MOTORRAD fährt Bahngespann (Archivversion)

Jetzt du

Krumm und verbogen, eher einem Totalschaden als einem Motorrad gleich, steht die abenteuerliche Dreirad-Konstruktion im Sandbahn-Oval von Herxheim. Der Yamaha-Vierzylinder brüllt auf – keine Ausreden mehr, jetzt gilt’s.

Kennen Sie die Momente, in denen man einfach ja sagt, nur damit man für den Augenblick seine Ruhe hat, ohne an die Folgen zu denken? Und die können fatal sein. Heiraten, Waschmaschinen kaufen, Zeitungen abonnieren – oder in einem Bahngespann mit über 100 PS um die Ecken driften.Jetzt steh ich da in der pfälzischen Frühlingssonne, mittendrin im 965 Meter langen Bahn-Karussell von Herxheim, das ich mir als blutiger Bahnsport-Laie so nicht vorgestellt habe. Von wegen Sandkastenspiele, eine riesige Anlage, Kurvenradien wie auf der Grand-Prix-Strecke und außenrum das blanke Holz. Und dahinter warten sie schon, die netten Sanitäter. Die Trage gleich neben den Holzplanken postiert, die Flügeltüren am Sanka einladend weit geöffnet. Dass man sich noch nicht nach meiner Blutgruppe erkundigt hat, erstaunt mich. Aufsitzen! Na ja, sitzen ist wohl nicht der richtige Ausdruck, in dieser Haltung lese ich normalerweise die Motorsport aktuell...wenn Sie wissen, was ich meine. Und dann dieser Lenker, quasi der Haltegriff fürs Sitzklo. Genau so krumm und schief wie die Geometrie der ganzen Maschine, das linke Ende weit nach unten gebogen. Aber nur so bringt man die nötige Balance in den Kurven zustande, schließlich geht’s in der Sandbahn nur linksherum, und dafür muss das Gestell passen und zu sonst gar nix.Egal, ja heißt ja, also rauf auf die Schüssel. Die Einweisung fällt kurz und knapp aus: »Gas und Schaltung rechts, Kupplung links und verlier mir den Schmiermaxe nicht, den brauch’ ich noch. Ohhh, halt, stopp: Bremsen gibt’s keine, einfach ausrollen lassen.« Na denn, die Holzplanken sind dick genug, die werden’s schon richten.Dann fädelt mir der Mechaniker die Reißleine ums rechte Handgelenk, die dafür sorgt, dass dem Motor die Zündung abgestellt wird, sobald ich aus dem Sattel purzele. Sehr beruhigend. Wie betrunken eiert die Startnummer 33 über den Sandplatz und reiht sich ins Oval ein. Mutig zieh ich das Gas auf, zweiter, dritter, vierter Gang – dann der Griff ins Leere. Kein Bremshebel oben, kein Bremspedal unten. Mit infernalischem Gebrüll und einer mächtigen Staubfontäne fliegt ein weiteres Gespann an uns vorbei, macht mir klar, was Sache ist. Einfach rumreißen, quer stellen und ab die Post. Na ja, so nach der dritten, vierten Runde gelingt mir der erste zaghafte Drift. Aber warum fährt das Ding in teufels Namen nicht geradeaus? Logisch, weil ich auch auf der Geraden immer noch nach links versetzt in diesem Gefährt hocken bleibe, der Sportsmann hinter mir jedoch wie gewohnt das Hinterrad an den Boden presst, die Fuhre dadurch komplett aus dem Lot kommt und nach links umzustürzen droht. Schon kapiert: Ein echter Schlauberger, der Koch, gell? Eine Runde später pfeifen wir wie an der Schnur gezogen über die Zielgerade, drehe ich aber wieder mal viel zu früh das Gas zu und kullere beim Versuch, mein jämmerliches Kurventempo durch ein völlig überzogenes Hanging-off zu kaschieren, fast vom Gespann. Trotzdem, irgendwie bekommt die Sache jetzt eine gewisse Dynamik und Eleganz. Bilde ich mir zumindest ein. Patsch, sprotz, ruckel – Mist! Jetzt, wo’s anfängt, Spaß zu machen. Maschin’ kaputt oder was? Klaps vom Co-Piloten mit Fingerzeichen: der Sprit ist alle. Kein Wunder, denn der Tank, kleiner als ein Briefkasten, fasst nur rund zwei Liter Sprit. Genug allerdings, um die Renndistanz von vier Runden mitsamt Aufwärmprozedere abzudecken.»Nicht schlecht für den Anfang«, schwindelt Herbert Brünner, der das Yamaha FZ 750-Gespann in der deutschen Meisterschaft mit Beifahrer Axel Imig ums Oval hetzt. »Du musst nur das Gas länger stehen lassen, mehr driften und am Scheitelpunkt der Kurve volle Lotte die Schieber aufziehen, sonst bricht die Leistung ein.« Ist das alles? Kein Problem! »Komm, klemm dich in den Seitenwagen, ich zeig dir wie’s geht.« Wer? Ich? In den Seitenwagen? Nie und nimmer! Danke schön! Und schwups, bugsieren mich Mechaniker und Schmiermaxe ins Boot: »Hier ein Griff, dort ein Griff, und aufpassen, nicht ins Hinterrad fassen.« Haaaaalt!!!Zu spät. Nur die Besten sterben früh. Ich bin aber keiner von den Besten und will’ s auch gar nicht sein, ich will einfach nur raus aus diesem Monster. Aber bei über 140 km/h aussteigen? Dann passiert, was passieren musste und was ich an dem hämischen Grinsen des Piloten schon erahnen konnte. Mit Vollgas brettert der Meister die Zielgerade entlang, zuckt vor der schnellen Kurve nicht mal am Gas, wirft die Fuhre mit einem Ruck in die Kurve und schleudert mehr rückwärts als vorwärts durchs Oval. Verkrampft klemme ich mich übers Hinterrad, mit eisernem Griff am Haltebügel versuche ich Leib und Seele zu retten und ganz nebenbei auch noch eine passable Figur für die Zuschauer abzugeben. Die Hoffnung, mich an den riskanten Affentanz zu gewöhnen, schwindet mit jeder Kurve. Schweißnass vor Panik und Anspannung, das Gebrüll der Vier-in-eins Auspufftröte im Ohr, gebe ich mich meinem Schicksal hin, stehe kurz davor, mir in die Hosen zu machen. Was soll’s, sterben musst du so oder so, ob in Herxheim oder im Altersheim, egal. Pfutz, strotz, spuck – DER TANK IST LEER. Diese kleine, schnuckelige Benzinpfütze, ich liebe kleine Tanks über alles.»Und, wie war’s?« »Na ja, da geht doch bestimmt mehr, oder?« lüge ich unverfroren das Blaue vom Himmel. Her mit dem Kanister, glucksend den schwarzen Briefkasten befüllt, Reißleine angebandelt und den Schmiermaxe verstaut. Ins irdische Leben zurückgekehrt, schwinge ich mich hinter den Lenker und zu einer fast bravourösen Fahrt auf. So richtig mit Drive und Drift, Motorengebrüll und knackigem Strahl aus Staub und Sand, wenn sich der Reifen durchs pfälzische Vollgas-Oval fräst. Locker im Handgelenk und der Hüfte, lässt sich der anfangs so widerspenstige Apparat tadellos um die langen Bögen zirkeln und mit kräftigem Gegenlenken in – sagen wir – nettem Drift durchs Rondell bewegen. Selbst der Schmiermaxe hat jetzt alle Hände voll zu tun. Auch wenn es nur darum geht, fahrtechnische Mängel des Piloten auszubalancieren. Sprotz, patsch, pitsch, Mist. Schon wieder dieser verfluchte, kleine Tank. Ende Gelände, Trainingszeit abgelaufen, alle sind bester Laune. Der Gespannbesitzer, weil sein Dreirad genau so krumm ist wie vorher, die Sanitäter, weil sie jetzt zum Schoppen im Schatten sitzen, der Koch, weil er nicht eingenässt hat und der Drift größer war als die Angst. Und wenn irgendjemand glaubt, dass ich hier Nägel reingehauen hab’, der sollte sich am 9. Mai* mal im Bahnsport-Mekka Herxheim hinter die Bande stellen. Dann driften nicht nur die Gespanne, sondern auch die wilden Zweiräder durchs Oval. Das muss man gesehen, gehört und gerochen haben. *Termin ohne Gewähr
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Die Technik der Bahngespanne (Archivversion)

Erst vor drei Jahren wurden für Bahngespanne Mehrzylindermotoren bis 750 cm3 aus der Großserie freigegeben, um eine preisgünstige Alternative zu den ausgereizten und wartungsintensiven, rund 70 PS starken Einzylinder-Viertaktmotoren zu schaffen. Trotz der Mehrleistung kommen die rund 115 PS leistenden Vierzylinder bei den nur vier Runden dauernden Rennläufen aber nicht so richtig aus dem Quark. Was was zum einen am hohen Gewicht liegt, gut 180 Kilogramm der Vierzylinder zu 120 Kilo der Einzylinder, und dem fehlenden Drehmoment. Als Treibstoff ist für die Einzylinder Methanol vorgeschrieben, während die Vierzylindermaschinen von handelsüblichem, bleifreiem Benzin befeuert werden. Die Rahmengeometrie und Sitzposition der Bahngespanne sind rigoros auf Linkskurven getrimmt. So drückt sich das Seitenwagen mit einem auffallend großen Sturz, bis zu 25 Grad, in den sandigen Boden und auch die Räder am Motorrad sind nach links geneigt, wobei das Vorderrad bis maximal 75 Millimeter nach links aus der Spur eingebaut ist. Anhand dieser variablen Einstellmöglichkeiten lassen sich die Gespanne je nach Strecke und Bodenbeschaffenheit im Fahrverhalten optimieren.Vorn federt meist eine geschobene Kurzschwingen-Gabel, bei der einfache Gummibänder die Federung übernehmen. Hinten dagegen ist die Schwinge starr aufgehängt. Bremsen sind im Bahnsport generell verboten, um Auffahrunfälle durch eine nicht einkalkulierbare Verzögerung des Vordermanns so weit wie möglich zu vermeiden, denn die Sicht der Piloten ab Platz zwei ist durch den aufgewirbelten Staub gleich null. Wer Lust hat, sich im Gespannfahren auf der Bahn zu üben, kann sich unter www.i-g-b.org bei einem organisierten Schnupperkurs anmelden.

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