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Schrauber Torsten Bischof Vergammelte Wracks, herrliche Hingucker

Wieso kann ein gelernter Maurer und pensionierter Bundeswehr-Offizier hoffnungslos vergammelte Wracks in herrliche Hingucker verwandeln? „Wieso nicht?“, fragt Torsten Bischof zurück und flext unverdrossen weiter.

Gegen trostlose Wintermonate, in denen gestandene Männer – mit Schatz-das-musst-du-lesen-Lektüre im Schoß – einen Sessel verunzieren, teilnahmslos die Katze streicheln und leere Blicke aus dem Fenster werfen, gegen solche erschütternden ­Phasen seelischer Verwüstung also kennt Torsten Bischof ein Mittel. Ebay. Wohl wissend um die eigene Abhängigkeit, stets bemüht auch um den Frieden seiner vierköpfigen Familie, ersteigert er beizeiten ein paar Zentner Schrott.

Der muss nicht mehr anspringen, der muss nicht mehr rollen, befreit aber auf jeden Fall von ­fiesen Vorahnungen, und so kann Torsten bis in den goldenen Oktober hinein auf ­Eifelsträßchen gute Laune tanken. Wenn dann Kälte und Eis regieren, widmet er sich, gerne auch an Weihnachten und Neujahr, mal einer Gabelbrücke, um die eigene Laune aufzupolieren, oder flext ein Rahmenheck ab, um innerbetriebliche Spannungen zu entschärfen.

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Lücken der Langeweile mussten gefüllt werden

Schon seit vielen Jahren alarmiert den 58-Jährigen, wenn in seiner Garage ausschließlich intakte Motorräder parken, doch seit der lang gediente Pionier den Ruhestand genießen soll und die beiden Mädels weitgehend selbstständig tun, hat sich das Problem verschärft. Früher füllten die Wartungs- und Verbesserungsarbeiten an drei, vier Motorrädern manchmal jede freie Minute, heute erledigt er solche ­Fingerübungen zwischen Aufstehen und Frühstück. Den Winter 2010/2011 konnten anderthalb Honda XBR 500 retten, aus denen bis Mai ein wunderschöner und stilsicher aufgebauter Café Racer entstand. Diese intensiven Monate und das gelungene Ergebnis seiner harten Arbeit, so hoffte Torsten, könnten ihn ausnahmsweise noch ins nächste Frühjahr tragen, doch er sollte sich irren.

Bereits Mitte November belasteten ihn erste Attacken von Langeweile, kurz vor Weihnachten half nur noch ein entschlossenes Gebot: Für 151,01 Euro ersteigerte er eine Yamaha XS 400, bei der jedes einzelne Teil um den Gnadenschuss flehte. Doch Torsten hat keine Waffe mehr und Mitleid sowieso nicht. Er sieht nur den ­eigenen Nutzen: Arbeit für Wochen und Monate. Damit sich die Schufterei am Ende lohnt, müssen die ersteigerten Schätzchen gewisse Bedingungen erfüllen. Etwa keinen Wasserkühler besitzen. So was mag Torsten nicht. Auch sollten sie ein gewisses Alter nicht überschreiten. Sonst spielt Torstens TÜV-Mann nicht mehr mit. Sie müssen wenig kosten, damit die Familienkasse überlebt. Und die benötigten Teile sollten massenhaft vorhanden sowie problemlos zu beschaffen sein, damit das auch so bleibt. Aus der Schnittmenge dieser Anforderungen ragen – mehr noch als eine XBR – aufreizende Krafträder wie XS 400 oder CB 450 heraus. Die Wahl des alten Yamaha-Fans wurde noch dadurch erleichtert, dass seine Rest-XS zwar keine Schlüssel und Papiere, aber dafür zwei restaurierungsfähige Koni-Federbeine besaß. Damit war der Kaufpreis eigentlich schon gerechtfertigt.

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Wer umbaut, will Schöpfer sein

Torsten hatte beruflich lange Zeit mit Uniformen zu tun. Vielleicht mag er deshalb keine uniformen Motorräder. Er will Schöpfer sein, Herr seiner Ideen und Gefühle, und deshalb wählt er seine Objekte mit Bedacht, besitzt von Anfang an eine sehr bestimmte Vorstellung ihres zukünftigen Erscheinungsbildes. In der XS, schon unter engagierten Großstadtkurieren als zu lahm verschrien, entdeckte er sportliches Potenzial. Die Demontage förderte zwar eine 27-PS-Nockenwelle ans Tageslicht, aber solche Kleinigkeiten beirren Torsten nicht: Nur Tage später zappelten frisch aus den USA die wahrscheinlich letzten XS-tauglichen und nagelneuen K&N-Luftfilter im Netz, wenige Wochen drauf folgte ebenfalls aus Übersee die ­gewünschte Hochleistungsnocke. Also Sport. Aber mit einem Schuss Humor: Wenn schon keine beeindruckenden PS-Zahlen zu erwarten waren, sollte das Ding wenigstens mit furchterregendem Namen schocken. Fortan hieß es Frau Mahlzahn, nach dem roten Drachen aus der Augs­burger Puppenkiste.

Selten wurde ein Reptil so auseinandergenommen. Um Frau Mahlzahns Sportsgeist zu befördern, flexte Torsten unnötigen Ballast wie Kabelhalterungen oder Helmschloss einfach weg, auch ­Anlasser, Serienschutzbleche, Sitzbank und überhaupt alles, was der Japaner gern gewichtig auslegt, flog auf den Schrott. Angestrebte 180 Kilo vollgetankt bedeuteten strenge Diät für das zukünftige Eifel-Ungeheuer. Gleichzeitig musste es eine wahre Flut von kleinen, mittleren, großen und ganz großen Umbaumaßnahmen über sich ergehen lassen.

Die Vielzahl dieser Maßnahmen lässt eine beinahe anarchische Lust am Bauen vermuten, doch das Ergebnis kündet ebenso von einem ausgeklügelten Plan und geduldiger Recherche, von preußi­schem Fleiß und ästhetischem Gespür. Kleine Ideen können Torsten tagelang elektrisieren: Löcher in die Seitendeckel sägen, diese dann mit Edelstahlgittern schließen, damit dahinter die K&N-Filter durchschimmern können. Hammer! Gro­ße Schweinereien erledigt er mit militärischer Disziplin: Motorteile müssen gereinigt oder poliert werden. Fertig. Und körperliche Strapazen gehören dazu: Beim Schleifen von Lackteilen kommt die Haut an den Fingern genauso runter wie früher beim Mauern mit Kalksandstein. So ist das. Nur diese Demut während der ­Arbeit macht den Blick frei für tolle Konzepte und garantiert den piekfeinen ­Auftritt des fertigen Projekts.

Im Sommer wird gefahren

Frau Mahlzahn – zerlegt und geprüft, ­erträumt und wieder aufgebaut in zwei Wintern – trägt über rotem Fahrgestell das kleine Schwarze, bollert im Leerlauf fröhlich vor sich hin, quittiert Gasstöße mit mutigem Fauchen und macht mit all ihren tollen Details denkbar ungeniert auf Hingucker. Im April 2013 erhielt sie den TÜV-Segen, mittlerweile ist sie längst Eifel-­erprobt, denn da ist Torsten konsequent: Sowohl Motorräder als auch Sommer sind zum Fahren da. Ein Mal hat er sein heimi­sches Revier sogar verlassen und das XS-Treffen im Bergischen Land angesteuert. Seitdem ist er Preisträger. Mit Urkunde für den besten Umbau. Eigentlich braucht Torsten so was nicht. Er genügt sich selbst. Aber er braucht Inspirationen, und er möchte andere inspirieren.

Deswegen pflegt er eine quietschvergnügte Website, die all seine Tricks verrät, Pleiten, Pech und Pannen nicht auslässt, brav sämtliche Kosten auflistet, aber im Kern den Straftatbestand der Verführung Nichtsahnender erfüllt. Wie teuer ist eine billige CB 450 gerade bei Ebay? Wer ­Torsten auf www.alter-schrauber.de besucht, erfährt außerdem, dass er auch original kann, und zweitens, dass man sich aktuell keine Sorgen um ihn machen muss: Zur Liste der von ihm aufgebauten Motorräder zählen nicht nur seine wunderschön radikalisierte und lebenslang unverkäufliche Guzzi, sondern auch eine blitzsauber restaurierte, aber längst verkaufte Laverda 500 SFC. Den aktuellen Winter sollte eine XS 750 verkürzen, denn sogar in diesem Kardan-Dreizylinder sieht Torsten Bischof sportliche Talente schlummern. Leider wurde er lange vor Weihnachten fertig, deshalb steht jetzt eine weitere XS 400 auf der Bühne. Die Cup-Version, quasi Sport pur. Man muss ­Torsten nicht verstehen. Aber man muss sich fast immer über ihn freuen.

Umbau-Info

  • Vorderradkotflügel Ricambi, gekürzt
  • Stahlflexbremsleitung Melvin
  • Bremssattel glasperlengestrahlt
  • Kegelrollenlager im Lenkkopf
  • Handbremspumpe Brembo PS 16
  • linke Lenkerarmatur von Suzuki SV 650
  • rechte Lenkerarmatur (Licht, Startknopf, Not-Aus) entfallen
  • Kurzhubgasgriff Tomaselli
  • Lenker LSL Touring Sport
  • LED-Frontblinker Hatch
  • Kabelbaum Eigenbau
  • kein Anlasser, kein Freilauf, keine Übertragungsteile
  • Motorgehäuse-Verschlussstopfen mit Sicherung
  • Motorseitendeckel poliert
  • Nockenwelle 1M0 (38 PS)
  • Luftfilter K&N, RC 130/2
  • Benzinfilter
  • Standardbenzinhahn (kein Unterdruck)
  • offene Ansaugbrücke
  • Batteriekasten ohne Luftfilteraufnahmen
  • Seitendeckel mit Lufteinlässen und VA-Gittern
  • Höckerunterkonstruktion Eigenbau
  • Sicherungskasten Hella
  • Höckersitzbank Norton Classic, an XS angepasst
  • Sitzpolster Eigenbau, rotes Wildleder
  • Startnummernfelder (Anfertigung)
  • Tankdekor, Drachentribals (Anfertigung)
  • LED-Multifunktionsblinker von Hatch mit Rücklicht und Bremslicht
  • lastunabhängiges Blinkrelais
  • Kettenschutz VA, Eigenbau
  • Nummernschildträger Spiegler
  • Krümmer schwarz lackiert
  • Auspuffendtöpfe original, aber schwarz lackiert
  • Auspuffhalterungen VA, Eigenbau
  • Stoßdämpfer Koni
  • reflektierende rote Zierstreifen auf beiden Felgen
  • Reifen vorne und hinten Heidenau
  • Kettenkit D.I.D
  • Heckkotflügel Eigenbau
  • Rahmen, Hauptständer, Batteriekasten, Schwinge, Gabeltauchrohre, obere Gabelbrücke mit Lenkeraufnahmen, Bremsstrebe, originale Auspuffhalter sandgestrahlt und rot pulverbeschichtet
  • alle Schrauben VA
  • kein Seitenständer
  • Rahmen gekürzt
  • keine Soziusfußrasten
  • Tank, Seitendeckel, Vorderradkotflügel und
  • Höcker Sonderlackierung (Opel, Phantom Black)
  • Zwei Lenkerendenspiegel
  • Nachbau einer Fußrastenanlage Pichler XS 400 RS2
  • Zwei Keyster-Vergaser-Reparaturkits
  • größere Hauptdüsen (z. Zt. 160)
  • schwarzer Klarglas-Rundscheinwerfer
  • Sigma-Tacho mit Beleuchtungsrahmen (originale Armaturen komplett entfallen)

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