Meilenwerk Berlin (Archivversion) Die Meilenwerker

Seit knapp vier Jahren brodelt in der Berliner Wiebestraße ein Mikrokosmos ganz besonderer Art. In einem Straßenbahndepot aus der Kaiserzeit werden Restauratoren zu Lifestylisten und alte Fahrzeuge zum Kult – eine Synergie von mobiler und immobiler Klassik.

Dieser Ort sorgt einfach für Inspiration!
Deswegen arbeite ich hier.« Filmproduzent Christof Johann ordert im »Trofeo« den nächsten Espresso und blickt müde zu den Oberlichtern der riesigen Backsteinhalle. Mildes Licht sickert durch die alten Scheiben auf ein paar Prachtstücke automobiler Geschichte hinab. Ein 35 Jahre
alter Porsche Targa schräg gegenüber,
daneben ein kantiger BMW 2002 tii im
Rallye-Ornat, ein verstaubter Brezel-Käfer der ersten Nachkriegsjahre. Während ein Flügeltüren-Mercedes im ruppigen Warmlauf vorbeiröchelt, hallt im Hintergrund
blechern das Dengeln der Citroën-Restauratoren vom Atelier Automobile, die gerade einem 11 CV-Kotflügel die letzte Rundung verpassen. Fahrkultur in ihrer animierendsten Form. Und die braucht der übernächtige Filmer jetzt. In dessen gerade gedrehtem BMW-Clip irgendein Nebengeräusch stört, wie das Studio soeben durchgibt. Tagelange Arbeit vielleicht umsonst. Resigniert
legt er das Handy weg. »Hallo Christof!« Ein blonder Kollege rollt eine rotsilberne MV Agusta 800 Amerika an den Stühlen des Cafés vorbei. »Original 70er Jahre
mit nur 813 Kilometern. Und Magnesiumfelgen!« Ralf Vogelhuber von »Rooaring 70s« rettet Johanns nächste Stunden, lässt
desolate Tonspuren und Müdigkeit wenigstens kurzfristig vergessen.
Mikrokosmos Meilenwerk. Entstanden aus einem baufälligen Straßenbahndepot der vorletzten Jahrhundertwende und der Vision eines oldtimerbegeisterten Immobilien-Investors. Martin Halder, 38, hatte
im Berliner Bezirk Tiergarten die 12000 Quadratmeter große Halle entdeckt, die zu
Kaisers Zeit auf 22 Gleisen 300 Waggons
beherbergte. In den 60er Jahren samt der Straßenbahn aus dem Verkehr gezogen, bröckelte sie langsam herunter. Grundstein für Halders Idee, »eine architektonische Ikone mit Klassikern des Fahrzeugbaus zu verbinden und aus dieser Synergiewirkung neue Erlebniswelten zu kreieren«. Weg von nüchternen Werkstatt- oder Verkaufsarealen, hin zu fantasieanregenden, atmosphärischen »Kontakt- und Eventflächen, von denen alle Beteiligten profitieren«. Händler und Werkstätten wie Besucher.
2002 begann er mit einem kleinen Team von Denkmalschutz-, Oldtimer- und Marketingexperten mit dem Umbau, und im Mai 2003 öffneten die Hallen in der
Wiebestraße erstmals wieder ihre riesigen Tore. Elf Millionen Euro hatten Kauf, Sanierung und Projektmanagement bis zu dem Zeitpunkt bereits verschlungen.
Johann und Vogelhuber reagierten damals fast gleichzeitig. Beide hatten von der Meilenwerk-Initiative gelesen und sofort geschaltet: Da wollen sie rein. Der Filmer war gerade auf dem Absprung aus der
Motorredaktion des Nachrichtensenders n-tv und suchte ein Büro, Laverda-Hobby-Schrauber und Lebensmitteltechniker Vogelhuber dabei, sein bisheriges Leben als Caterer und Veranstaltungskoch aufzugeben und sich komplett ins Thema Youngtimer zu stürzen. Kolben und Kurbelwellen statt Küche und Kochen. »Eigentlich konnte ich mir das gar nicht leisten, doch ich nervte die damalige Projektleiterin so lange, bis sie mir ein
günstiges Untermietverhältnis bei Mauro Capuozzo verschaffte.«
Der Schöneberger Spezialist für italienische Autos trat einen 40 Quadratmeter kleinen Raum an Vogelhuber ab, der darin die »Rooaring 70s« aus der Taufe hob und neben seinem Büro mit Werkstattecke eine Morini 31/2 und eine MV 750 F4, eine multifunktionale Öltonne, mehrere Motoren,
etliche Ersatzteilkisten und eine Bibliothek unterbringt. Mit ein paar Handgriffen wird auch noch die 800er-MV ins Schaufenster gehievt. »Gott sei Dank ist man mit den Stellflächen großzügig, und ich darf die Motorräder weiträumig verteilen.« Teil des facettenreichen Meilenwerk-Konzepts, das Motorräder durchaus wünscht und im kürzlich eröffneten Düsseldorfer Standort sogar eine moderne Ducati-Werkstatt integriert. Der Preis für Vogelhuber bedeutet allerdings oft stundenlanges Umparken, wenn sich die weiten Wiebehallen in einen Versammlungsort verwandeln müssen, dem zweiten Standbein des Meilenwerks. Allein 2005 fanden darin fast 200 Veranstaltungen statt. Das Klassiker-Ambiente avanciert dann zur charismatischen Kulisse von Firmen-Events, Konzerten, Empfängen oder auch Rallye-Zielpunkten und Begleitparties zur Fußball-WM 2006.
»Menschen mögen Oldtimer«, lotete man bereits bei den Vorstudien des
Meilenwerk-Projekts aus. Die beauftragten Allensbacher Demoskopen ermittelten zu Beginn der Planungsphase neben über 200000 Oldtimer-Kennzeichen in Deutschland 15 Millionen Menschen mit einer
Affinität zum Thema Oldtimer. Tendenz steigend. Und der
Besitz eines Oldies scheint nicht un-
bedingt Voraussetzung, sich im Umfeld nostalgischer Fahrzeuge wohlzufühlen, wie man weiter herausfand. Gute Voraussetzungen für ein »Forum für Fahrkultur« – so lautet der Untertitel des Meilenwerks. Entscheidend war nur, weder in museale Reglosigkeit noch in rein nüchternes Business-Klima abzurutschen. Wie die nötige Lebendigkeit herstellen? Man schaffte es durch günstige Mietpreise – im unteren Drittel der örtlichen Handelskammer-Empfehlung – und geschickte Auswahl der Betriebe. Und zog 30 Spezialisten unterschiedlichster Ausrichtung mit insgesamt 120 Beschäftigten im Meilenwerk zusammen. Für Zulauf sorgen außerdem günstige Stellplätze für 88 Privatoldies, kostenlose Räume für Clubtreffen sowie zwei Restaurants plus Biergarten. Und es funktionierte, trotz anfänglicher Unkenrufe wurde das Meilenwerk zum Magneten der Berliner Szene und zog inzwischen über eine Million Besucher an.
Auch wenn der Lärmpegel in den Hallen schon mal nerve, überwiege die positive Animation – auch bei Geschäftskunden – bei weitem, da sind sich Vogelhuber und
Johann einig. »Mauro beim Abstimmen seiner Zwölfzylinder zuzuhören ist einfach das Größte.« Ganz abgesehen von den harten Fakten. Man teilt sich Sanitärräume, eine Carrera-Autorennbahn vom Modellbauladen zur Entspannung, TÜV-Gutachter, Polsterer, Ölentsorgung, Fahrzeugreinigungsdienst und im »Trofeo« einen ver-
billigten Mittagstisch für 3,50 Euro. Entscheidend für alle aber sind kurze Wege und Kontakte. »Wir brauchen für unsere Sendungen oft ,Stoff‘. Und was nicht hier herumsteht, ist meist schnell organisiert. Kürzlich mussten wir ein Citroën-Jubiläum moderieren und konnten dazu direkt auf mehrere alte DS zurückgreifen«, erklärt der Filmemacher. Viele Größen der Restaurierungsbranche sitzen im Meilenwerk Tür an Tür. Zwar gibt Cornelius Kleßen-Reichardt vom Ersatzteil-Händler Limora zu, dass sich der Umsatz an britischen Roadster-Teilen in Grenzen hielte, doch »es ist eine Prestigefrage, hier zu sein«.
Während zwei pelzgewandete Damen in glühender »Den-hatten-wir-auch-mal«-Stimmung an einer patinierten Mercedes-Phalanx entlangflanieren, betrachtet ein Mittfünfziger hingerissen die 900er-
Königswellen-Ducati vor »Rooaring 70s«. Porsche-Kolben, Höckle-Kurbelwelle und fast nicht gefahren. »Meine Frau erschlägt mich! Ich habe doch den Volvo noch nicht mal fertig.« »Gebote unter 14000 Euro
waren bisher zwecklos«, steckt Vogelhuber den Preisrahmen ab. So entstehen Kontakte. »Kürzlich wollte einer nur sein Auto zur Inspektion bringen und erzählte dann von einer vergessenen alten BMW in einem Charlottenburger Hinterhof. Sie stand tatsächlich da, eine R 35, völlig am Ende, aber mit Original-Brief von 1951.«
Wer sich nicht für Ralf Vogelhubers Youngtimer interessiert, kommt wegen Teilen. »Ich bin
quasi das Trüffelschwein«, bekundet er selbst und nennt es eine seiner größten Vergnügungen, weltweit nach Maschinen in allen Verfalls- und Zerlegungsstadien zu fanden. Die Honda CB 350, an der sein Kollege Davide Viperino auf der Hebe-
bühne letzte Hand anlegt, stammt aus
Texas. Mitgebracht von einem Bekannten, der noch Platz in einem Container alter
Kawas hatte. »Da saßen noch die Termitennester drin.« Davide, 40, sonst Rennmechaniker bei einem 125er-Grand-Prix-Team, »der notfalls auch mal die Vergaser auslitern kann«, so Vogelhuber, holte sie ins Leben zurück. Er ist der Schrauber, Ralf zuständig fürs Business.
Es ist ein hartes, aber lustvolles Geschäft. »Eine Familie könnte ich davon nicht ernähren, doch ich habe die Chance, eine Leidenschaft zu leben«, schmunzelt der 43-Jährige. Auch Christof Johanns
junge Firma Looxgood hat mit ihren Auto- und Motorrad-Filmen (unter anderem das MOTORRAD-Roadmovie »Karpaten, Krim und Kaukasus«) bis zur ersten Million noch eine Menge vor sich. »Trotzdem möchte ich momentan nichts anderes und nirgendwo sonst arbeiten.«
Mauro Capuozzo findet am Maserati-Vergaser schließlich den finalen Dreh,
Kleßen-Reichardt startet seine 750er-Laverda von 1973 für den Heimweg – »Autos sind nur der Job!« –, der Produzent ruft ein
letztes Mal beim Tonstudio an, erfährt, dass eine defekte Servolenkung für das Nebengeräusch verantwortlich war, und die Besucher streben langsam zum Ausgang. Bis auf eine alte Lancia Fulvia, die draußen absolut nicht anspringen will, ist es still zwischen den alten Backsteinmauern geworden und das Licht durch die schrägen Oberlichter spärlicher. Leidenschaft verbindet. Ein gemeinsamer Identifikationspunkt ebenso. Beides scheint ziemlich ausgeprägt unter den Meilenwerkern.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel