MOTORRAD fährt Hillclimbing (Archivversion) Runter kommen sie alle ...

...nur hoch nicht. MOTORRAD-Redakteur Peter Mayer (großes Foto und rechts) versuchte sich beim Drag-Racing in der Vertikalen.

Wovon soll diese Reportage erzählen? Von Herzklopfen und Aufregung, purer Verzweiflung oder Schicksalsergebenheit angesichts des Unvermeidlichen? Zunächst ist das mal zweitrangig. Wichtig ist: Es gibt sie, diese Geschichte. Selbstverständlich ist das nicht. Es hätte bei
weißen Seiten bleiben können. Durch eine Fußnote entschuldigt: Wegen längerer gesundheitlicher Unpässlichkeit des Personals bis auf weiteres nicht realisierbar.
Doch daran denkt niemand mehr, als Jean-France den externen Anlasser in den Kurbelwellenstumpf der Harley einklinkt. Das metallische Rat-rat-rat signalisiert endgültig: Es gibt kein Zurück. Genauso muss sich ein Fallschirmspringer vor seinem ersten Sprung fühlen. Eingereiht in die immer näher zur Ausstiegsluke drängende Warteschlange, ohne Chance, dem selbst gewählten Schicksal noch zu entkommen.
Wenn wir wenigstens geübt hätten. Ein, zwei Minuten im Fahrerlager hätten gereicht, um ein ganz klein wenig Gefühl für dieses Monstrum zu entwickeln. Anfahren, steuern, bremsen. Fehlanzeige. Jean-France Abadie, ehemaliger französischer Meister im Hillclimbing, hat für Nebensächlichkeiten heute keine Zeit. Sein Job ist es, diesen Lauf zur französischen Meisterschaft in Decazeville, ungefähr 150 Kilometer nordwestlich von Toulouse, zu organisieren. Seine Harley, die könnten wir mal ausprobieren, meinte er. Hat für die paar teilnehmenden Journalisten sogar einen Media-Cup ausgeschrieben. Kaltstart à la française. Na bravo.
Das Monstrum schreit auf. Ungedämpft brüllt es aus den beiden Krümmern. Eine Verständigung ist nicht mehr möglich. Jean-France zeigt mit dem Daumen nach oben, runzelt fragend die Stirn. Alles okay? Ich nicke, obwohl ich weiß: Nichts ist in Ordnung. Ich fühle mich wie ein Flug-
schüler, der zur ersten Flugstunde gleich in einen Kampfjet gesetzt wird – und zwar
alleine. Wie ein geblendeter Hase fixiere ich diese Wand. 180 Meter lang, 100 Meter Höhenunterschied. Macht abzüglich der Startgeraden und zweier Zwischenplateaus eine Durchschnittssteigung von etwa 45 Grad, 100 Prozent! Und dann dieses Steilstück bei 90 Metern. Gut und gern noch mal 20 Prozent steiler. Grässlich. Wie sind dort selbst die Franzosen bei ihrem ersten Lauf abgeflogen. Haben nachher dicke
Backen gemacht und was von »olala« und »incroyable, unglaublich« gewettert.
Und die wissen, wie’s geht. Verbringen schließlich ganze Winter damit, ihre Maschinen für diese paar Meter vorzubereiten. So wie Jean-France. Insgesamt 15 Jahre hat seine Harley auf dem Buckel, sei freilich immer noch konkurrenzfähig, sagt er. 40000 Euro investierte der gebürtige Baske im Lauf der Zeit in seine Maschine. Was dem Ungetüm – ehrlich gesagt – nicht auf Anhieb anzusehen ist. Die Maxime, »form follows function« – frei übersetzt: Der Zweck heiligt die Mittel, bestimmt in der motorisierten Klettertechnik die meist etwas marode optische Erscheinung. Verständlich, wenn die ausnahmslos selbst gebauten Gefährte bei jeder Veranstaltung ein, zwei Mal zu Tale schrappen. Dann mutiert sogar ein Edel-Bike schnell zum Ekel-Bike. Was zählt, sind Leistung und ein langer Radstand. Von beidem möglichst viel.
Die Harley bebt. Jedes einzelne der 150 PS, die der von ursprünglich 1337 cm3 auf 1600 cm3 Hubraum aufgebohrte US-
V2 generiert, will bemerkt werden. Schreit mir in die Ohren: Nun gib doch Gas. Vorsichtig? Volle Pulle? Wenn man’s nur wüsste. Ein einziger Gang, der dritte, blieb vom Originalgetriebe noch übrig. Überschlagen kann sich der 170 Kilo schwere Koloss zumindest hier unten noch nicht. Nicht mit 2,66 Meter Radstand.
Also gut. Ein tiefer Atemzug, die Kupplung angelegt, den knarzenden Gasgriff
bis kurz vor den Anschlag aufgezogen. Ich spüre, wie der Luftfilter, der wie ein Pilz neben dem Drei-Liter-Tank nach oben ragt, mein Trikot ansaugt und die von einem Dragster stammende Kette am riesigen hinteren Kettenrad zerrt. Jetzt muss es sein! Gas halten, Kupplung kommen lassen, los! Als würde uns eine gigantische Feder wegkatapultieren, schießt die Harley nach vorn. Schlupf im weichen Sand? Denkste. Die etwa 50 zehn Zentimeter langen Schrauben im Hinterradreifen verbeißen sich wie metallene Fangzähne un-
nachgiebig im Untergrund, drücken sich mit einer im Gelände noch nie erlebten Macht ab. Massenträgheit – sieben Jahre Physikunterricht vermochten diesen Begriff nicht so eindrücklich zu demonstrieren wie diese wenigen Zehntelsekunden. Mit aller Kraft krampfen sich die Finger um den Lenker, spannen sich Bauch und Hintern an, um von der Beschleunigung des reißenden Monsters nicht einfach vom Sitzkissen gewischt zu werden.
Die Harley hat endgültig die Macht übernommen. Will zeigen, was mit – so Jean-France – einem Liter Sprit, den die Dragster-Einspritzung von US-Zulieferer Hillborn auf den nächsten 200 Metern in die Brennräume quetschen wird, geht. Im Tunnelblick verschwimmt alles. Der üble Felsbrocken, der Warren, den englischen Kollegen von Discovery Channel, vorhin peinlich über den Lenker katapultierte – vor mir, hinter mir, unter mir? Die Sinne sind nicht mehr aufnahmefähig, das
Nervensystem hat auf Notprogramm umgeschaltet. Die Gedanken, nein, der einzig noch mögliche Gedanke fixiert diese
verdammte Steilwand bei 90 Metern. Der erstarrte Blick sowieso.
Zumal die Harley immer noch anschiebt, als würden wir bergab beschleunigen. Werden wir uns in diesen Hang bohren oder kläglich bereits am Fuß scheitern? Jegliches Gefühl für die Geschwindigkeit und Gespür für das auf zwei Rädern Machbare haben sich verabschiedet. Als Crashtest-Dummy zu zerschellen, und das noch freiwillig – kein ruhmreiches Ende
für ein, wie die Wissenschaft behauptet, eigentlich intelligentes Lebewesen.
Die Wand! Ein Gasstoß soll das Vor-
derrad etwas anheben. War’s zu viel oder
zu wenig? Keine Ahnung. Knallhart setzt der Rahmen in der Rampe auf, der Schlag reißt beide Hände vom Lenker, hebelt mich nach links aus. Vereitelt den ursprünglichen Plan, wenn’s brenzlig wird, kontrolliert abzuspringen. Verdammt, ich will nicht von heißen Krümmern fritiert oder von den Schrauben im Hinterrad perforiert werden. Ein paar Augenblicke später rassele ich die sechs, acht Meter auf dem Hosenboden wieder hangabwärts. Alles noch am Stück. Das Bike bleibt oben, von den beiden »Catcheurs«, zwei Fängern, die mit Eisenhaken ins Vorderrad greifen, festgehalten.
Auch wenn uns 90 Meter trennen, sehe ich, wie Jean-France dort unten lächelt. Und ich erst.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel