten Master Bike gilt also zu Recht: Die Königin ist tot, es lebe die Königin -oder so ähnlich.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote