Menschen und ihre Motorräder (Archivversion) Himmelsstürmer

Wenn Johann Traber mit seinem Motorrad in luftiger Höhe über ein Drahtseil braust oder kühne Akrobatik zeigt, stockt den Zuschauern der Atem, und er ist dem Himmel ganz nah. Einmal wäre er beinahe oben geblieben.

Johann ist müde. Den ganzen Vormittag hat er wieder in der Rehaklinik in Bad Krozingen verbracht und mit Therapeuten für seine Rückkehr geschuftet. Seine Rückkehr ins Leben und aufs Seil, irgendwann. Seit mehr als einem Jahr geht das nun schon so, tagein, tagaus. Laufen, sprechen, essen, einfach alles hat er wieder lernen müssen. Jetzt hapert es noch an der Motorik und am Gleichgewichtssinn – nicht schlecht für jemanden, den die Ärzte schon aufgegeben hatten und der selber sagt: „Als ich im Koma lag, war ich kurz oben, hab’ meinen Opa und meine Tante gesehen. Der Himmel ist ein großer weißer Raum mit blauem Boden, und so neblig war’s. Das Bild werde ich nie vergessen.“ In seinem Gedächtnis fehlt dafür fast das komplette Jahr 2006, und auch an den Tag des Unfalls kann er sich nicht erinnern.

Hamburg, 21. Mai 2006. Die Hansestadt feiert ihren neuen Jungfernstieg. Die Trabers sind dabei. Sie inszenieren eine spektakuläre Show, bei der Johann den Peitschenmast, diese windanfällige Spitze des Hauptmasts, hochklettert, um in 52 Meter Höhe einen Handstand zu machen. Doch der Mast knickt ein. Johann fällt, gesichert von einem Gurt, in die Tiefe und knallt gegen den Hauptmast. Im Krankenhaus St. Georg kämpfen die Ärzte um sein Leben, gegen ein Schädelhirntrauma und unzählige Knochenbrüche. Von dem, was Johann erleidet, künden tiefe Narben an Rumpf und Kopf. Und ein Blick, von dem sein Vater sagt, er zeige noch den Schreck. In der Nacht zum Montag wird er zwölf Stunden lang operiert und liegt danach sechs Wochen im Wachkoma.

Wie durch ein Wunder überlebt er, kommt wieder zu Bewusstsein, kämpft um sein Leben und anfangs gegen die Scham. „Ich war nicht in der Lage, Hände und Füße zu bewegen. Ich konnte nicht auf die Toilette gehen, musste Windeln tragen. Das war peinlich.“ Und ungewohnt noch dazu für den damals 22-jährigen coolen Mädchenschwarm, der im Begriff war, den Familienbetrieb in die 16. Generation zu führen. Darauf war sein Leben immer ausgerichtet und ist es jetzt wieder. Ein Leben auf Draht.

Sechs Monate nach seiner Geburt im April 1984 wird Johann auf dem Hochseil getauft – in Hamburg, dem Ort, an dem er 22 Jahre später wiedergeboren wird. Als Johann junior fünf ist, treten Vater und Sohn zum ersten Mal gemeinsam auf. Er genießt den Applaus und sagt: „Ich hab’ Lust darauf bekommen.“ Fortan trainiert er täglich zwei Stunden nach der Schule, die er bis zu seinem Abschluss an ständig wechselnden Orten besucht. Das Training zahlt sich aus. Mit 16 heimst er den ersten Weltrekord ein, als er während der Expo in Hannover 17 Tage und Nächte auf dem Hochseil lebt. Kaum fünf Jahre später folgt der nächste Eintrag in die Rekordbücher: Mit 53 km/h fährt Johann in Flensburg auf dem Hinterrad seines Motorrad über ein Drahtseil – so schnell wie keiner vor ihm. Angst, sagt er, hat er dabei nie, aber Respekt.

Heute blickt Johann, der sechs Sprachen spricht, voraus, nicht zurück. Auch wenn ihm das Geschehene manchmal mehr zu schaffen macht, als er zugeben mag, so hat er doch einen Weg gefunden, damit umzugehen: Humor. „Wegen meines Schädelbruchs sag‘ ich, ich hab’ einen Dachschaden.“ Oder: „Ich bin auf den Kopf gefallen. Stimmt ja auch.“ Dabei lacht er und gesteht:„Klar ist das sarkastisch, aber so ist alles am besten zu verkraften.“

Johanns Lebenswille beeindruckt nicht nur seine Familie, die ihn unterstützt, wo sie nur kann. Es sind auch Wildfremde, die sich an ihn wenden. Darunter Motorradfahrer, die von einem ähnlichen Schicksal nach einem Unfall berichten und nun wissen wollen, wie er mit seinem umgeht: „Kopf nicht hängen lassen, immer an sich glauben und lachen“, so seine Antwort.

Sich zu fordern gehört auch dazu. Denn das ist es, was Johann tut: „Mein Körper kann alles noch“, sagt er, „ich muss es nur machen.“ Das Posen, das Winken, Leute verzaubern – es geht noch. Auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Unfall gibt er sein Comeback, tourt seitdem wieder mit der Familie von Auftritt zu Auftritt. Auch Mitte Juli, wenn sein Vater beim Truck-Grand-Prix am Nürburgring einen neuen Motorrad-Rekord aufstellen will, ist Johann dabei. Nur ab und zu sagt er: „Heute nicht.“ Meist dann, wenn er müde ist, so wie jetzt. Zum Abschied schüttelt er die Hand. Sein Händedruck ist wie ein Schraubstock. Man ahnt, wie viel Kraft in dem 24-Jährigen steckt. Und die wird er brauchen für das Comeback seines Lebens.

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