Nachruf MOTORRAD-Verleger Paul Pietsch gestorben

Paul Pietsch, der langjährige Verleger von MOTORRAD und Gründer der Motor Presse Stuttgart, ist am 31. Mai 2012 nur wenige Wochen vor seinem 101. Geburtstag im Kreise seiner Familie verstorben. Die Redaktion MOTORRAD trauert um Paul Pietsch und empfindet tiefes Mitgefühl mit der Familie und allen Angehörigen. Mit dem folgenden Porträt zu Pietschs 100. Geburtstag möchten wir noch einmal an einen großen Verleger erinnern, für den zu arbeiten wir auch immer ein wenig stolz waren.

Foto: Motorbuch Verlag

Ohne ihn würde es MOTORRAD und viele andere Zeitschriften und Medien in der heutigen Form nicht geben. Paul Pietsch war ein Mann mit Ehrgeiz, Visionen und viel gutem, aber auch eisernem Willen.

Hätte es die modernen Massenmedien damals schon gegeben, jedes Kind hätte den Namen Paul Pietsch genauso gekannt, wie es heute Sebastian Vettel, Nick Heidfeld und die Schumachers kennt. Aber dem war nicht so. Denn zur Entstehung der Massenmedien sollte Paul Pietsch erst selbst mit beitragen. Als Verleger. So hob er, neben Deutschlands erster Autozeitschrift, nach dem Zweiten Weltkrieg MOTORRAD, damals mit dem "Das" davor, aus der Taufe. Oder besser aus den Trümmern. Denn den Titel hatte es bereits seit 1903 gegeben. 1943 war das Blatt in den Kriegswirren eingestellt worden. Im August 1949 wagte der damals 38-jährige Schwarzwälder die Wiedergeburt von MOTORRAD. Nicht, weil er selber leidenschaftlicher Motorradfahrer gewesen wäre. Sondern weil er fest daran glaubte. Und der feste Glaube an Möglichkeiten im Leben und an Erfolg hatte ihn schon vorher nicht getrogen.

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Foto: Archiv

Wäre es nach der Mutter gegangen, wäre ihr Paul Bierbrauer geworden. Er hätte das Vermächtnis des Vaters, eines Freiburger Braumeisters, der bei Neustadt im südlichen Schwarzwald eine Brauerei gepachtet hatte, fortgeführt. Um am Wochenende vom Internat in Baden-Baden heim nach Neustadt zu kommen, bekam der Junge erst ein Moped, einen DKW-Nachbau, dann mit 16 ein Motorrad, eine Wanderer. Irgendwo auf der Strecke von oder zur Schule muss es in dem liegenden 200-Kubik-Einzylinder die Initialzündung für eine lebenslange Leidenschaft gegeben haben: Motoren, Tempo, Rennen fahren. Denn die gut 80 km/h schnelle Wanderer war dem Jungen bald zu langsam. Eine Neuman-Neander löste sie ab. In ihren von Opel gebauten Profilrahmen ließen sich Motoren des britischen Herstellers JAP verbauen. Paul Pietsch startete mit dem kleinsten. Dass es bei dem 350er-Einzylinder nicht bleiben sollte, ist aus heutiger Sicht schon fast zwingend. Es folgten ein 500er- und schließlich der 1000er-Motor. Womit der, wie er sich selber noch erinnert, damals bestenfalls 50 Kilo kräftige junge Mann hoffnungslos überfordert war: "Die Maschine war viel zu schwer für mich." Noch mehr Leistung war also nur noch auf vier Rädern realistisch. Doch vom DKW - der Wagen ist Geschenk seiner Mutter, die Angst um ihren tempo-närrischen Sohn hat - ist er enttäuscht.

Der Zweizylinder hat gerade mal 30 PS.Es muss in seinen Jahren auf der Handelsschule in Calw gewesen sein, wo Paul Pietsch die Grundzüge des Unternehmertums erlernt und sein Diplom macht, dass er als 18-Jähriger beginnt, seinen eigenen Willen durchzusetzen. Zu allererst gegen die Mutter. Der Sohn verwirft ihren Wunsch, wonach er als Bierbrauer in die Fußstapfen des Vaters treten soll. Stattdessen entwickelt er seinen eigenen kühnen Plan: Er will Rennfahrer werden. Was naiv klingt, aber zum stur verfolgten Ziel wird. Der frühe Tod des Vaters 1925 - als 14-Jähriger wird Paul Halbwaise - birgt für ihn die Chance, diesen Plan zu realisieren. Mit 20 kauft er sich von seinem Erbe einen gebrauchten Bugatti 35B. Der Rennwagen ist ein weißes, brüllendes, kaum zu zügelndes Monster mit 2,3 Liter-Achtzylinder, kompressorgeladen - genau nach seinem Geschmack.

Noch im selben Jahr, 1932, startet Paul Pietsch mit dem Auto sein erstes offizielles Rennen - und fällt in Führung liegend kurz vor dem Ziel mit Spritmangel aus. Es folgen Siege, Rückschläge, gefährliche Überschläge, andere, bessere, schnellere Autos, internationale Rennen, Verträge als Werksfahrer, erst bei der Auto Union, dann bei Maserati, kurz, die Profikarriere, die sich der Junge gewünscht und der Mann durch Unbeirrbarkeit und sture Zielstrebigkeit erfüllt hat. Stoppen kann ihn erst der Kriegsausbruch 1939.

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Foto: Archiv

Paul Pietsch muss als Soldat nach Russland. Er überlebt das Inferno und kehrt 1946 aus zuerst amerikanischer, dann französischer Gefangenschaft wieder heim. Was er noch hat, sind sein Wille, seine Zähigkeit, seine Erfahrung mit Autos. Er will wieder fahren. Doch von Grand-Prix-Rennen sind die Deutschen noch Lichtjahre entfernt. Jetzt ist Aufbauarbeit gefragt. Gemeinsam mit seinem früheren Rennsport-Spezl Ernst Troeltsch und dem Ölhändler Josef Hummel entwickelt Pietsch einen neuen kühnen Plan: eine Autozeitschrift. Aber der französische Presseoffizier, von Baden-Baden aus verantwortlich für die Lizenzierung der ersten demokratischen deutschen Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunksender in der französischen Zone, lacht zunächst bloß. Pietsch bleibt stur: "Wenn die mich zum Vordereingang rausgeschickt haben, bin ich zum Hintereingang wieder rein." So viel Hartnäckigkeit und die Tatsache, dass die ehemaligen Motorsportler nachweisen konnten, die Nazizeit politisch unbelastet überstanden zu haben, führt schließlich zum Erfolg. Im Dezember 1946 erscheint in Freiburg unter einer Lizenz der französischen Besatzungsmacht "Das Auto". Und damit ist Paul Pietsch wieder im Rennen. Einem wirtschaftlichen dieses Mal. Denn schon bald sollte dem "Auto" Konkurrenz erwachsen: "Motor und Sport" drängt auf den Markt. Doch durch geschickte Verhandlungen schaffen es Pietsch und Troeltsch, den Mitbewerber aus Würzburg ins Boot zu holen und die beiden Titel zu vereinen. Auf diese Weise entsteht später "auto motor und sport".

Der Erfolg der Anfangsjahre überrollt die Jungverleger. Von "Das Auto" wird gedruckt, was der knappe Markt an Papier hergibt. 1949 kommt "Das MOTORRAD" dazu. 1950 zieht der Verlag aus seiner längst zu kleinen Keimzelle, der Freiburger Holzbaracke, um nach Stuttgart. Dort leitet Paul Pietsch das Unternehmen fast drei Jahrzehnte lang. 1977 zieht er sich aus dem Tagesgeschäft dahin zurück, wo mit dem DKW-Moped einst alles begonnen hatte: aufs Familienanwesen im südlichen Schwarzwald. Am 20. Juni 2011 feierte er im großen Kreis seinen 100. Geburtstag.

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