Motoren wie aus dem Bilderbuch (Archivversion)

Was zeichnet einen guten Touren-Motor aus? Er zieht wie ein Ochse, schnurrt geschmeidig wie eine Katze und ist so genügsam wie ein Maultier.

Wie viel Motor-Rad braucht der Zweirad-Tourist? Zwei, vier oder gar sechs Zylinder,
50 oder 150 PS, 650 cm3 oder knapp zwei Liter
Hubraum? Ein breites Motoren-Spektrum, und auch beim Sekundärantrieb findet man unterschiedliche Lösungen: Kardan mit Einarmschwingen an R 1200 GS, Gold Wing und Guzzi. Oder in Zweiarm-Ausführung an der FJR. Harley und F 800 ST setzen auf ebenfalls wartungsarmen Zahnriemenantrieb, hier mit Zwei-, dort mit Einarm. Der Burgman treibt sein Hinterrad mit einer Zahnradkaskade an und die
CB 1300 ganz konventionell mittels Kette.
Das extremste Triebwerk hat die Gold Wing. Was für ein Motor! Stemmt Drehmoment wie ein Schaufelraddampfer: Bei 4000 Touren liegen bereits knapp 150 Newtonmeter an der Kupplung an. Und 80 PS – am Hinterrad. Kein anderer Motor schüttelt seine Leistung so lässig und souverän aus dem Ärmel. Doch der 1300er-Four in der CB kann den göttlichen Sechszylinder noch überflügeln. Alles in allem gewinnt die CB die Motorenwertung klar, schiebt mächtig an, siehe Fahrleistungs-Tabelle auf Seite 34.
Sie glänzt mit dem besten Durchzug, ob allein im zweiten oder mit Sozius im höchsten Gang gemessen. Wie Gold Wing und FJR besitzt die CB lediglich fünf Gänge. Ganz geschmeidig spricht Hondas
Reihen-Vierer auf Gasbefehle an.
Davon ist die FJR 1300 weit entfernt. Das 2006er-Modell geht aus dem Schiebebetrieb ruppig und hart ans Gas. Gefühlvolles Beschleunigen am Scheitelpunkt von Kurven wird so zur Glückssache, zumal der »progressiv übersetzte« Gasgriff viel Kraft verlangt. Es fühlt sich an, als zögen Heinzelmännchen heimlich in Gegenrichtung an den Drosselklappen. Ebenfalls zu hoch: die Kupplungshandkraft. Darüber tröstet auch die höchste Spitzenleistung von nominell 144 PS nicht ganz hinweg. Davon kommen
123 PS am Hinterrad an.
Leistung ist nicht alles. Das beweist die BMW
R 1200 GS mit 98 PS Nennleistung. 252 Kilogramm (inklusive Koffern) adeln sie zur zweitleichtesten
Maschine. So bietet sie der 40 Kilogramm schwereren FJR im Durchzug Paroli und schmettert fast ebenso rasant wie die CB 1300 aus Zweite-Gang-Kurven heraus. Die wellige Leistungskurve des
Boxers stört im Fahrbetrieb nicht, zumal fette 96 PS am Hinterrad ankommen. Weniger schön: deutliche Lastwechselreaktionen und das im direkten Vergleich nicht berauschende Getriebe.
Die Schaltbox ist auch bei der kleinen Schwester
F 800 ST das große Manko. Heftig klackert und
kalonkt sie bei jedem Gangwechsel und schlägt bei Lastwechseln extrem. Wer bei 2000 Touren das Gas auf-, zu- und wieder aufmacht, bekommt Angst, das Getriebe zerreiße. Der erfreulich sparsame Twin scheint viel Spiel im Antriebsstrang zu haben. Schade, denn die Fahrleistungen des 225 Kilogramm leichten Flohhopsers können sich sehen lassen.
Völlig anders ist der V2 in der Harley gestrickt. Er hängt weich und elastisch am Gas. Subjektiv ist der 1584 cm3 messende Twin Cam 96 mit seinem Klappensystem ein echter Genussmotor. Sound und
Feeling. Das satte Klackgeräusch beim Schalten und die mäßigen Fahrleistungen gehören irgendwie dazu. 67 PS am Hinterrad müssen schließlich sieben Zentner in Wallung bringen, und das bei einem sechsten Gang, der als echter Overdrive auf 250 übersetzt ist.
Schwächer als erwartet ist dagegen der Antritt des Norge-V-Zwos. Der klangstarke 1200er agiert wenig bullig, leistet sich wie alle Guzzi-Zweiventiler einen fühlbaren Hänger im wichtigen Drehzahlbereich zwischen 3000 und 4000 Touren. Akustisch allerdings ist der Italo-Twin eine »bella machina«, der typische, dumpfe Schlag ist unvergleichlich. Weniger erfreulich sind dagegen die Lastwechselreaktionen. Kupplung und Getriebe arbeiten unauffällig.
Ist ohne Leistung alles nichts? Das könnte man sich beim Burgman fragen, angesichts von nur 41 PS Hinterradleistung des 279 Kilogramm schweren
Rollers. Tatsächlich fällt er im Durchzug weit ab,
besonders mit Sozius bei hohem Tempo. Dafür hängt der vorn im Fahrzeug liegende Twin geschmeidig am Gas. Und nur er bietet die Option, sich von
einer Automatik verwöhnen zu lassen – normal oder im »Sport-Modus«. Man kann aber auch selbsttätig die sechs Gänge (inklusive Overdrive) per Tiptronic von der linken Lenkerarmatur aus schalten.

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