Menschen und ihre Motorräder (Archivversion) Schwarzgeld, Schmuggel und Schikane

Ein wahres Husarenstück deutsch-deutscher Motorrad-Geschichte hat Peter Hanke erlebt. Der »BMW-Papst« der DDR war der erste Besitzer einer K 100 im Arbeiter-und-Bauern-Staat.

Die Werkstatt ist ein Sammelsurium von Teilen. Zangen, Schrauben, Schlüssel, Dichtungen. Dazwischen eine Hebebühne und Schweißgeräte. Auf der Werkbank liegen Spezialwerkzeuge und eine Streichholzschachtel. 38 Hölzer, auf der Hülle eine Werbung: »BMW K 100 RS. Motorrad des Jahres 1984.« Mittendrin, im Inneren des Gebäudes, das einst ein Stummfilmkino war, steht ein Mann, dessen graue Haare wild in alle Richtungen des Raums greifen. Dieser Herr des Metalls, der nicht wirkt wie 63, hat gelernt, dass alles dereinst noch mal wertvoll sein kann. Er erzählt mit hoher, engagierter Stimme, singend und laut.

Es ist eine Geschichte, die Weihnachten 1982 beginnt. Da bekam Peter Hanke Besuch von seiner Cousine aus Berlin West. Er selber wohnte seinerzeit im Ostberliner Stadtbezirk Weißensee. Damals, im Dezember vor 26 Jahren, da ging es um mehr als West und Ost, um etwas ganz und gar Großes. Im Februar 1983, zu seinem 38. Geburtstag, bekam Peter über einen Notar eine Schenkungsurkunde überreicht. Auf der lapidar stand: »Ein Motorrad.« Eine Schenkung? Von wegen.

Denn zuvor hatte Peter 78000 Ost-Mark in 12000 Mark West »umgerubelt«. Das war, als 800 Ost-Mark netto als gutes Monatseinkommen galten, eine Menge Holz. Und ein großes Geheimnis: Die Kohle hatte seine Mutter dann schwarz rüber­geschafft. »Man wusste ja nicht, wem man was erzählen konnte«, wegen der »Firma«. Peter meint die Stasi. »Was ich gemacht habe, war illegal, ein Devisenvergehen. Aber mit der Schenkungsurkunde konnte ich eine Einfuhrgenehmigung beantragen.« Welche ihm, nachdem die Stasi alle Nachbarn über ihn ausgefragt hatte, das DDR-Ministerium auch erteilte. Personengebunden, ein Jahr lang gültig. Diese Chance, das wusste Peter, die gibt es nur einmal im Leben.

Nun konnte sich der Berliner nach einem geeigneten Motorrad umsehen – ohne sich freilich wirklich umsehen zu können. Eigentlich favorisierte er ja eine Yamaha XJ 900. Doch in MOTORRAD hatte Peter von Fahrwerksmängeln gelesen. Das klassenfeindliche Kradblatt hatte Peters Mutter unter der Kleidung über die Grenze gen Osten geschmuggelt. Genau wie das Geld in umgekehrter Richtung. Als Rentnerin durfte sie 30 Tage pro Jahr den Arbeiter-und-Bauern-Staat verlassen. Der Ware aus dem fernen Japan traute sie nicht. »Die kaufe ich dir nicht«, soll sie gesagt haben.

Ohnehin ein Experte für BMW, hat Peter dann eben umdisponiert. Immerhin hatte er damals eine R 75/5 im Stil einer R 90 S. »Der leuchtende Lack à la R 90 S war eigentlich für Lampen von Kirmes­buden bestimmt gewesen.« Außerdem verdankte Peter fast das gesamte Schwarzgeld seinem Engagement für BMW-Fahrer des Ostens. Die boxten sich auf den Überbleibseln aus Wehrmachtsgespannen durch den sozialistischen Alltag. Oder auf Maschinen, die vor dem 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus, in die DDR gekommen waren. Bis dahin konnten etwa die Berliner Grenzgänger, die im Osten wohnten und im Westteil arbeiteten, noch leicht Fahrzeuge einführen. Die Ersatzteile jedoch wurden mit jedem Jahr knapper.

Oft konnte Peter Hanke weiterhelfen. Der Schlosser drehte, fräste und bohrte für BMWs der 1950er und 1960er Jahre und ließ sogar Teile anfertigen. Vor allem seine Auspuffe, aus westdeutschem Tiefziehblech-Blech von Thyssen (!) gefertigt, waren sehr gefragt. 20 Paar fertigte Peter pro Jahr, jedes einzelne brachte dem Tüftler bis zu 1000 DDR- oder 200 West-Mark. Oder begehrte Tauschwaren wie Reifen. Abgewickelt wurden die Deals auf Motorradtreffen, insbesondere dem allwinterlichen auf Schloss Augustusburg. »Für mich waren Treffen nicht nur Info-Börse, Erfahrungsaustausch und Benzingespräche, sondern auch der Ort, um Kunden zu gewinnen und zu beliefern«, sagt Peter in seinem Berliner Tonfall.

Der Tag X kam am 21. März 1984. Mutter Hanke kaufte bei der West-Berliner BMW-Niederlassung in der Huttenstraße eine K 100, eine Vorführmaschine für 10500 D-Mark. Zwei Tage später wurde die rote Maschine im Beisein von Mutter Hanke zum Grenzübergang Bornholmer Straße gebracht. Dort nahm sie ein Motorradfreund aus dem Westen in Empfang, den Peter 1971 im Ostteil der Stadt kennengelernt hatte. Dieser schob die 1000er »nach drüben«. 25 D-Mark Zwangsumtausch stellte die DDR für wenige Minuten Aufenthalt in Rechnung. Dazu 2000 Mark Zoll, ebenfalls in harter West-Währung.

Doch Peter hatte andere Sorgen: »Für mich war die K die Katze im Sack. Bis dahin hatte ich noch nie eine gesehen, auch nicht bei Treffen oder auf dem Transit nach Berlin. Ich kannte nur die Fotos aus MOTORRAD.« Umso größer war seine Aufregung auf den ersten Kilometern mit seiner neuen Maschine. »Ich bin ganz vorsichtig gefahren, kannte diesen neuen Typ ja nicht.« Und außerdem konnte er es immer noch nicht ganz glauben.« Da hätte immer noch einer kommen können und sagen, das geht so nicht«. Nach der technischen Abnahme bei einer offiziellen DDR-Werkstatt (»das dauerte drei Tage, zum Glück sind die nur 15 Kilometer gefahren«) bekam Peter am 26. März 1984 die heiß ersehnte DDR-Zulassung, der alte West-Brief wurde eingezogen.

Es folgte eine neue Zeit, voller neuer Herausforderungen: »West-Öl war in der DDR zu teuer, und unser Öl habe ich in die BMW nicht reingekippt.« Aber es fand sich ein Weg. »Ich bin jedes Jahr zum Pannonia-Treffen gefahren. Und in Ungarn gab es Shell-Tankstellen. Also habe ich dort den Ölwechsel gemacht. Und noch gleich vier Liter für zu Hause mitgenommen.« Außerdem musste Peter in Ermangelung spezieller BMW-Vertretungen den kompletten Service in Eigenregie erledigen.

Den Vierfach-Unterdrucktester hat Peter selbst gebaut, aus Messuhren ungarischer Brunnenbauer. Und eine Montiermaschine für die ungewohnten Schlauchlosreifen konstruierte der Schlosser nach einem Foto in der Betriebsanleitung. Bald kannte Peter das Innenleben des Vierzylinders bis ins Kleinste. Bereits nach 78000 Kilometern brachen die Kolbenringe. Aber den Motorschaden konnte Peter wieder richten. Unerlässliche Verschleißteile schickten Bekannte aus dem Westen per Päckchen. »Die durften ruhig gebraucht sein, Hauptsache, man hat sie nicht weiterverkauft.« Daher also der Stempel »Geschenksendung, keine Handelsware« auf den Paketen Richtung Osten.

Für die Händler im Westen seien die DDR-Kunden die besten von allen gewesen. »Wir haben nichts reklamiert. Nie!« Nicht mal die Harro-Lederkombi, die eigens für ihn per übermittelten Maßen angefertigt wurde und dann doch zu klein war. Größere Ersatzteile, wie Metzeler-Reifen oder einen Auspuff, brachte die 1987 verstorbene Mama Hanke über den Bahnhof Friedrichstraße – im Trolley-Koffer! Dies mussten offiziell Neuteile sein, sonst durften sie nicht eingeführt werden. Einmal, da hat ein Grenzer die alte Dame angehalten. Die Verkleidungsteile einer RT, die seien doch wohl gebraucht, also illegal. Die Rentnerin gab sich schlagfertig: »Junger Mann, heißt das etwa, Sie wollen mich zum Klassenfeind zurückschicken?« So kam sie durch. Immer.

Auch der Sohn war nicht auf den Mund gefallen. An die regelmäßigen Kontrollen durch die Volkspolizisten hatte er sich rasch gewöhnt. Schließlich ragte das fette West-Moped schon von weitem aus dem Heer der MZ-Zweitakter heraus. Die meisten Vopos verlangten bei Verkehrskontrollen zunächst die Papiere, ehe sie sich die Mühe machten, einmal ums Motorrad herumzugehen und das exklusive DDR-Kennzeichen zu betrachten.

So wie jene Autobahnpolizisten (»das waren alles getarnte Stasi-Leute«), die ihn am Schönefelder Dreieck anhielten. Sie pflaumten ihn an: »Sie haben den vorgeschriebenen Transitweg verlassen! Wo wollen Sie denn hin?« Worauf Peter unter seinem BMW-Systemhelm nur wahrheitsgemäß antwortete: »Na, nach Berlin.« »Da haben Sie aber den Abzweig Richtung Grenzübergang Dreilinden verpasst!« ätzte der Grünkittel. Worauf Peter den verdutz­ten Staatsdienern in Anwesenheit seiner Lebensgefährtin und Sozia Beate entgegnete: »Sie müssen uns nur den richtigen Pass geben, dann drehen wir sofort um!«

Auf Treffen war die BMW eine mittlere Sensation. »Meine K hätte ich locker für 120000 DDR-Mark wieder verkaufen können«, erinnert sich Peter. Neid sei allgegenwärtig gewesen. Aber direkt gesagt hätte niemand etwas. »Jeder dachte ja, Mensch, der muss Beziehungen haben.« Erst nach der Wende konnte Peter erzählen, dass er sein Motorrad selber bezahlt hat. Wie manch anderer der wenigen Besitzer von aktuellen West-Maschinen.

Findige »Kapitalisten« nutzten die Anwesenheit der raren Maschinen aus dem nicht-sozialistischen Ausland bei den Treffen – bis hin zur sechszylindrigen Honda CBX – zu einträglichem Service: Sie machten Fotos davon und vertickten später die Abzüge gegen gutes Geld. Peters BMW wurde mal auf einem Treffen in Zittau mit einer nackten Dame abgelichtet. »Die Fotos davon waren der Renner.« Damit und mit der Nachfrage nach den Auspuffen war es mit der Maueröffnung schlagartig vorbei. »Das letzte Paar wollte 1990 schon keiner mehr haben.« Im Jahr 1991 heuerte der Ostberliner beim freien BMW-Händler Pevec, Ende 1992 dann bei der Westberliner Niederlassung an. Dort stellte ihn Meister Kubicke ein, der 1984 eigenhändig die K 100 zum Grenzübergang gebracht hatte. Der Kreis hatte sich für Peter geschlossen. Doch nicht lange. Die ungeregelten Arbeitszeiten und die westliche Werkstatt-Mentalität störten ihn gewaltig: »Ich habe noch echte Reparaturen durchgeführt.« Doch heutzutage, da würden nur noch Teile gewechselt. »Wegen der Angst vor Garantie-Ansprüchen. Und um mehr Kohle zu machen.«

Dafür war Peter sich zu schade. Er ging in Vorruhestand und verlegte sich auf die Pflege seines großen Fuhrparks, etwa der seltenen Marusho Magnum 500 und einer BMW R 62. Er arbeitet auch im Auftrag, seine Kunden kennen ihn aus alten Zeiten oder durch Mundpropaganda: »Wer kein Geld hat, der kommt halt zu mir.“

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