Moto Morini Granpasso 1200 und BMW R 1200 GS (Archivversion) Weißbier oder Vino rosso

Liegen zwischen Moto Morini Granpasso 1200 und BMW R 1200 GS wirklich Welten? Ist wirklich klar, welche Maschine für Vernunft und welche für Wahnsinn steht?

Mehr Vernunft geht wohl kaum noch. Wie sonst kann ein Motorrad über Jahre hinweg die Spitzenposition der deutschen Zulassungscharts für sich pachten, wenn es dafür nicht rationale Gründe gibt? Und zwar jede Menge. Auf den Punkt gebracht: Die GS ist nicht deswegen so erfolgreich, weil sie betörend aussieht oder toll klingt, sondern weil sie hierzulande als Eier legende Wollmilchsau gilt, die man außerdem noch reiten kann.


Du triffst die mächtige Gelände-Kuh vorm Eiscafé Venezia in Bielefeld, am Szenetreff Glemseck bei Stuttgart, vor der Rechtsanwaltskanzlei in München oder gleich im Rudel an der Tibethütte auf dem Stilfser Joch. Und jeder Fahrer könnte dir aus der Lameng eine Litanei an Gründen herunterbeten, warum seine GS das beste Motorrad der Welt ist.

Selbst den eigentlich prohibitiven Preis von locker über 15000 Euro – konfiguriert mit ein paar netten Teilen aus der üppigen Aufpreisliste der Bayern – wird der GS-Fahrer mit links wegdiskutieren können. Geringer Wertverlust, Unterhalt, Nachfrage, Preis-Leistungs-Verhältnis und so weiter.

Und diese Argumentationskette hat ohne Frage eine Logik, die jeden Zweifel im Keim erstickt. Mit der GS kannst du eben – fast – alles machen: die große Urlaubstour zu zweit mit vollem Gepäck, der hastige Solo-Autobahntrip übers Wochenende, das spritzige Hausstreckenduell mit dem Spezl auf der Fireblade. Und wenn einen der Hafer sticht, darf es auch mal eine kleine Offroad-Eskapade sein. Außerdem gibt es Features wie ABS, ASR, ESA. Argumente, die selbst BMW-Kritikaster überzeugen müssen. Und ganz nebenbei gewinnt die Boxer-GS die Vergleichstests ihrer Kategorie. Rational spricht alles für sie.

Aber es gibt da noch die andere Seite, die nicht vom Kopf gesteuert wird, sondern aus dem Bauch kommt. Selten wird als Erstes über die Lippen des typischen GS-Piloten kommen: „Ich hab sie gekauft, weil ich sie geil finde.“ Das sagt eher der stolze Besitzer einer Moto Morini Granpasso 1200. Zwar bemüht sich die Morini ganz tapfer, all das zu können, was die GS-BMW so erfolgreich gemacht hat. Schließlich ist das schon fast ein gattungsspezifischer Auftrag, Reise-Enduros wollen ja die Alleskönner unter den Motorrädern sein. So ist auch eine italienische Reise-Enduro wie die Granpasso quasi der Vernunft verpflichtet: Urlaubreise zu zweit, sportliches Duell, täglicher Weg zur Arbeit, alles mit ihr genauso gut machbar wie mit der GS. Oder zumindest beinahe so gut, denn in der MOTORRAD-1000-Punkte-Wertung, die die Allround-Qualitäten einer Maschine abbildet, hat die Morini gegen eine GS keine Chance. Was bleibt dem Morini-Käufer daher anderes übrig, als emotional zu argumentieren?

Allein schon der Name: Moto Morini Granpasso 1200, das klingt nach Musik, das flutscht viel geschmeidiger über die Lippen als ein gepresstes BMW R 1200 GS. Das kann auch der BMW-Fahrer nicht bestreiten. Und außerdem der sprichwörtliche italienische Chic mit dem prägnanten roten Gitterrohrrahmen. Der unnachahmliche Charakter des Kurzhub-V-Zwo mit seiner Drehfreude und einer satten Leistungs-spitze. Der kernige Sound aus dem schlanken Konus-Schalldämpfer, mit dem Säuseln einer BMW nicht vergleichbar. Eben das ganz spezielle Feeling, das nur eine italienische Maschine bieten kann. Der Morini-Fahrer muss auch nicht befürchten, dass ihm das eigene Motorradmodell gleich rudelweise entgegenkommt. Das allein könnte für manchen schon ausschlaggebend sein. Was vom typischen Käufer einer italienischen Maschine ins Feld geführt wird, sind in der Regel diese eher „weichen“ Gründe, weniger das objektiv Messbare wie Zahlen, Daten, Fakten.

Am Ende läuft es irgendwie auf die bekannte Argumentation hinaus: Die deutsche Maschine – es könnte durchaus auch eine japanische sein – steht für den Verstand, die Vernunft, die italienische fürs Herz, für den Wahnsinn. Schweinebraten oder Pasta, Weißbier oder Vino Rosso – Klischees, Schwarz-Weiß-Malerei?


Wie engstirnig dieser Ansatz ist, zeigt ein Blick über die Grenzen. In Italien genießen BMW-Modelle im Allgemeinen und die GS im Speziellen fast schon Kultstatus, da sind sie Prestigeobjekt. Der Italiener liebt das deutsche Techno-Krad mit dem beeindruckenden optischen Auftritt. Aber primär nicht wegen der vordergründigen Produktqualitäten, sondern wegen des Image, des Charakters. Er liebt das besondere, unnachahmliche Boxer-Feeling genauso wie das spektakuläre Entenschnabel-Design. Und die Morini? Die sieht der Italiener eher skeptisch. Ob die Technik hält? Da ist plötzlich die Vernunft im Spiel.

Fazit: Es kommt immer darauf an, aus welcher Perspektive man die Welt betrachtet. Vernunft und Wahnsinn stecken in der BMW mindestens in gleichem Maß wie in der Morini – die deutschen GS-Fahrer wissen’s nur nicht. Und wetten, dass es für den Begriff „Eier legende Wollmilchsau“ keine italienische Übersetzung gibt?

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