Menschen und ihre Motorräder: Lars Hoffmann (Archivversion) Aufgeben gilt nicht!

Er ist Hayabusa-Heizer, Kfz-Meister, Teamchef und Familienvater. Und – bevor wir‘s vergessen: querschnittgelähmt und Rollifahrer.

Diesen Mann müsste es eigentlich auf Krankenschein geben. Immer dann, wenn wieder alle so ungerecht zu uns sind, wenn das Wetter mies ist, wenn der Bock partout nicht laufen will, wenn die Freundin mault. Dann müsste Lars kommen, uns zur Seite nehmen und ganz ruhig sagen: „Na los, komm schon Alter. Aufgeben gilt nicht!“ Und dann würde uns dieser große, blonde und ziemlich muskulöse Mann mit diesem unverschämt frechen Blick anlächeln. Und alles, alles wäre wieder gut.

Bis zum 5. August 2004 ist auch im Leben von Lars Hoffmann, 39, alles ziemlich gut. Der geborene Schwiegermuttertraum und gelernte Vulkaniseur aus der sächsischen Porzellanstadt Meißen lebt ein abwechslungsreiches, zeitweise sogar recht abenteuerliches Leben. Bereits vor der Wende macht er mit der Zwischenstation BRD-Botschaft in Ungarn „rüber“ und tobt sich ein paar Jahre im Westen aus. 1993 geht‘s zurück in den elterlichen Betrieb, einen bereits zu DDR-Zeiten existierenden Reifendienst, der sich zwischenzeitlich zum erfolgreichen Suzuki-Händler gemausert hat. Lars macht seinen Kfz-Meister, bevor es ihn wieder Richtung Westen zieht. Geländewagen-Tuning, Ferrari-Rennmechaniker inklusive Cavallo-Tattoo – das Leben ist spannend. Um 1999 wird der umtriebige Sachse etwas ruhiger, hilft beim Umbau des Familienbetriebs und übernimmt ihn im Frühjahr 2000 ganz offiziell. Fortan ist Suzuki sein Leben. Mit der Hayabusa bekommt der passionierte Sportfahrer dann auch privat endlich das passende Traumbike unter den Hintern.

Und dann kommt er, der besagte 5. August. Ein Donnerstag, perfektes Wetter, lauschige Temperaturen, selbst abends noch. Lars schwingt sich nach der Arbeit auf eine 1600er-Marauder – eine Vorführmaschine, ein Cruiser. An diesem Abend ist kein Heizen angesagt. Der perfekte Tag soll gemütlich ausklingen. Wie es passiert ist, kann Lars bis heute nicht erklären. Es ging für ihn in der leichten Linkskurve einfach geradeaus. Kein Alkohol, keine Medikamente, keine Übermüdung. Einfach nichts. Einfach geradeaus. Zwei angeknackste Rippen, den Daumen leicht angestoßen, Klamotten und Suzuki fast schrammenfrei – so hätte es ausgehen können. Ein harmloser Ausrutscher, einen Moment vielleicht unkonzentriert gewesen, das passiert schon mal, kein Drama. Wenn da nicht diese beschissene Mauer gewesen wäre.

Die Unfallermittler rekonstruieren, dass Lars mit 35 km/h aufgeprallt ist. Das reicht, damit der sechste und siebte Brustwirbel brechen – Querschnittlähmung. Es folgen drei Tage künstliches Koma, sieben Tage Intensivstation und die brutal deutliche Ansage des behandelnden Arztes: „Den Rest Ihres Lebens verbringen Sie im Rollstuhl.“ Dann die OP, um die Wirbel zu stabilisieren: Höllenschmerzen, und Lars schwört sich: „Wenn du diese Nacht überstehst, geht‘s nur noch aufwärts.“

Lars übersteht die Nacht. Und er übersteht auch vier Monate Reha. Am Anfang beschäftigt er sich gar nicht mit der Behinderung, will einfach nur nach Hause. Nur genau dort fangen die Probleme erst an – wird ihm erst richtig bewusst, wie unselbständig er ist.

Treppen? Vor dem Unfall nie bewusst wahrgenommen, jetzt sind es unüberwindliche Hindernisse. Doch so abgeschmackt es klingt: Lars hat Glück im Unglück, denn die Partnerschaft mit seiner Lebensgefährtin hält, die Freundschaften werden zwar weniger, aber intensiver. Und der Unfall gilt als Wegeunfall, die Berufsgenossenschaft macht einen perfekten Job, zumindest finanziell ist Lars Hoffmann abgesichert.

Er hat jetzt viel Zeit, surft im Internet und bekommt Mitte 2005 Kon­takt zum österreichischen Motocross- und Rallyechampion Heinz Kinigardner, dessen Bruder und Sohn ebenfalls querschnittgelähmt sind. Aus der anfangs rein informellen Beziehung entwickelt sich eine enge Freundschaft. Kinigardner bringt Lars Hoffmann mit der Stiftung „Wings for Life“ zusammen (siehe Info-Kasten oben) und zurück ins Leben. Seit dem Umbau seiner Hayabusa zum Gespann ist Lars wieder als Heizer aktiv. Und sein ganz großes Ziel heißt: raus aus dem Rollstuhl! Nach Stand der Forschung ist das gar nicht mal so unrealistisch. Sein Engagement als Stiftungsbotschafter und Chef des hmr-wingsforlife-IDM-Teams stehen nicht zufällig unter ein und demselben Motto: „Aufgeben gilt nicht!“

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