Mensch und ABS (Archivversion) Absolution

Spricht ein Antiblockiersystem den Motorradfahrer beim Bremsen von allen Fehlern frei, oder kann er die Probleme selbst genauso gut lösen? Eine umfassende Analyse.

Der Top-Test der Yamaha FJR 1300 mit ABS (MOTORRAD 6/2003) trieb sie auf die Barrikaden, die ultimativen Spät- und Megabremser und zementierte ihre Vorurteile. Eine rege Diskussion um die vermeintlich geringe Verzögerung von 8,4 m/s² wogte im MOTORRAD-online-Forum auf. Vermeintlich, weil Test-Profis unter Idealbedingungen je nach Motorrad-Typ Werte um zehn m/s² im physikalischen Grenzbereich schaffen. Gar einen technischen Mega-Flop vermutete Volker Deutschmann – der, oh Jammer, eine FJR 1300 A ohne Probefahrt »blind« geordert hatte. Seine einzige Hoffnung: dass es vielleicht doch nicht am ABS selbst, sondern an den Reifen, den niedrigen Außentemperaturen oder dem Vollmond gelegen habe. Bernd J. kommentiert: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Yamaha wirklich so einen Mist konstruiert hat (...) Die Werte mit ABS sind exakt die, die jeder Normalbremser hinkriegt.«

Letztere Aussage wird – zu Recht – in anderen Beiträgen relativiert. »Bei aller berechtigter Kritik ist der Bremsweg immer noch kürzer als bei Otto Normalfahrer ohne ABS. Oder er liegt dann schon dank überbremstem Vorderrad auf’m Pinsel. Interessant wäre es, wie unterschiedlich die Verzögerung mit und ohne ABS nicht nur im Profibremser-, sondern auch im Normalobereich ist.« Just die Frage, die MOTORRAD nun endgültig klären will, nicht zuletzt, um fragwürdige Weisheiten ein für alle Mal auszuräumen.

Wichtige Vorarbeit hatte bereits das MOTORRAD ACTION TEAM im Rahmen der Veranstaltung »Motorradfahrer des Jahres 2002« geleistet. In den Vorrunden des Wettbewerbs müssen nämlich in der Disziplin Bremsen mehrere hundert Probanden aus einer Anfangsgeschwindigkeit von zirka 70 km/h innerhalb kürzester Zeit zum Stillstand kommen. Dabei zeichnet ein Messgerät exakt den Verlauf der Verzögerung sowie deren Betrag auf. Aus diesem üppigen Fundus konnte sich MOTORRAD ein umfassendes Bild machen.

Exemplarisch werden die Ergebnisse zweier bunt gemischter Gruppen analysiert, die gleich für eine handfeste Überraschung gut sind: Die durchschnittliche Verzögerung von 19 Fahrern der ersten Gruppe beträgt 6,2 m/s², ein Wert, der für sich betrachtet ganz ordentlich ist. Unter der Vorgabe jedoch, dass die Aktion ambitionierte Motorradfahrer anspricht, die ihr Fahrkönnen als ziemlich hoch einschätzen, erscheint dieser Wert allenfalls durchschnittlich. Und ist zudem weit entfernt vom Niveau, das die FJR 1300 mit ABS aufweist. Des weiteren bemerkenswert: Die Sportfahrerfraktion mit Yamaha R1, Honda Fireblade und Co. stellte sich keineswegs als überlegene Bremsenspezies heraus, sondern verzögert mit 6,1 m/s² im Durchschnitt sogar noch geringfügig schlechter als der Rest der Motorradwelt. Absoluter Spitzenreiter ist R 1150 GS-Fahrer Aaron T. Er schafft – dank ABS – eine mittlere Verzögerung von 7,9 m/s², ohne dabei aber das Potenzial des Antiblockiersystems ganz auszuschöpfen.

Die zweite Vorrundengruppe mit 26 Fahrern bremst die erste mit einer durchschnittlichen Verzögerung von 6,8 m/s² förmlich aus. Doch bei der Analyse klärt sich die Differenz schnell auf. Nicht weniger als sechs BMW-Boxer- und F 650 GS-Fahrer mit ABS treiben den Schnitt der Gruppe in die Höhe. Mit Verzögerungen von 7,2 bis 8,1 m/s² liegen sie deutlich über ihren Mitbewerbern. Nur ein einsamer Yamaha TDM-Fahrer kann mit 8,1 m/s² in der Spitzengruppe der ABS-Bremser mitmischen.

Betrachtet man den Verzögerungsverlauf, belegen die Messungen glasklar: Selbst überdurchschnittlich routinierte Motorradfahrer schöpfen das Potenzial ihrer Bremsen nicht annähernd aus, weil auch sie gravierende Fehler machen. Nutzt der Normalfahrer im Ernstfall die Möglichkeiten seiner Stopper weit weniger als 50 Prozent, tun sich beim Verzögern erfahrene Zweiradler ebenfalls schwer, verlieren Zeit und damit wertvolle Meter. Der Grund: Über die Geschwindigkeit informiert der Tacho, bei der Verzögerung muss sich der Pilot allein auf sein Gefühl verlassen. Und das trügt oftmals. Zwar erzielen einzelne Probanden im Verlauf ihrer Bremsung durchaus Werte von bis zu 10,0 m/s², doch ihr zögerlicher Bremsdruckaufbau macht eine gute Gesamtverzögerung zunichte. Über die Hälfte der Piloten starten den Bremsvorgang mit extrem geringem Bremsdruck und steigern ihn kontinuierlich bis zum Ende der Bremsung. Eine instinktive Verhaltensweise, die aus Angst vor dem tückischen Überbremsen verständlich ist, aber bereits zu Beginn der Bremsung enorm viel Weg verschenkt.

Allein ein ABS kann den schnellen Bremsdruckaufbau gefahrlos bewerkstelligen. Eine Tatsache, die die weitgehend guten Ergebnisse der Fahrer mit Antiblockiersystem belegen. Die resultieren nicht zuletzt aus dem bedenkenlosen Griff in die Bremse, bereits nach zwei bis drei Zehntel Sekunden erreichen sie 80 Prozent ihrer maximalen Verzögerung. Doch nicht nur zu Beginn der Verzögerung werden ohne ABS wertvolle Meter verschenkt, sondern auch im weiteren Verlauf. Viele Fahrer steigern den Bremsdruck zwar kontinuierlich, bekommen aber weit vor der Blockiergrenze Angst vor der eigenen Courage – und lösen die Bremse kurzzeitig komplett; um dann erneut reinzulangen.

Bei den meisten Teilnehmern der Aktion »Motorradfahrer des Jahres« überlagern sich gleich mehrere Schwächen. Von insgesamt 45 Fahrern bauen 25 den Bremsdruck zu langsam auf,16 davon lösen die Bremse aus Angst vor dem Überbremsen völlig unnötigerweise weit vor der Blockiergrenze. Ernüchterndes Fazit: Von 45 Routiniers verdienen sich in der Disziplin Bremsen ganze acht das Prädikat gut, davon stammen drei aus dem ABS-Lager. Und das, obwohl die Fahrer dank vorheriger Kenntnis der Übung Zeit und Gelegenheit zum Training hatten. Eine Gelegenheit, die es beim anberaumten Lokaltermin von MOTORRAD nicht gibt.

Einsteigerin trifft Routinier bei der MOTORRAD-Aktion: »Besser bremsen mit ABS« Fünf Motorradfahrer (siehe untenstehende Links) mit ganz unterschiedlichen Ambitionen und Erfahrungen zeigen zunächst auf der Landstraße, wo sich das Verzögerungsniveau im realen Motorradleben bewegt. Alle Fraktionen sind vertreten: von der Einsteigerin Mirjam Müller über die Normalfahrer Daniel Alves de Jesus und Manuel Fuchs bis hin zum Sportfahrer Oliver Noske oder dem abgebrühten Routinier und Kilometerfresser Volker Deutschmann - genau jenem, der die Diskussion über das ABS der Yamaha FJR 1300 A im MOTORRAD-online-Forum losgetreten hatte.

Die erste Übung: Jeder Fahrer fährt einen Rundkurs von 35 Kilometern im schwäbisch-fränkischen Wald, der von engen, unübersichtlichen Biegungen bis zu ultraschnellen, weit überschaubaren, in Berg und Tal gebetteten Wechselkurven alles zu bieten hat, was des Motorradfahrers Herz begehrt. Jeder Pilot muss den Kurs ohne Streckenkenntnis und Vorausfahrenden absolvieren, genau wie auf der Ferntour im wirklichen Leben. Zur Wahl stehen je nach persönlichem Gusto ABS-Motorräder ganz unterschiedlicher Couleur. Die Palette reicht von der BMW F 650 GS über die sportlichen Tourer Honda VFR und Ducati ST 4S bis zum Powertourer Yamaha FJR 1300 A. Während Einsteigerin Mirjam die BMW F 650 bevorzugt, greifen Daniel und Manuel zur VFR, Ducati-998-Fahrer Oliver selbstverständlich zur Ducati ST 4S und FJR-Eigner Volker, wie könnte es anders sein, zur Yamaha. Die Maschinen sind mit Data-Recording bestückt, das bei jedem Turn exakt den Geschwindigkeitsverlauf und die Verzögerung aufzeichnet.

Das Ergebnis: Die durchschnittlichen Verzögerungen aller Probanden bewegen sich zwischen zwei bis drei m/s². Wobei es sich wohlgemerkt nicht um Vollbremsungen bis zum Stillstand handelt. Auch bei den Spitzenwerten liegt das Mittelfeld mit 4,2 bis 4,4 m/s² dicht beieinander. Als ausgewiesener Top-Bremser outet sich Volker. Seine Verzögerungen liegen tendenziell höher. Ein einziges Mal verzögert er sogar mit 6,4 m/s². Nach dem Grund befragt, liefert er augenblicklich die Erklärung: »Ich wollte ausprobieren, ob das ABS regelt.« Dazu müsste er die Stopper allerdings weit heftiger aktivieren.

Diese Chance bietet sich den Kandidaten kurze Zeit später. Vom schwäbisch-fränkischen Wald geht es auf direktem Weg ins badische Motodrom von Hockenheim. Auf abgesperrtem Terrain kann sich jeder Fahrer nicht nur an die eigenen, sondern – dank ABS – auch gefahrlos an die Grenzen der Physik herantasten. Die Aufgabenstellung: Er soll aus einer Anfangsgeschwindigkeit von 100 km/h eine Vollbremsung an seinem persönlichen Limit absolvieren – und zwar ohne Netz und doppelten Boden des Antiblockiersystem. Die Fahrer wissen nicht, ob das ABS aktiviert ist oder nicht. Wieder zeichnet ein Messgerät jede Verzögerung auf, zusätzliche Weg- und Geschwindigkeitsmessungen untermauern die einzelnen Ergebnisse.

Und die fallen ganz unterschiedlich aus: Zwischen 5,5 und 7,0 m/s² reicht die Bandbreite und liegt damit exakt in dem Bereich, den die »Motorradfahrer des Jahres« bereits vorgaben. Erneut fällt Volker aus dem Rahmen und bremst die anderen gnadenlos aus. Er benötigt am Anfang Zeit, um eine hohe Verzögerung aufzubauen, steigert sich dann aber bis ans Limit der FJR ohne ABS von 9,5 m/s². Hätte er zu Beginn der Bremsung nicht so viele Meter liegen lassen, käme er auf ein absolutes Topresultat. Doch auch respektable 7,9 m/s² im Durchschnitt können sich sehen lassen. Dennoch verfehlt er das Maximum der FJR mit ABS klar.

Als nächstes gilt: Übung macht den Meister. Nun sollen die fünf im Vertrauen auf das ABS ihre eigenen Grenzen verschieben und anschließend Erfahrungen mit den unterschiedlichen Systemen sammeln. Mirjam steigert sich nach zahlreichen Bremsungen mit der BMW in Sphären von über acht m/s² und gibt zu Protokoll, dass für noch höhere Verzögerungen ihre Handkraft nicht ausreiche. Wobei es sich jedoch eher um eine psychologische Barriere handeln dürfte. Daniel schöpft das Potenzial der VFR knapp unter der Regelgrenze fast vollständig aus. Das gleiche gilt für Manuel. Oliver steigert sich im Vertrauen auf die elektronischen Helfer bis auf zehn m/s², ein Bereich, in dem die Ducati langsam anfängt, das Hinterrad zu heben, aber noch nicht regelt. Lediglich Volker überlistet bei einzelnen Bremsungen durch dosierten Bremsdruckaufbau das ABS der FJR und schafft so bis zu 9,5 m/s². Zur Ehrenrettung der anderen sei erwähnt, dass der Routinier in der Vergangenheit bereits verschiedene ABS-Systeme getestet hat. Mit Regelung pendelt er sich auf die Yamaha-typischen 8,5 m/s² ein.

Nach den Erfahrungen mit den drei anderen Motorradmodelle kommen bei der Einschätzung der Antiblockiersysteme alle fünf Fahrer unisono zum gleichen Ergebnis: Das ABS der VFR ist unter den getesteten Systemen die erste Wahl. Es stellt keinen Fahrer vor ernsthafte Probleme. Selbst der kritische Volker Deutschmann stimmt wie die anderen Teilnehmer der Erkenntnis zu, dass ABS ein enormer Zugewinn für die Sicherheit ist. Das Potenzial eines Antiblockiersystems liegt haushoch über dem eines jeden Normalfahrers. So hoch, dass diese es selbst nach vielen Bremsungen oft noch nicht ausnützen können.

Immerhin erreichen vier der fünf Kandidaten am Abend Verzögerungen, von denen sie zu Beginn des Testtages nur träumen konnten. Die Dimensionen, das Wissen, was machbar ist, haben sich gewaltig nach oben verschoben. Allerdings erst nach intensiver Übung. Doch ABS kann noch viel mehr leisten. Nämlich den Unwägbarkeiten des Alltags wie plötzlich auftauchenden Hindernissen, nasser Fahrbahn oder gar rutschigen Bitumenflicken in der Bremszone Rechnung zu tragen. Solche Übungen sind, wie MOTORRAD schon in Zahlreichen Versuchen ermittelt hat, ausschließlich mit ABS zu bewältigen und hätten einen weiteren Testtag in Anspruch genommen.

Im Gegensatz zur Absolution im Mittelalter, die gegen bare Münze den Ablass der Sünden vorgaukelte, bietet heute jedes ABS für 500 bis 1000 Euro ein handfestes Sicherheitsplus, das im Ernstfall die Investition schnell wieder hereinspielt, von der Gesundheit ganz zu schweigen. Das hat der Test eindeutig bewiesen. Und nebenbei Volker beruhigt. Er wird nun doch seine alte Yamaha FJR 1300 gegen die neue tauschen. Denn ein Mega-Flop ist deren Antiblockiersystem keineswegs. Doch eine Forderung bleibt: »Ich erwarte von Yamaha, dass sie das ABS noch verfeinern.«

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