Modellforen im Internet (Archivversion) Und es hat klick gemacht

Die Maschine als Fetisch – große Gefühle, heiße Liebe. Total normal, dass man heftige Leidenschaften am liebsten mit Gleichgesinnten teilt. Im Internet finden sich einschlägige Treffpunkte.

Der Kurvenjäger Thomas Mauritz aus Schleswig-Holstein ist heiß auf
GSX-R. Vor fünf Jahren hat es richtig Klick gemacht. Er schloss sich einem Forum zu diesem Modell an und verbringt mittler-
weile fast genauso viel Zeit im Netz wie
auf und mit dem Motorrad: zwei bis drei Stunden täglich. Er opfert als Verantwortlicher fürs Forum einen Großteil seiner Freizeit für freiwillige Plattformpflege und fährt quer durch die Republik, nur um
andere Nutzer zu treffen.
Was fasziniert Motorradfahrer an dieser eigenen Welt? Um das herauszufinden, gab MOTORRAD die Namen von über 20 Topsellern zusammen mit dem Begriff »Forum« in verschiedene Suchmaschinen wie etwa www.google.de ein. Auffällig ist, dass
sich zu den verschiedenen Modellen auf den jeweils ersten drei Ergebnisseiten der Suchmaschine meist nur ein größeres, interessantes Forum finden lässt. Offensichtlich konzentriert sich die Aufmerksamkeit früher oder später auf eine Plattform, welche die Interessen am besten bedient.
Und eigentlich müsste dort für jeden der Topseller eine große virtuelle Fan-Gemeinde anzutreffen sein. Eigentlich, denn die Realität sieht anders aus. Etwa bei den vom Kraftfahrt-Bundesamt ausgewiesenen Bestandlisten-Hits Yamaha XV 535 Virago (Platz eins mit über 46000 Zulassungen) und XVS 650 Drag Star (Platz 17 mit rund 19000 Zulassungen): Lediglich wenige hundert Fahrer finden sich im einschlägigsten Forum (siehe Liste), das Anhänger
beider Maschinen beherbergt.
Klasse vor Masse: Der »Spar«-Chopper Virago kann offensichtlich nicht so viele Besitzer und Fahrer in spe zum virtuellen Tratsch animieren wie etwa der edle und kultige Supersportler YZF-R1 (16000 Zulassungen), der in einem einzelnen Forum über 7500 Fans zusammenbringt. Und die R1ler verabreden sich auch regelmäßig außerhalb des Internets. So wie deutschlandweit mehrere tausend Besitzer verschiedener Motorräder aller Klassen. Die Netzwerker ersetzen zunehmend herkömmliche Clubs und Interessengemeinschaften, sofern diese nicht schon längst einen eigenen interaktiven Webauftritt auf die Beine gestellt haben.
Organisation von Treffen und Stammtischen sowie die Beantwortung von konkreten Detailfragen zum jeweiligen Modell – dafür wenden manche Forumisten viel Zeit und teilweise Herzblut auf. Es sind einzigartige Dienste, die sich wirtschaftlich niemals rechnen würden und wie Vereins-
arbeit viel ehrenamtliches Engagement voraussetzen. »Modellspezifische Internetforen haben gewisse Stärken, die wir als gewerblicher Generalist gar nicht leisten können«, sagt auch Norbert Löns, redaktioneller Leiter von www.motorradonline.de, einer der größten Motorrad-Internetplattformen Deutschlands. Im portaleigenen Forum kann ebenfalls frank und frei zu
einzelnen Modellen geplaudert werden, »denn eine zu strenge Kontrolle entspricht nicht dem Medium. Wir stellen jedoch fest, dass bei Privaten die Inhalte nicht immer gründlich auf sachliche Richtigkeit überprüft werden«, erklärt Löns weiter. Deshalb beantworten bei motorradonline in einem gesonderten Bereich Experten und geschulte Redakteure Leseranfragen, um Fehlinformationen zu vermeiden.
Auch die Motorradhersteller nehmen die privaten Internetseiten sehr wohl
wahr, bedienen sich dieser Plattformen allerdings kaum. »Die Qualität der Foren
ist sehr unterschiedlich. Expertentipps und gefährliches Halbwissen können sich vermischen«, heißt es bei Honda. Man nutze die Foren lediglich als Stimmungsbarometer. BMW verhält sich ähnlich vorsichtig. Anfänglich sei es zwar ganz charmant
gewesen, mit den Kunden via Forum
in Kontakt zu treten, jedoch wurde man
auf Dauer der Anfragenflut nicht Herr und
entschied, dass diese Aufgabe genauso gut das Händlernetz übernehmen könne und solle. Ein Unternehmenssprecher merkt außerdem kritisch an, dass manche Einzelpersonen die populären Foren in-
strumentalisieren, um individuelle Interessen durchzusetzen – manchmal auch mit unfairen Mitteln.
Fazit: Modellforen im Internet können ein attraktiver Treffpunkt sein, wie die Hot-Spots der Bestand-Hits überwiegend beweisen. Grundvoraussetzungen: Sie müssen von den Betreibern sorgfältig betreut werden, und alle Beteiligten sollten einen respektvollen Umgangston pflegen. Sich allerdings ausschließlich auf die im für
jedermann offen stehenden Netz hinterleg-
ten Informationen zu verlassen wäre naiv. Denn der anonymisierte Forumspartner ist auch nur Mensch. Und der kann als leidenschaftlicher Anhänger seines Traummotorrads schon mal blind vor Liebe sein.

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