MOTORRAD präsentiert RTV-Vincent (Archivversion) Wiedergeburt

In den Fünfziger war sie das Superbike schlechthin. Jetzt, nach 43 Jahren Tiefschlaf, schlägt das Herz der Vincent V2 dank RTV wieder.

1948 liegt der Leistungszenit für die stärksten Straßenmotorräder bei 46 PS. Dann passiert’s: Vincent präsentiert in der Black Shadow einen V2-Motor mit sage und schreibe 55 PS. Die Fans waren fassungslos vor Entzücken, die Fachleute kapitulierten vor dieser schieren Kraft. »V-max not yet testet«, stand in einer britischen Motorradzeitung, denn die wenigsten Straßen waren damals für die Höchstgeschwindigkeit von zirka 190 km/h ausgelegt. MOTORRAD-Tester Ernst »Klacks« Leverkus mußte sieben Jahre auf eines der raren, teuren englischen Bikes warten, ehe er 1955 - pünktlich zum Abgesang auf die finanzschwache Firma - das vollverkleidete Nachfolgemodell Black Prince endlich fahren konnte.Der Mythos überdauerte die Jahrzehnte, die Aussicht, daß die Vincent wiederauferstehen sollte, elektrisierte die Fans. Und die stört wenig, wenn die Leistungsdaten der neuen Vincent denen moderner Nippon-Bikes deutlich hinterherhinken. Das vom Australier Terry Prince, eingefleischter Vincent-Kenner und Chefkonstrukteur der Firma RTV motorcycle, gebaute Triebwerk ist ein 50-Grad-V2-Motor, wie ihn Vincent von 1946 bis 1955 produzierte. Freilich griff Prince tief in die Trickkiste, um es auf Neuzeit zu trimmen. Die neukonstruierte Kurbelwelle hat, wie schon 1946, einen Hub von 90 Millimeter. Neben der Variante mit originalen 84 Millimetern Bohrung, gut für 1000 cm³, bietet RTV eine mit 92 Millimetern für 1200 cm³ an. In den stark modifizierten Zylinderköpfen verdichten die Kolben das Gemisch auf 9:1. Mikuni-Vergaser mit 34 beziehungsweise 36 Millimeter Durchlaß oder auf Wunsch eine Einspritzanlage übernehmen die Gemischaufbereitung. Ein E-Starter erspart das Ankicken. 91 PS am Hinterrad beim 1200er Vergasermotor sind für einen Stoßstangen-Zweiventiler ein ordentlicher Wert.Beim Fahrwerk kommt Princes langjährige Mitarbeit beim Schweizer Fahrwerksguru Fritz W. Egli zum Tragen. Ein Zentralrohrrahmen nimmt den Motor als mittragendes Element auf. Bei einem Lenkkopfwinkel von 63,5 Grad beträgt der Nachlauf 105 Millimeter und der Radstand 1420 Millimeter. Der Fahrer sitzt 750 Millimeter über der Erde. Paioli liefert die einstellbare Upside-down-Gabel, Öhlins das hintere Federbein, das direkt an der vorbildgetreuen Dreiecksschwinge angelenkt ist. Brembo-Vierkolbenbremsen mit schwimmend gelagerten 320er Scheiben verzögern das Vorderrad. Das Antriebsritzel der betagten Motorkonstruktion mußte wegen der hinten 4,5 Zoll (vorn 3,25) breiten Dymag-17-Zoll-Felge mit Metzeler ME Z2-Reifen um 30 Millimeter nach außen wandern.Neben einem Tourenmodell wird eine Sportversion mit flacherem Lenker und kleinerer Verkleidung angeboten, die Black Widow. Die vergleichsweise hervorragenden Fahrleistungen, von denen der australische Journalist Damien Kingsbury bei ersten Fahreindrücken auf der »Schwarzen Witwe« berichten konnte, sind wahrscheinlich auf das auch für heutige Verhältnisse niedrige Fahrzeuggewicht von 190 Kilogramm zurückzuführen.Umgerechnet 45000 Mark soll der in Kleinserie gefertigte Nachbau kosten. Sicherlich ein angemessener Preis. Doch fraglich ist, ob die eingeschworenen Vincent-Fans die Mischung aus Klassik und Moderne akzeptieren. Immerhin: Noch 1998 sollen die ersten Bikes verkauft werden - und finanzieren lassen sie sich heute bei jeder Bank.

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