Motorrad-Sicherstellungen (Archivversion) Halali in Oberbayern

An Sudelfeld und Kesselberg erprobt die bayerische Polizei eine neue Methode: Wer beim Schnellfahren erwischt wird, gibt sein Motorrad ab. Das soll Motorradfahren auf den Bergstrecken weiterhin möglich machen. Wie kann das gehen?

Das Polizeipräsidium Oberbayern fährt einen harten Kurs: Auf der B 307 am Sudelfeld und der B 11 am Kesselberg sowie den Zufahrten jagt eine Geschwindigkeitskontrolle von Motorradfahrern die nächste. Wer mehr als 40 km/h zu schnell ist oder zweimal das Tempolimit um mehr als 25 km/h überschreitet, erlebt äußerst Unerfreuliches. Sein Bike wird sichergestellt. »Zumindest im süddeutschen Raum ist das etwas Neues«, kommentiert Heinrich Schuster, Pressesprecher der Regierung von Oberbayern.

Die Motorräder werden abgeschleppt und verwahrt. Herausgegeben werden sie während der Woche am nächsten Tag und an den Wochenenden am darauffolgenden Montag. Auf die Verkehrssünder kommen neben den Abschlepp- und Verwahrkosten noch saftige Bußgelder, Punkte in Flensburg sowie einige Monate Fahrverbot zu.

Im Internet zählt das Polizeipräsidium Oberbayern 84 Radarmessungen, 183 Verwarnungen und 221 Anzeigen auf. Dazu sind 16 Sicherstellungen an Kesselberg und Sudelfeld zwischen dem 29. Juni und dem 23. Juli 2007 aufgelistet: 15 Männer und eine Frau, die zwischen 18 und 70 Jahren alt sind, oft aus München oder Österreich stammen, samt den Motorradmarken und gefahrenen Geschwindigkeiten, die bis 161 km/h reichen.

»Die werden wie im Mittelalter an den Pranger gestellt. Das ist eine Hexenjagd«, sagt Hubert Zimelka aus Rosenheim. »Mich betrifft das nicht. Ich bin ein braver Motorradfahrer. Aber wie wir hier dargestellt werden, das regt mich auf.« Auch in Internet-Foren ist die Wut groß. »Motorradfahrer sind Freiwild« und »Das grenzt an Willkür«, sagen User im GSX-R1000.net. »Würden alle gleich behandelt, wären alle Abschlepper Millionäre, und ihre Stellplätze wären zu klein für die vielen Autos.«

Wegen der möglichen hohen Kurvengeschwindigkeiten zieht das Sudelfeld, das auf Tempo 60 und 80 km/h limitiert ist, Piloten an, die die Polizei als »Hardcore-Heizer« bezeichnet. Die behagen auch nicht allen Motorradfahrern: »Ich habe keine Lust, mich von einem Volldeppen abschießen zu lassen, nur weil der meint, es in den Kurven übertreiben zu müssen«, so ein User im VFR-Owners Club. »Dass die den Rasern ans Leder gehen, ist ja mal noch nachvollziehbar«, meint ein anderer im Fireblade-Forum. »Was mich ankotzt, ist die Beschlagnahme.«

Für die Regierung von Oberbayern sind die Sicherstellungen rechtlich einwandfrei. »Wir haben das überprüft«, so Schuster. Rechtsanwalt Ralph Andreß sieht das anders (siehe Interview). Aber wo kein Kläger, auch kein Richter.

Die Abschreckungstaktik scheint erfolgreich zu sein: Bei einer Radarmessung am 1. August haben nur zwei die Geschwindigkeit am Sudelfeld überschritten. Die Regierung von Oberbayern hat jedoch mit den Sicherstellungen eine neue Repressalie geschaffen. »Das ist nicht nur eine Lex Kesselberg oder Sudelfeld«, sagt Schuster. Im Klartext: So etwas kann auch anderswo passieren.

Auslöser für die drastischen Kontrollen sind, so die Polizei, die neuesten Unfallzahlen. In Oberbayern registrierten die Ordnungshüter in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 766 Motorradunfälle –34,6 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2006. Auch die Zahl der Toten stieg mit 22 Menschen um knapp 30 Prozent. An Kesselberg und Sudelfeld verletzten sich bei Unfällen 23 Motorradfahrer zum Teil schwer, und drei Piloten starben. Aus Sicht der Polizei haben zwei Drittel der Unfälle die Motorradfahrer selbst verschuldet. Ursachen: überhöhte Geschwindigkeit, Überholen bei unklarer Verkehrslage und zu geringer Sicherheitsabstand.

»Es kann nicht sein, dass wir an den Bergstrecken Kesselberg und Sudelfeld Leichenwagen fest stationieren«, meint der Regierungspräsident von Oberbayern, Christoph Hillenbrand. Die Konsequenz: »Wir ziehen die Zügel an«, sagt Pressesprecher Schuster.

Als letzte Maßnahme droht eine Totalsperrung von Kesselberg und Sudelfeld für Motorradfahrer. Schuster: »Wir sind optimistisch, dass das nicht passiert.« Eine Sperrung sei das Ende der Weisheit. Allerdings definiert die Regierung, wann sie mit ihrer Weisheit am Ende ist.

Bereits seit langem ist der Kesselberg auf 60 km/h beschränkt und an Wochen-enden und Feiertagen für Motorradfahrer in Richtung Walchensee gesperrt. Dagegen hat das Sudelfeld Symbolcharakter: Die B 307 ist die einzige Strecke in Deutschland, bei der Sperrungsgegner vor Gericht Recht bekamen. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof entschied 1986 in letzter Instanz, die seit 1983 für Motorradfahrer gesperrte Straße wieder zu öffnen. Begründung: Motorradfahrer hätten grundsätzlich die gleichen Rechte zur Benutzung öffentlicher Straßen wie alle anderen Fahrer.

Die Behörden scheiterten vor Gericht aber auch, weil sie nicht sämtliche Möglichkeiten geringerer Eingriffe ausgeschöpft hatten. Heute sieht das anders aus: Neben umfassenden Kontrollen und Aufklärungskampagnen haben die Verkehrsbehörden am Kesselberg auf 640 Meter Länge Un-terfahrschutz an Leitplanken nachgerüstet und die Straße mit einer neuen Fahrbahndecke versehen. Am Sudelfeld ist auf 170 Metern in der Schaukurve ein Unterfahrschutz montiert worden, und ein Teil der Straße hat einen neuen Belag. Allerdings ist auch auf rund neun Kilometern Bitumenflickerei angebracht worden, was Biker erzürnte (MOTORRAD 9 und 20/2003).

Hillenbrand: »Bevor wir als letzte Möglichkeit die schon vielfach geforderte Teil- oder Totalsperrung der beiden Bergstrecken für Motorradfahrer prüfen, steigert die Polizei die Kontrollintensität.« Ergebnis bis 10. August 2007: 22 sichergestellte Bikes am Sudelfeld und elf am Kesselberg. Fehlt jetzt nur noch die Sperrung?

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel