MOTORRAD-Interview (Archivversion) Hans-Robert Kreutz

Im Oktober dieses Jahres ist Wahltag bei der internationalen Motorradsport-Föderation FIM: Es ist zu entscheiden,
wer künftig Präsident des Weltverbandes sein wird. Auch ein Deutscher kandidiert: Hans-Robert Kreutz. Der 55-Jährige
ist Facharzt für Allgemeinmedizin und seit 1990 Präsident des Medizinischen Beirats der FIM. Dem Motorsport ist er seit 1968 als Streckensprecher, Funktionär und Rennarzt verbunden.

Herr Kreutz, Sie wollen Präsident der Fédération Internationale de Motocyclisme werden, des Motorradsport-Weltverbandes. Angesichts der gegebenen Situation – alle wichtigen internationalen und nationalen Meisterschaften werden von Vermarktungsfirmen organisiert, um nationale Belange kümmern sich mehr oder weniger erfolgreich die Landesverbände – stellt sich aktiven Motorradsportlern und Fans die Frage: Wozu brauchen wir die FIM? Ist das nicht nur ein Verein betagter Funktionäre, die irgendwann – auf welcher Grundlage auch immer – die Vermark-
tungsrechte am Motorradsport zu ihrem Eigentum
erklärt haben, diese dann teuer an Dorna & Co. verkauft haben und mit den Einnahmen ihre Weltreisen zu den Sportveranstaltungen und Kongressen finanzieren?
Die FIM wird genauso gebraucht wie das IOC, die FIFA oder die FIA. Dass Sie die FIM so sehen, kann ich zwar verstehen, teile aber Ihre Ansicht nicht. Und wenn Sie Recht hätten, dann wäre das ja nur ein Grund mehr für mich, FIM-Präsident zu werden und das zu ändern.
Braucht man die FIM für das technische Reglement? Das wird doch von den Herstellern maßgeblich bestimmt.
Natürlich wird die FIM gebraucht, und nicht nur dafür. Sie legt als Sport-
hoheit beispielsweise Sicherheits- und Umweltstandards für Rennstrecken, medizinische Versorgung und so weiter fest, kümmert sich um die sportlichen Regeln, den Kampf gegen Doping, die Koordination der Terminkalender, auch wenn letzteres aus meiner Sicht verbesserungsfähig ist. Das sind Aufgaben eines Weltverbandes.
Bei professionell geführten Rennserien sieht es so aus, als ob die FIM-Funktionäre, die dort noch auftreten, von den Veranstaltern eher geduldet sind, als dass sie gebraucht werden.
Es ist doch kaum noch vorstellbar, dass die FIM beispielsweise in der MotoGP-WM maßgeblichen Einfluss nehmen kann – es sei denn, sie will
etwas, was auch die Dorna will.
Ich glaube, es ist eher so, dass
der eine ohne den anderen nicht kann. Das ist wie in einer guten Demokratie: Es gibt Aufgaben- und Gewaltenteilung. Da wiederhole ich mich übrigens gerne: Wenn es so wäre, wie Sie das darstellen, wäre das ja nur ein Grund mehr für mich...
Was hat der einzelne Motorradsportler davon, dass er für teures Geld eine internationale Lizenz erwirbt? Er erhält dadurch zwar grund-
sätzlich die Startberechtigung bei internationalen
Veranstaltungen. Aber die kann die FIM nur deshalb gewähren beziehungsweise entziehen, weil sie über Jahrzehnte eine Zwangsherrschaft über den Motorradsport aufgebaut hat.
Halt, stopp! Teures Geld stimmt so nicht, der Preisunterschied zwischen der nationalen DMSB-Lizenz und der FIM-
Lizenz beträgt ganze 85 Euro. Dafür kann der Lizenzinhaber ein Jahr lang an internationalen und sogar an WM-Veranstaltungen auf Strecken mit höchstem Qualitätsstandard teilnehmen, überall auf der Welt sanktioniert und sicher Motorradsport betreiben und ist dabei noch gut versichert. Für das Geld bietet dies keine einzige so genannte wilde Rennserie.
Abgesehen davon, dass es immer ganz nett ist, eigene Landsleute an mächtigen Positionen in wichtigen Verbänden sitzen zu haben –
was hätte der Motorradsport in Deutschland von einem deutschen FIM-Präsidenten? Oder darf die Thematik so nicht betrachtet werden?
Nein, das darf sie nicht. Würde ich gewählt, dann wäre ich Präsident des
Motorradsports der Welt, und nur dessen Vorteil und Wohlergehen wird dann für mich zählen.
Wie mächtig ist der FIM-Präsident wirklich? Was kann er bewirken, wo sind ihm Grenzen gesetzt?
Grenzen werden dem Präsidenten durch die bestehenden Verträge der FIM mit den Promotern gesetzt sein, aber ich habe viele neue Ideen und Visionen, deren Umsetzung davon unabhängig ist.
Sie haben für Mitte des Jahres eine Wahlkampagne angekündigt. Nun wird der FIM-Präsident ja nicht von der Mehrheit der Motor-
radsportler oder der Verbandsmitglieder, sondern von den Vertretern der nationalen Föderationen bei der FIM-Generalversammlung im Oktober in Brasilien gewählt. Wie muss man sich da einen Wahlkampf vorstellen? Womit wollen Sie die Abgeordneten überzeugen, für Sie zu stimmen?
Ich werde sehr stark vom Deutschen Motor Sport Bund unterstützt, der im Wesentlichen die Kontakte zu den
insgesamt 95 Mitgliedsnationen herstellen und vertiefen sowie am Sachsenring anlässlich des Grand Prix von Deutschland meine Kandidatur offiziell bekanntgeben wird. Besonders hat mich gefreut, dass sich das Präsidium des DMSB einstim-
mig hinter meine Kandidatur gestellt hat. Darüber hinaus werde ich sehr viele persönliche Gespräche führen, noch einige Föderationen besuchen und mit einem Wahlprogramm zu überzeugen wissen, das dann jeder auf der Website www.hans-
robert-kreutz.de nachlesen kann.
Sie gehen mit Ihrer Kandidatur jetzt an die Öffentlichkeit. Kann die Ihrer Sache bei dem vorgegebenen Wahlmodus überhaupt helfen?
Natürlich kann Öffentlichkeit mir helfen. Je mehr Menschen in einem Land von mir wissen und an mich glauben, desto größer wird die Chance einer Wahl sein.
Werden wir konkret: Ein für den deutschen Motorradsport nicht ganz unwichtiges
Thema wird derzeit in den Gremien der FIM
vorbereitet: die Harmonisierung der technischen
Reglements der nationalen und internationalen Superbike-Meisterschaften. Die Internationale Deutsche Motorradmeisterschaft (IDM) hat ein
eigenwilliges, sehr restriktives Reglement, das da-
zu dienen soll, die Kosten für Tuningmaßnahmen in Grenzen zu halten. Dadurch sind die Motorräder aber inkompatibel zur Superbike-WM, das heißt, deutsche Fahrer könnten als Gaststarter in der WM nur stark gehandicapt antreten. Haben Sie dazu eine Meinung?
Die habe ich. Standardisierung und Harmonisierung solcher Reglements sehe ich als eine meiner Hauptaufgaben für die Zukunft. Die FIM muss hier in enger Kooperation mit den nationalen Verbänden und den Herstellern schnellstens eine für alle akzeptable Lösung finden. Der Motorradsport ist in einigen Bereichen an die Grenzen dessen gekommen, was die Sportler bezahlen können. Sie werden manchmal
in eine Kostenspirale getrieben, an deren Ende ihnen nur der Ausstieg bleibt.
Ein weiteres Problem ist in diesem
Zusammenhang die Einheitsreifen-Regelung in der Superbike-WM. In der IDM sind fünf Reifenhersteller aktiv, die Fahrer oft vertraglich an ihren Lieferanten gebunden. Auch das eine Hürde, die den Aufstieg von der nationalen in die internationale Meisterschaft erschwert, die IDM Superbike in dieser Hinsicht fast zur Sackgasse werden lässt. Unbestritten ist jedoch, dass die Super-
bike-WM mit der Einheitsreifen-Regelung wieder attraktiver geworden ist. Ein Dilemma...
...das beendet werden muss. Attraktiver stimmt vielleicht. Aber ist das eine Weltmeisterschaft, wenn beim WM-Lauf in Laguna Seca der Sieger des nationalen AMA-Superbike-Rennens im Rahmenprogramm pro Runde fast zwei Sekunden schneller fährt als der Sieger des WM-Laufs? Dann eher gleiches Recht für alle. Ich kann mir sehr wohl auch die IDM mit einer Einheitsreifenregelung vorstellen.
In jüngster Vergangenheit haben sich in Sachen Nachwuchsförderung im Straßenrennsport – der populärsten Motorradsportart – eher Vermarkter wie die Dorna mit der MotoGP-Aca-
demy oder Sponsoren und Motorradhersteller wie Red Bull, KTM oder Honda hervorgetan. Die FIM tritt da praktisch nicht in Erscheinung. Welche Rolle müsste sie Ihrer Meinung nach spielen? Oder fällt das in den Bereich der nationalen
Verbände? Wenn ja, was könnte die FIM tun, um sie dazu zu bewegen, aktiv zu werden?
Hier ist die FIM finanziell gefor-
dert. Sie muss den nationalen Verbänden zweckgebundene Mittel für die Nachwuchsförderung zur Verfügung stellen, Strukturen transparenter und Aufstiegsmöglichkeiten klarer und einfacher gangbar machen. Es muss eine kontinuierliche, überschaubare Aufstiegsmöglichkeit sowohl im Zweitakt- wie auch im Viertakt-Bereich geben. Ein Jugendlicher darf den Absprung aus diesem Sport gar nicht mehr in Erwägung ziehen, so attraktiv muss das Paket geschnürt sein.

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