Motorrad-Sinfonie (Archivversion) Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden

Wo läuft sie denn, die Grenze zwischen Musik und Geräusch? Zwischen einer Yamaha-Posaune und einem Suzuki-Chopper? Und macht die Posaune das Geräusch und der Chopper die Musik? Oder umgekehrt? Das hätte keine Rolle spielen sollen bei der Uraufführung der »Biker’s Symphony« im Rahmen der Musikfestspiele Saar.

Wenn es Kunst sein soll, darf es ruhig laut sein. Es muss manchmal sogar laut sein. Die Honda CBF 600 hat nichts von Kunst. Sie ist zu leise. Maximal für den Chor taugt sie, aber als Solistin soll sie sich erst gar nicht versuchen. Nur zwei, drei Mal Gas geben, dann schickt der Dirigent sie wieder weg. Sie passt ihm nicht ins Konzept. Das sieht vor, dass sich zwei Motorradfahrer um eine Frau streiten. Dabei sollen sie laut werden. Nicht die Fahrer, die Motorräder. Weil die ja eine Rolle spielen und die Handlung vorantreiben sollen bei der »Biker’s Symphony«, die sich der litauische Dirigent Donatas Katkus ausgedacht hat. Folgendermaßen: Motorräder fahren durch die Gegend. Man wird müde, schläft ein. Kommt eine Göttin auf Enduro vorbei, weckt die Schlafenden. Zwei streiten sich um die Braut. Die will keinen der beiden. Die will das Schöne, das Gute, die Kunst, schnappt sich den Dirigenten, haut mit ihm ab. Frustriert brüllen die Motorräder hinter ihr her. Finito.
Nonsens? Nein: tiefe Bedeutung! Meint Robert Leonardy, Professor für Klavier, Erfinder, Gründer und Intendant der Musikfestspiele Saar, wo die Sinfonie ihre Weltpremiere hat. Was die Bedeutung sein soll, steht schon im Programm: »Wer ist stärker, die Technik, die Musik oder die Liebe? Wer gewinnt: der Lärm, das Chaos oder der Wohlklang und die Schönheit? Demonstriert die Machbarkeit ihre Stärke über die zarte Natur?« Das erinnert, richtig, an die Rolle des Motorrads nicht nur im schlechten Hollywood-Film: böse, laut, chaotisch, aggressiv. Aber Saarbrücken war nicht Kino, sondern live. Und da hatte das Motorrad große Probleme, der ihm zugedachten Rolle gerecht zu werden. Weil es mittlerweile viel zu gut ist: »Nein, nein«, schreit Dirigent Katkus. Er fuchtelt rum, hüpft auf und ab, dass ihm sein Handy aus der Hemdtasche fliegt. »Ich muss die mit den schlechten Motoren haben, mit den lauten. Zu müde ist die Maschine, das geht nicht.« Und schickt die CBF zurück ins Glied. Sie wird ersetzt von einer Suzuki VS 1400.
Katkus sei ob der Vornehmheit der Motorräder hierzulande doch etwas sehr irritiert gewesen, kommentiert nach der Probe Intendant Leonardy. Der Dirigent sei aus seiner Heimat Litauen ganz andere Motorengeräusche gewöhnt, habe deshalb bei der Inszenierung seiner Sinfonie allein auf den Sound der Maschine gesetzt. »Die Idee mit der Musik kam von uns«, fährt Leonardy fort. Die hat Christoph Mudrich auf die Schnelle eigens komponiert. Mit melodischen Anleihen beim norwegischen Komponisten Edvard Grieg hat er ein Stück für seine Jazzband geschrieben: »The Final Truth About the Biker and the Blues«. Also: die letzte Wahrheit über den Motorradfahrer und den Blues.
Ginge es nach der Saarbrücker Inszenierung, sähe die ungefähr so aus: Die Motorradfahrer hatten Probleme, sich akustisch gegen das Rauschen auf der angrenzenden, vierspurigen Straße zu behaupten, ebenso wie gegen das elektrisch verstärkte Jazz-Ensemble. Sie hatten außerdem ein paar Schwierigkeiten damit, den richtigen Takt, den richtigen Rhythmus zu finden und zu halten. Vielleicht war das ein bisschen zu viel verlangt, nach nur einer Probe gleich eine ganze Sinfonie zu intonieren und dabei überdies nach einer vorgegebenen Choreografie zu fahren, gleichsam zu tanzen. Da muss ja die Wahrheit auf der Strecke bleiben, und die letzte allemal.
Die Choreografie hat sich der Dirigent schön aus- und aufgemalt. Er gibt sich alle Mühe, den etwa 25 Motorradfahrern (und -fahrerinnen!) zu vermitteln, wer wann wie wo lang fahren soll. Doch die Ausführungen geraten ziemlich wirr, freilich nur ein Sprachproblem. Die Saarländer kommen mit dem Deutsch des Litauers nicht ganz klar. Deshalb versucht sich derjenige, der später einer Gruppe vorausfahren soll, ein Fahrlehrer, als Übersetzer: »Wenn er zeigt, farschdu auße umihnerum.« Das war gerichtet an den Anführer der zweiten Gruppe. Er nickt, es geht los.
Nachdem alle zusammen einige Runden auf dem Tifliser Platz vor dem Theater gedreht haben, trennt man sich. Es umkreist dann die eine Gruppe die andere wie in einem Strudel, die einen links-, die an-deren rechtsherum. Nach mehreren Ründlein findet man sich wieder zusammen, kreist in Zweierreihen übers Pflaster, um sich schließlich in zwei Reihen aufzustellen. Wie bei einem Tanzabend fast, wo sich nach ein paar Bieren oder Piccolos ja auch eine zwanglose Choreographie findet, ohne dass man sich sklavisch einer bestimmten Schrittfolge unterwirft. Es hat was von einer Polonaise, nur ohne Anfassen, der Ringelpietz. Melodisch gefällig, beschwingt und leicht die Musik, erinnerte die Szene an eine »Reise nach Jerusalem«. Man wartet, dass die Musik plötzlich stoppt, einer umfällt, und der scheidet dann aus. Was stattdessen wirklich passiert, ist mindestens genau so plausibel: Alle schlafen ein.
Nicht das Publikum. Das beschäftigt sich intensiv mit dem Gebotenen. »Aus, den Lärm!« ruft einer rein, und ein Kind fragt: »Papa, was machen die da?«
Der Papa zieht die Schultern hoch, und wie schon die Frage beweist diese Form der Antwort Sachverstand. Zumindest liegt der Zuschauer mit dem Intendanten der ganzen Sache auf einer Linie. »Ich muss ehrlich sagen, ich verstehe die Inszenierung auch nicht ganz, sie bereitet mir ein paar Kopfschmerzen«, meint Leonardy, »eine gewisse Logik muss ja sein.« Das Problem ist nur: Es gab nicht nur eine Logik, sondern deren zwei. Die erste die des Dirigenten. Der zwei rivalisierende Motorradgruppen im Sinn hatte. Aufeinander losgehen sollten die, um die dem Himmel entstiegene »Bikerbraut« konkurrieren. Deshalb ja sollte die eine Gruppe die andere umkreisen, deshalb sollten sie sich in zwei Reihen aufstellen, deshalb sollte jede Gruppe einen Vertreter nach vorn schicken, der den Konflikt stellvertretend auszutragen hätte. Mit ordentlich Gasgeben eben.
Die zweite Logik ist die des Intendanten, der den Hauptwiderspruch nicht zwischen zwei Motorradgangs sehen wollte, sondern zwischen der Technik (das Motorrad) und der Kunst. Dem Intendanten wäre es daher Recht gewesen, die Motorräder nach Stimmlage einzuteilen. Er habe sich sogar jedes einzelne Motorrad angehört, sagt Leonardy. »Ich habe jedes Motorrad laufen lassen, in der ersten Dimension, im Leerlauf, wie auch in der höchsten Erregung bei Vollgas, um festzustellen, was für Farben, also klangliche Farben, die Maschine hat. Ich habe dann gesagt, Sie sind Tenor, Sie Bass, und Sie sind erster Bass, und Sie sind zweiter Tenor. War schon ein Männerchor, den ich darstellen wollte.«
Umso befremdeter zeigte sich der Festspielleiter, als er feststellen musste, dass der Dirigent so ganz andere Vorstellungen hatte. Die erschlossen sich Leonardy nicht auf Anhieb, so wie umgekehrt das Ansinnen Leonardys Dirigent Katkus fremd blieb. Zunächst zumindest. Dazu kamen praktische Misslichkeiten. Eigentlich wollte sich Katkus als Sieger der ganzen Auseinandersetzung von der Motorradbraut ins Elysium, eine paradiesische Himmelswelt, entführen lassen. Doch die Motorradbraut fuhr Suzuki DR-Z 400 SM, und deren Soziusplatz kam Katkus zu schmal beziehungsweise er für den Rücksitz zu breit. Also entschied er sich, der Lockigen zum Finale hinterherzurennen. Possierlich sah das aus.
Dennoch: Besser wäre, er ließe das beim nächsten Mal bleiben. Nicht die Motorradsinfonie überhaupt, aber so manchen Einfall, die Aufführung interessanter zu gestalten. Beispielsweise, dass die Motorräder zu fahren hatten. Nichts gegen fahrende Motorräder, auf dem Theatervorplatz jedoch konnten sie nur im Schritttempo umherschleichen. Den Sound dazu kann man sich vorstellen. Hören nicht. Außerdem reichte es nicht aus, Musik nur für das Orchester komponieren zu lassen. Auch die Maschinen hätten eine Partitur nötig gehabt, Notenblätter für das motorische Orchester. Das nicht wirklich ein Klangkörper war. Trafen sich doch die Fahrer in dieser Form zum ersten Mal bei der einzigen Probe einen Tag vor der Uraufführung. Sicher wäre es dem Klang auch zugute gekommen, hätte man dieses »Orchester« sich nicht selbst bunt zusammenwürfeln lassen. Wer Lust hatte, durfte kommen, durfte mitmachen, stimmliches Talent des Untersatzes letztlich ziemlich egal.
Dennoch: In einigen Passagen der Auführung war zu hören, dass das Motorrad weit mehr ist als ein Vehikel. Als etwa gemeinsam mit der Band die Maschinen sich im Dreivierteltakt zu einem Walzer fanden, Gasstoß auf die eins, Hupe auf zwei und drei. Brumm, tüüt, tüüt, brumm, tüüt, tütt. Oder als sie, gegen die Band, hochdrehten, ein Crescendo, immer lauter, immer höher drehend, ein anschwellender Bockgesang.
Das stelle man sich dann mal in ausgewählter Besetzung vor. Mit Königswellen-Ducati, dazu eine alte Guzzi mit Lafranconi-Rohren, als weiterer Zweizylinder natürlich eine Shovelhead-Harley. Die hätten es zu tun mit einem Zweitaktduo aus Yamaha RD 500 und Kawasaki Mach III. Das dann untermalt von sechszylindrigen Honda-Rennmaschinen aus den 60er Jahren. Eine Norton Manx würde im Gleichklang mit betagtem BMW-Einzylinder bollern, abgerundet das Spektrum von Honda CB 750, Kawasaki Z1 und Suzuki GSX-R 1100. Und das alles dürfte natürlich nicht vor dem Theater stattfinden, sondern drin. Das wäre ein sinnliches Erlebnis, das keiner weiteren Erklärungen bedürfte.
So könnten klassische Motorräder der klassischen Musik einen Dienst erweisen. Sein Lebensziel nämlich sei es, führt Robert Leonardy aus, mehr Menschen für anspruchsvolle Musik zu gewinnen, mehr jedenfalls als die drei Prozent der Bevölkerung, die momentan auf »Klassik« stehen. »Sei es durch einen Schrei-Chor, finnischen Tango oder eben eine Motorrad-Sinfonie.« Einer Idee des Meisters folgend, hat man im Saarland die Klingeln an den Schulen abgeschafft. Zur Pause ruft »klassische Musik, von den Beatles bis Vivaldi«. Wäre doch schön, es kämen demnächst die Klänge von Kreidler Florett bis Triumph Rocket III dazu.

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