Neue BMW mit klassischer Anmutung Neu 2013: BMW R 1200 Roadster

Wer Visionen hat, sollte zu Stefan Kraft gehen. Denn der Stuttgarter Designer versteht sich meisterhaft darauf, Motorradträumen zeichnerisch Gestalt zu geben. Dieses Mal hat er aus rudimentären Erlkönigfotos das Gesamtbild einer neuen BMW mit klassischer Anmutung komponiert. Kein Zweifel, da entsteht ein kraftvolles Motorrad.

Foto: Höhne

"Wir werden am Boxer mit Luftkühlung noch Jahre festhalten, das kann ich Ihnen versichern." Als im Frühjahr 2011 das erste gegenlichtverblendete Foto einer -möglichen BMW-GS-Nachfolgerin mit wassergekühltem Motor in die Öffentlichkeit gelangte, wandte sich der damalige BMW-Motorradchef Hendrik von Kuenheim mit Verve gegen Spekulationen über das Ende des luftgekühlten Boxermotors (MOTORRAD 7 und 9/2011). Sicherlich fürchtete er um den Verkaufserfolg der mit einem solchen Motor ausgerüsteten R 1200 GS in der Saison 2011, die eben begann, als die Fotos auftauchten. Wie sich jetzt erwiesen hat, war das energische Eintreten von Kuenheims für den luftgekühlten Boxer aber nicht nur von der damals angesagten Verkaufstaktik bestimmt - es ist tatsächlich ein neues Modell mit diesem Motor in Vorbereitung, das auch keinen direkten Vorgänger hat.

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Foto: Höhne

Wie genau die neue Boxer-BMW beschaffen sein wird, die MOTORRAD in der letzten Ausgabe vorstellte, ist noch nicht bekannt. Klar ist, dass BMW-Offizielle die Erlkönigfotos nicht kommentieren wollen und also nicht weiterhelfen auf dem Weg der Erkenntnis. Klar ist aber auch, dass die neue Maschine in einem Feld heranwächst, das mit den Eckpunkten BMW R 1200 R Classic, der Konzeptstudie Lo Rider sowie der Honda CB 1100 abgesteckt werden kann. Ob sie näher an der einen oder anderen oder in genau gleichem Abstand zu allen dreien positioniert sein wird, steht wie gesagt noch dahin. Doch in unterschiedlichen Dosierungen nimmt sie Einflüsse von jeder der drei genannten Maschinen auf.

Beginnen wir die Betrachtung mit der nächstliegenden, der R 1200 R Classic. Im Unterschied zur „normalen“ R 1200 R trägt sie eine schwarze Lackierung mit weißem Mittelstreifen, Drahtspeichenräder und serienmäßig eine Auspuffanlage aus Edelstahl, die zusätzlich verchromt ist. Accessoires, die schon einmal wunderbar zu einem unverkleideten, aufs Nötige reduzierten Motorradkonzept passen. Auch Räder und Auspuff, den Antrieb, den Scheinwerfer mitsamt Abdeckung, die Instrumente und die Spiegel konnte die R ohne Stilbruch gleich an den Prototyp weitergeben.

Was mit ihrem eigenen Anspruch „Classic“ weniger gut harmoniert, ist das Fahrwerkskonzept mit der längslenkergeführten Gabel am Vorderrad, dem Telelever. Der sorgt durch den Längslenker und das Federbein für eine ungewöhnliche Seitenansicht, welche die Designer durch weit nach vorn gezogene Tankflanken zu kaschieren versuchten. Damit die Gabel des Telelevers beim Einschlagen der Lenkung nicht dort anstößt, braucht der Tank im vorderen Bereich aber einen relativ breiten Ausschnitt, und der wiederum irritiert ein wenig, wenn man das Motorrad von schräg vorn betrachtet. Auch ist die heutige R relativ hoch geraten und trotzdem mit sehr niedrigen Sitzbänken ausgestattet - für größere Fahrer ist die höchste Sitzhöhe mit 830 Millimetern gerade hoch genug.

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Foto: S. Kraft

Hier kommt als zweites impulsgebendes Motorrad die Konzeptstudie Lo Rider ins Spiel. Die ist nämlich nicht nur im Bereich der Sitzfläche so niedrig proportioniert, wie ihr Name suggeriert, sondern weist auch einen viel weniger steilen Anstieg vom Sitz zum Tank auf als die R, weil ihr Tank nicht so hoch gewölbt ist. Wie selbst die wenig scharfen Fotos ahnen lassen, dienen die Proportionen der Lo Rider in diesem Bereich als Vorbild für den Prototyp. Auch die Form des Tanks, soweit sie sich erkennen lässt, zeigt eine große Ähnlichkeit zwischen Konzeptstudie und Prototyp. Das kann stilistisch nur deshalb funktionieren, weil der in der Entwicklung befindliche Roadster wie die Lo Rider mit Telegabel statt Telelever ausgestattet ist. So müssen die Tankflanken hinter dem „echten“ Lenkkopf enden und können sich seitlich eng an ihn schmiegen. „Echter Lenkkopf“ heißt mit Lenkrohr und oberem sowie unterem Lenkkopflager, die traditionelle Anordnung, die dann eben auch einem klassischen Aussehen zugutekommt.

Für weitere Einflüsse taugt die radikale Lo Rider weniger. Ihre hochgelegte Auspuffanlage zum Beispiel wäre nicht nur in Sachen Hitzeentwicklung und Ergonomie fragwürdig; ihre Entwicklung und Homologation würde darüber hinaus eine Riesensumme verschlingen. Hendrik von Kuenheim hatte schon bei der Präsentation der Lo Rider die Auspuffanlage als die Baugruppe benannt, an der ihre Serienfertigung scheitern würde.

Das dritte Motorrad, dessen Einfluss auf den BMW-Erlkönig offensichtlich ist, stammt von Honda. Es ist die CB 1100, die im Herbst 2009 auf der Tokyo Motor Show präsentiert wurde und seit 2010 in Japan und den USA verkauft wird. Nebenbei bemerkt mehren sich momentan die Anzeichen, dass dieses Motorrad künftig doch auch nach Europa kommt. Abgesehen von etlichen Stilelementen eines Klassikers, die BMW und Honda jeweils auf ihre Weise pflegen - luftgekühlter Motor, Rundscheinwerfer, viele Chromteile, um nur drei zu nennen -, wirkt die Honda vor allem hintenhinaus als direktes Vorbild der neuen BMW. Während die R 1200 R in ihrer aktuellen Form ein mit üppigem Soziussitz versehenes, gepäcktragetaugliches Hinterteil präsentiert und die Lo Rider erst gar keines hat, trägt die Honda eine flache, hinten schmal auslaufende Doppelsitzbank. Sicherlich nicht das Möbel, auf dem man als Beifahrer 1000 Kilometer am Stück absitzen will, doch ein zierliches Teil, das sich harmonisch in die Linie einfügt.

Foto: BMW
Überraschendes Concept-Bike: die BMW Lo Rider.
Überraschendes Concept-Bike: die BMW Lo Rider.

Von den genannten Vorbild-Motorrädern ist die Honda diejenige, welche die Idee des Retro-Designs mit der größten Konsequenz verwirklicht. Bis hin zur Hinterradfederung mit zwei Federbeinen. So weit will BMW nicht gehen, das zeigt schon die Übernahme des höchst aktuellen Antriebskonzepts, das die einarmige Paraleverschwinge mit beinhaltet. So könnte, wenn die BMW und die Honda zur nächsten Saison in Deutschland auf den Markt kommen würden, eine Konstellation entstehen, die kein Vorbild in der Historie hat: Eine Boxer-BMW hätte bei annähernd gleichem Hubraum mehr Leistung als eine Honda Four, das Kräfteverhältnis stünde bei 110 zu 88 PS. Wer hätte das noch vor 20 Jahren gedacht?

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