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Unkaputtbare BMW R 25: Schrott oder Gesamtkunstwerk?

Frisch ausgegrabene BMW R 25 Bloß nicht res­taurieren!

Vom Scheunenfund zum fahrenden Gesamtkunstwerk ist es mitunter nur ein kleiner Schritt. Zumindest beim Glemseck 101, wie diese BMW R 25 zeigt.

September 2015: Zum zehnten Mal steigt bei Leonberg „Glemseck 101“, das größte marken- und typenoffene Motorradtreffen Deutschlands. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt – von Zündapp- und Hercules-Mofas über alle möglichen Youngtimer bis hin zu gewaltigen Boss-Hoss-V8-Maschinen. Mitten im Getümmel aus Menschenmassen und Motorrädern steht, dicht umlagert, eine einzylindrige BMW. Die war wohl mal weiß, ist jetzt ­eierschalenfarben und rotbraun rostgesprenkelt. Kurz darauf knattert der offensichtliche Besitzer auf der 250er herum. Klingt ganz schön kernig, der Single.

Kein Rücklicht, kein Nummernschild, keine Verbindung zwischen Krümmer und Auspuff – alles kein Problem auf der extrem entspannten Veranstaltung. Als der Fahrer wiederkommt, den knisternden Motor abstellt, stellt sich der junge Kerl vor: „Hallo, mein Name ist Jeff.“ Er ist 20, sein fahrbarer Untersatz dagegen ­locker 60: „Dies ist meine BMW R 25, ich habe sie erst vor drei Tagen als Scheunenfund gekauft.“ Zehn bis 15 Jahre gammelte das arme Motorrad, Baujahr unbekannt, in der vergessenen Ecke einer Werkstatt vor sich hin. „Durchs löchrige Dach hat sie ­leider viel Wasser abgekriegt“, sagt Jeff.

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­Ein rollendes Gesamtkunstwerk

Den Umständen entsprechend ist der Zustand der noch wirklich in Bayern produzierten Maschine also richtig gut. „Ich habe mich spontan entschieden, sie mit zum Glemseck 101 zu nehmen, habe nur den alten Sprit aus Tank und Vergaser abgelassen. So eine BMW läuft immer!“ Zum Beweis tritt Jeff den leicht ölenden Single noch mal an. Der betagte Stoßstangen­motor mit einer untenliegenden Nockenwelle und 13 PS kommt auf den ersten Tritt. Er läuft erstaunlich rund, ohne zu stottern. Und, erstaunlicherweise, ohne beängstigende mechanische Geräusche.

Schon bemerkenswert, denn in Motor, Getriebe und Kardan schwappt immer noch undefinierbar altes Öl. Zündkerze und Batterie (frisch geladen) tun’s noch. Ein Tuch dichtet den leckenden Vergaser notdürftig ab. Die 19-Zoll-Speichenräder tragen alte, ausgehärtete Reifen. BMW-Spezialist Hans-Joachim Siebenrock kommt staunend dazu. Sein Tipp: „Bloß nicht res­taurieren, das ist viel zu viel Aufwand. So wie das Motorrad hier steht, ist es ein ­rollendes Gesamtkunstwerk.“

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Gepolsterte Sitzbank statt Schwingsattel

Und ein echter Hingucker. Jeff kommt aus der Stadt Eupen im Osten Belgiens, ist dreisprachig, hat Deutsch als Muttersprache. Er kaufte die BMW R 25 vom Eupener Karnevalsverein, der sie einst als „Karnevalspolizei“ nutzte. Daher steht noch auf Platt geschrieben „Öpe Alaaf“ auf dem Tank.

Laut ersten Recherchen ist Jeff erst der fünfte Besitzer. Bereits in den 70er-Jahren habe diese BMW ein erstes Mal lange gestanden, wurde kaum beachtet. Viele Puzzlesteine aus der Historie dieser 250er fehlen noch: Sie trägt weder Typenschild noch Rahmennummer, hat keine Papiere. Der Zweirad-Oldie mit den Halbnaben-Bremsen einer R 25/2 „ist ein Mischmasch hoch drei“, wundert sich Jeff. „Fast alle BMW R 25 haben klassische Schwingsättel, doch meine hat eine dick gepolsterte Sitzbank.“

Im Chrom des Bosch-Scheinwerfers ist „Importé d’Allemagne“ eingeprägt – kurz nach dem Krieg ein Hinweis auf eine Einfuhr nach Frankreich oder in den wallonischen Teil Belgiens. Eventuell als einstiges Behörden-Fahrzeug? Jeff sucht noch Hinweise zur Geschichte seiner BMW R 25, Kontakt bitte über geoffrey.grandjean@live.de.

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"Ich will Mechanik, keine 7 Kilo Kabel­salat"

Für eine potenzielle Zulassung ersteigerte Jeff bei Ebay das Typenschild einer BMW R 25/3, Baujahr 1955, inklusive originaler DDR-Fahrzeugpapiere und Einfuhrgenehmigung vom 5. April 1966 aus dem kapi­talistischen West- ins sozialistische Ost-Deutschland. Dort wurde Hans G. (Jahr­gang 1922) in Brandenburg an der Havel das DDR-Kennzeichen DO 42-49 zugeteilt. „Was für ein Zufall“, sagt Jeff, „der registrierte BMW-Besitzer war am 22. Dezember geboren und von Beruf Schweißer. Ich bin am 19. Dezember ge­boren und von Beruf Schweißer ...“

Mit Motorrädern kennt sich der junge Belgier gut aus, hat eine Ausbildung als Metallkonstrukteur, lernte dann Zweiradmechaniker bei BMW. Derzeit arbeitet er als Motoren-Instandsetzer. „Bei BMW hatte ich täglich zwar mit schönen aktuellen Motor­rädern zu tun, aber auch viel mit Computer und Elektronik. Austauschen statt reparieren – das ist nichts für mich. Ich will Mechanik, die nach 60 Jahren noch funktioniert, keine sieben Kilo Kabel­salat.“ Wie seine tapfere BMW eben.

Mittlerweile hat Jeff die Elektrik des 60-jährigen Einzylinders gerichtet, „sicher ist sicher“. Zudem baut er gerade eine Ducati Desmo 350 auf und eine BMW R 100 R zum Scrambler um. Dass Oldies im Leben des 20-Jährigen schon immer eine wichtige Rolle gespielt haben, zeigen die 125er-CZ 476 und eine Suzuki GT 125, die er vor der BMW R 25 gefahren ist. Selbst wenn er im Alltag mit einer XF 650 Freewind auf Tour geht und mit einer Husqvarna-Super­moto sowie seiner KTM-Enduro auf und abseits befestigter Wege herumtollt. Zum Glemseck 101 schleppte ihn seine Freundin Jody, die 2014 erstmals dabei war. Mal sehen, was Jeff mit zum Glemseck 101 2016 bringt.

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