Motorrad des Jahres 2005 (Archivversion) Was ihr wollt

Vorspann

Bert Poensgen von Suzuki trug das Wahlergebnis mit Fassung. Wieder mal kein erster Platz, nur ein zweiter,
und das ausgerechnet mit einem Roller. Deshalb dankte er zwar den Wählern, vor allem aber den Käufern von Suzuki. Und
er tat dies auch nicht auf der Bühne des Stuttgarter Varietés im Friedrichsbau, sondern in der Pause im Foyer. Nur auf Rang fünf hat es die GSX-R 1000 in der Gunst der Wähler geschafft. Spricht man gemeinhin von der Gnade der späten Geburt, so dreht sich das Redensartliche im Rahmen der Leserwahl nur allzu oft ins Gegenteil. Soll heißen: Um von den Wählern entsprechend honoriert zu werden, kam die GSX-R 1000 – Sieger des großen Vergleichs in MOTORRAD – einfach zu spät.
Andererseits reüssierte BMW mit
einem Motorrad, der K 1200 S, das zum Zeitpunkt der Wahl zwar schon von sich reden und schreiben machte, bis dato
jedoch noch von keinem Teilnehmer der Wahl gefahren war. Auch die Siegerin der Kategorie Sportler, die MV Agusta F4 1000 Tamburini, tummelt sich nicht eben zu tausenden auf unseren Straßen. Ganz anders als die Drittplatzierte, Yamahas YZF-R1, die kennen, die fahren, die schätzen die MOTORRAD-Leser schon lange. Mithin lässt sich anhand des Wahlergebnisses zum Sportler des Jahres schön aufzeigen, wie Wähler generell motiviert sind.
Hoch natürlich, denn sonst hätten sie nicht die Mühe auf sich genommen,
sich durch die voluminösen Stimmzettel
zu arbeiten, das Für und Wider ihrer
Entscheidung abzuwägen: Votiere ich für den Kandidaten, der mir die blumigsten Versprechungen macht, neige ich einem Kandidaten zu, nur weil ein anderer mich beim letzten Mal enttäuscht hat, oder
stimme ich für einen Bewerber, den ich zwar nicht kenne, der aber aus der Partei,
pardon: dem Haus stammt, für das ich mich eh immer entscheide?
In der Wahlforschung nennt man diese unterschiedlichen Typen Wechsel- und Stammwähler. BMW hat von Letzteren eine ganze Menge, und zwar in jeder Kategorie, in der Motorräder mit dem Propeller drauf vertreten sind. Zweiter bei den Sportlern, Vierter bei den Tourern sowie Choppern und Cruisern, Erster bei den Enduros und Dritter bei den Allroundern. Das nennt man gut aufgestellt. Damit hält man Wähler bei der Stange, will sagen: bringt sie an die Urne, auch und gerade in Bereichen, für die sie sich eigentlich nicht interessieren oder von denen sie wenig Ahnung haben. So wie niemand eine Partei nur wegen
ihres Eintretens zum Schutz wandernder Kröten wählen würde, selbst wenn einem diese Tierchen noch so sehr ans Herz
gewachsen sind.
Derart betrachtet, sind BMW und ebenso Honda wie Yamaha wahre Volksparteien. Sie werden gewählt und auch
gekauft. Dass Sie, liebe Leserin, lieber
Leser, jetzt nicht Schlechtes dabei denken! Sie kennen doch sicher den Unterschied zwischen Motorrad und Politik?
Mit bloßem Pragmatismus, wie man ihn aus der Politik zur Genüge kennt,
geben sich MOTORRAD-Wähler nämlich nicht zufrieden. Zugegeben, BMW R 1200 GS, Honda VFR, Yamaha XT 600 R/X sind verdammt nah dran am Alltagsleben und doch – wie jedes Motorrad – verdammt weit weg davon. Manches mehr, manches weniger. Bei den 125ern zum Beispiel
landete die Honda CBR 125 R gerade mal auf dem sechsten Platz, und das, obwohl dieses Modell in der Achtelliterklasse ganz klar den größten Verkaufserfolg und den Testsieg bei MOTORRAD einheimste. Dass hier Aprilias RS 125 Replica allen anderen mit großem Vorsprung den Rang abfahren konnte, liegt mit Sicherheit daran, dass
sie im Design einem »richtigen« Motorrad am nächsten kommt und von der Leistung her – offen knapp 30 PS – den eigenen
Jugendträumen am ehesten entspricht.
Und mit Träumen haben Motorräder definitiv mehr zu tun als mit der Realität. Viel mehr. Speziell wenn es um die Motorräder des Jahres geht, die stets auch
Ausdruck von Wünschen und Visionen sind. Wenn Maschinen wie Yamaha MT-01 oder BMW K 1200 R es schaffen, gleichsam qua Anschauung, qua Bewunderung ihrer bislang ungefahrenen Reize die Sympathien zu gewinnen, dann kann sich der Hersteller sicher sein, dass es sich gelohnt hat, Fantasie und Mut in solche Projekte
zu stecken. Und dass es sich lohnt, das weiterhin zu tun. Sogar finanziell.
Oder dass es sich lohnt, selbst wenn es sich nicht rechnet. Claudio Castiglioni von MV Agusta, ein Motorradverrückter,
einer, der für seine Skulpturen auf zwei
Rädern zwar nicht Kopf und Kragen, wohl aber Bankkonto und bürgerliche Seriosität riskiert, so einer erhält dank der Leserwahl jene Bestätigung, die ihm der Markt oft
genug verwehrt. Schade, dass Sie, liebe Leserin, lieber Leser, ihm nicht zuhören konnten. Sie wären gerührt gewesen.

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