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Ein Kolben sagt mehr als tausend Worte – oder muss
ein hubraumschwacher Vierzylinder wie die Yamaha R6
zur Drehorgel werden und der dicke Aprilia-V2 sein Heil
im Durchzug aus dem Drehzahlkeller suchen? Sie müssen. Wenn eine Klasse Vielfalt im Motorradbau widerspiegelt, dann die der Supersportler. Hubräume zwischen 600 und 1000 cm3, verteilt auf zwei, drei und vier Zylinder, Spitzenleistungen zwischen echten 112 und 163 PS – die Welt
des Sports bietet für jeden etwas.
Weshalb, das erklärt sich am besten am Beispiel der beiden konzeptionellen Extreme des Testfelds, der Yamaha R6 und der Aprilia Mille. Grundsätzlich gilt: Soll aus weniger Hubraum annähernd die gleiche Spitzenleistung (R6:
121 PS, Mille: 130 PS) wie aus einem hubraumstärkeren Aggregat herausgeholt werden, muss der kleinere Motor höher drehen. Yamaha ging in dieser Beziehung mit der R6 in die Vollen. Der Maximalwert von echten 16100 Touren – der Drehzahlmesser signalisiert dann sagenhafte 17500/
min – stellt den aktuellen Rekordwert im Serienmotorradbau dieser Hubraumklasse dar. Hohe Drehzahlen verlangen aber möglichst geringe hin- und hergehende Massen.
Dies ist nur über kleinere Einzelhubräume zu erreichen. 150 cm3 pro Zylinder der Yamaha stehen 499 cm3 bei der Mille gegenüber. Das Kolbengewicht, einer der entscheidenden Faktoren, reduziert sich drastisch: 132 Gramm wiegt der R6-Kolben, 384 Gramm das Mille-Pendant.
Im Zylinderkopf dasselbe Bild: Die kleineren Brennräume benötigen kleinere, dadurch leichtere Ventile. Wobei
Yamaha durch den Einsatz von Titan nochmals 40 Prozent Gewicht einspart. Ein R6-Einlassventil fällt mit 16 Gramm in die Waagschale, das Stahl-Pendant der Mille mit
46 Gramm. Letztlich sorgt der kleinere Einzelhubraum für
eine zügigere Verbrennung, weil die Flammfront alle
Frischgase in den kleinen R6-Brennräumen schneller als
in den großen Pötten der Mille entzünden kann.
Die vordergründig technisch überlegene Auslegung des Yamaha-Motors besitzt in der Praxis jedoch Nachteile. Um ordentlich Drehmoment an das Hinterrad weiterzureichen, muss kurz übersetzt werden. Das dadurch entstehende hohe Drehzahlniveau gefällt nicht jedem. Während der Aprilia-V2 bereits bei niedrigen Drehzahlen mit guter Füllung brilliert, röchelt der Yamaha-Vierer im Drehzahlkeller noch asthmatisch vor sich hin. Ein Vergleich: Bei 6000/min drückt der Aprilia-Treibsatz mit 70 PS satte 30 PS mehr
als die Yamaha. Für die 121 PS Spitzenleistung, welche
die R6 bei 14100/min schafft, reichen der Mille 9000 Umdrehungen. Dennoch zieht die kleine 600er kaum schlechter durch als die 1000er-V2. Grund: die von Geräusch-
und Abgaslimits bestimmte Endübersetzung. Bei 100 km/h dreht die Mille 3700/min und liefert 35,6 PS aus Hinter-
rad, die R6 dreht da schon 5900 Touren und liefert 1,2 PS mehr ab.
Der eigentliche Sieger im Wettstreit der Konzepte: die Honda Fireblade. Ähnlich dem R6-Motor kombiniert sie kleinere Einzelhubräume (250 cm3) mit der Gewalt des Hubraums. Und stellt damit den Rest der Liga in jeder Beziehung locker in den Schatten. Bei 100 km/h im
sechsten Gang liefert sie 50,5 PS. Noch Fragen?

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