Motorrad und Lebensqualität (Archivversion) »Wir hätten gerne mehr Motorradfahrer hier bei uns“

Ein paar Gemeinden im Donaubergland wollen, dass es ihren Bürgern besser geht. Deshalb sollen mehr Motorradfahrer in die Region kommen.

Ein ganz bekannter Harley-Fahrer und Schauspieler wäre gerne gekommen, hat er gesagt. Aber die Gagenvorstellung von Wolfgang Fierek hätte den gesamten Fest-Etat gesprengt. Peter Maffay hätte es umsonst gemacht, doch dem seien Termine dazwischengekommen. Das erzählt Norbert Zerr, der Bürgermeister von Irndorf. Er hatte sich ursprünglich mal vorgestellt, die Prominenz als Zugpferd für »ein Motorrad-Event« zu gewinnen. Und dieses »Event« wiederum hatte mit Rockkonzert und Party, Ausfahrten und Motorrad-Gottesdienst selbst ein Zugpferd sein sollen, um mehr Motorradfahrer für die Region zu interessieren. Die fahren zwar in Massen unten im Donautal, doch die Gemeinden im Umland bekommen davon wenig mit und zu wenig ab. Das finden zumindest die Bürgermeister von Bärenthal, Buchheim, Irndorf und Schwenningen.
»Wir haben es nicht so selbstbewusst gezeigt«, gesteht Bärenthals Bürgermeister Roland Ströbele ein, »aber wir haben doch ein großes Kapital, die schöne Natur und Landschaft.« Dieses Kapital rentiert sich allerdings nicht richtig, weil die Region touristisch kaum erschlossen ist. Auch ohne auf Fremdenverkehr zu setzen, hatte man bislang sein Auskommen. »An Arbeits­plätzen fehlt es in der Gegend nicht«, sagt Ströbele. Vielleicht jedoch bald an anderem: »An Lebensqualität.«
Da muss die Kneipe zumachen, weil im Dorf kaum einer mehr ausgeht. Da kann Tante Emma sich nicht halten, weil die Eier im Supermarkt acht Cent billiger sind. Da lässt sich der gestauchte Fuß erst in der Kreisstadt dem Onkel Doktor unter die Nase halten. Das will man verhindern. Dabei soll auch der Motorradfahrer helfen. Wanderern hat man Wege erschlossen, Jakobs-Pilgern Pfade ausgeschildert, Radfahrern Touren ausgearbeitet. »Wir müssen«, erkennt Ströbele, »den Menschen, die zu uns kommen, etwas bieten. Und zu den Menschen«, erkennt Ströbele weiter, »zählt auch der Motorradfahrer.«
Erkenntnisfördernd war dabei sicherlich, dass Kollege Norbert Zerr selbst begeisterter Motorradfahrer ist. Er fährt mit seiner R 1150 GS ins Bürgermeisteramt, und »wenn ich mal in Stuttgart im Landtag zu tun habe, nehme ich auch die BMW und ziehe mich in der Tiefgarage um. Im Sommer«, sagt der ehemalige Polizeihaupt-kom­missar, »bin ich mit meiner Truppe und meinen Söhnen in Südtirol. Und wir lassen da eine Menge Geld liegen. In Südtirol, die haben das voll kapiert«. Im Donaubergland arbeitet man daran. Und zwar mit Hilfe der Europäischen Union (siehe Kasten).
Deren Gelder fließen nicht in konkrete Investitionen wie etwa Motorradstellplätze neben der kürzlich in Gnadenweiler ein­geweihten Wallfahrtskapelle »Maria Mutter Europas«, sondern in »bewusstseinsbildende Maßnahmen«, erklärt Pius Widmer, Ex-Bürgermeister. Und führt weiter aus, man sei ein Teil von »so etwas wie einer Denkfabrik«. Deren Ideen sollen die Lebensqualität im ländlichen Raum heben. Darunter versteht Ströbele »eine neue bürgerliche Gestaltungsmentalität«. Er lässt sich aus über den »aktiven, heimatverbundenen Bürger«, der sich »solidarisch mit den heimischen Dienstleistern« zeigt. So zu­mindest klingt das im Jargon der Politik. Dahinter versteckt sich ein handfestes Interesse: »Wir sind kein Kaff, wir sind ein Dorf.«
Den Unterschied macht, darin sind sich alle einig, der Gemeinschaftssinn. Der kann sich zum Beispiel äußern, indem Frauen aus den Gemeinden sich zusammentun, um einen privaten Pflegedienst zu leisten. Oder darin, dass man, wie in Irndorf, ein Wanderheim in Gemeinschaftsarbeit auf Vordermann bringt. Oder man appelliert an die Dorfgemeinschaft, bei Tante Emma zu kaufen und sich zum Bier doch in Ochsen, Linde oder Lamm zu hocken.
Nun ist es aber in kleinen Gemeinden mit kaum 1000 Einwohnern so, dass alle aktiven Bürger im Dorfladen nicht genug kaufen und in der Kneipe nicht genug konsumieren, damit Emma und Ochsen sich gut halten können. Also müssen andere Leute her. Gäste, die die Idylle, die Ruhe schätzen. Sogar wenn die mit dem Motorrad kommen. Denn in den Gemeinden – dazu zählt als fünfte Beuron im Donautal – möchte man den Motorradfahrer gerne als sanften Touristen begrüßen. Das ist durchaus bemerkenswert, denn nicht selten wird der Motorradfahrer eher als Ruhe und Idylle störend empfunden. Diese Linie will man im Donaubergland nicht fahren. Dort ist man sich sicher, dass es zwischen Motorradfahrern, Pilgern, Pilzsuchern, Wanderern und Vogelfreunden durchaus ein gutes Auskommen geben kann.
Falls sich denn alle an die Regeln halten. »Konflikte bringen nicht die Motorradfahrer. Die haben Sie doch überall, wenn sich zum Beispiel Mountainbiker und Reiter im Wald begegnen.«
Nicht alle sehen das so. Die regionale Zeitung etwa druckt Leserbriefe, in denen es darum geht, dass »der Motorradfahrer« schlichtweg nicht in diese schöne Landschaft passe und dass es nicht angebracht sei, so welche auch noch extra anzulocken. Und als Bürgermeister Zerr sich in der Schweiz hat blitzen lassen, mit 37 km/h zu viel, da stand ein politischer Eklat schon kurz vor der Irndorfer Rathaustür.
Was auch die Befürworter des Motorradtourismus eingestehen: dass sich manche Motorradfahrer aufführen wie die Axt im Walde und dass das Problem umso mehr zutage trete, je stärker sie in Massen einfielen. Massentourismus wünscht man sich allerdings ohnehin nicht. »Mit jeder Konzentration«, sagt Pius Widmer, »ist das so, dass sie Probleme mit sich bringt. Aber wir können doch gerade dafür sorgen, dass nicht alle immer dieselben Strecken fahren, dass sich das entflicht und auf eine größere Region verteilt.«
Dazu haben die Motorradfreunde Bärenthal schon drei Touren zusammengestellt, eine über die Schwäbische Alb, eine Richtung Bodensee und eine um die Donau rum, alle von Bärenthal aus startend. Dort kann man anschließend vor oder im Ochsen zusammenhocken und, wenn es denn was wird mit der Lebensqualität, die auch die Motorradfahrer bringen sollen, bald wieder in dem Hotel nächtigen, das an der Bära seit 20 Jahren leer steht.

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