Motorradfahren und ein Bedürfnis (Archivversion) Drucksache

Ohne ordentlich Druck ist beim Motorradfahren alles nichts. Aber ordentlich Druck kann einem die Sache auch gehörig versauen. Wenn es sich beim Druck um den der Blase handelt.

Ganz entspannt draufsitzen und es locker laufen lassen. Doch das weiß ja eh jeder, dass man so am besten Motorrad fährt. Problematisch wird die Sache, wenn man’s mal laufen lassen muss,
aber nicht sofort kann, nicht sofort darf. Weil dann auch die Entspannung nicht wirklich vorhält. Klar ist, was einen verpflichtet einzuhalten, klar ist jedoch auch, was einen hindern mag anzuhalten.
Kein Baum, kein Strauch, keine Mauer, 30 Kilometer bis zur nächsten Raststätte, erst 30 Kilometer seit der letzten Rast, in 25 Minuten legt die Fähre ab, rechts geht’s 100 Meter rauf, links 200 runter. Und ganz oft Bequemlichkeit: der enge Einteiler aus Känguru unter der Regenpelle. Außerdem dieser blinde Glaube, der’s einen verheben lässt: Es geht schon noch, nur noch ein Kilometer, dann noch einer. Und wenn schon freie Natur, dann nicht diese. Man will zwar nicht gesehen werden, doch selbst was sehen. Und schließlich: Gruppenzwang.
Zwar ist es Brauch, gemeinsam zu trinken, weniger gebräuchlich allerdings, gemeinsam zu pinkeln, zumindest was
die Organisation des Geschäfts angeht. Da hilft wenig, dass die Medizin weiß, dass
es in etwa eine halbe Stunde dauert, bis
die Getränke die Blase erreichen, hilft es wenig zu wissen, dass ab einer Füllung von 300 Millilitern ein erstes Gefühl von bald mal müssen sich einstellt, das ab 600 Millilitern umschlägt in die reale Gefahr einer Spontanentladung. Denn Menschen funktionieren eben nicht wie die Motorräder, die sie fahren.
Was nichts daran ändert, dass simple Prinzipien sie plagen. Von denen eines besagt, dass Flüssigkeitszufuhr schlicht unabdingbar ist, der Konzentration, der Leistungsfähigkeit, des Wohlbefindens wegen. Und von denen ein anderes besagt, dass Flüssigkeitsabfuhr schlicht unabdingbar ist, der Konzentration, der Leistungsfähigkeit, des Wohlbefindens wegen.
Diesem Unabdingbaren stellen sich freilich oft genug, siehe oben, die Bedingungen entgegen. Die Scham, die Peinlichkeit etwa, als Besitzer einer Konfirmandenblase belächelt zu werden. Andererseits birgt das Einnässen ebenfalls ein gewisses Risiko, weil es, ab einem gewissen Alter, nicht unbedingt den Konventionen unserer Gesellschaft entspricht.
Nun ist es aber unabdingbar, viel zu trinken. Woraus folgt, was folgen muss: das Müssen. Woraus wiederum folgt, dass es zu sozialen Konflikten kommen kann: »Der schon wieder, so kommen wir nie nach Italien.« Weswegen es sich empfiehlt, das Muss mit der Aura des Wollens, des Beliebens zu umfloren.
Anders gesagt, alles halb so wild, wenn man gute Ausreden parat hat. Ausrede könnte sein, man habe gedacht, das sei ein türkischer Pavillon. Allen Ernstes macht man sich damit nicht zum August, sondern laisser-fährt gemäß der Pinkeletikette des deutschen Hochadels. Allerdings könnte es auffallen, wenn jede
zweite Hütte am Straßenrand sich als
türkischer Pavillon erweist. Und außer-
dem sollte man dann, der Respektabilität des außerplanmäßigen Stopps wegen, außer MOTORRAD obendrein Gala oder Bunte abonnieren.
Besser dran mit Ausreden ist man als Freund der Botanik, was einem erlaubt,
allzeit und fast überall äußerst rares Grün
zu entdecken, das ein sofortiges Anhalten rechtfertigt: »Schaut ihn euch an, solange es ihn noch gibt, den wechselblütigen, doppelkelchigen Wolfswurz, den hat die UNESCO auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Pflanzen ganz oben stehen, kommt seltener als eine Bimota Tesi vor.« Eine hochexotische Entdeckung, die man begießen sollte. Dass es sich bei der eigentlich nur um einen gemeinen Knöterich handelt, merkt eh keiner.
Auch Raucher haben’s gut. Der
Konsum von Tabak gilt zwar als Sucht, doch wird in weiten Kreisen der Gesellschaft, Motorradfahrerkreise machen hier keine Ausnahme, häufiges und öffentliches
Rauchen nach wie vor eher toleriert als häufiges öffentliches Wasserlassen.
Das schlagkräftigste Argument hat man freilich mit der richtigen Maschine am Start. Mit einem defektanfälligen Exoten zum Beispiel. So wie alte Harleys. Beim Suchen nach den Teilen, die sie abgeschüttelt haben, kann man sich leichthin mal verpissen. Oder mit einer typischen Mühle für Müsser. Eine wie Suzukis Intruder C 1500: Tankinhalt 14 Liter, Verbrauch 8,5 Liter. Ideal, wenn da nicht die allzu entspannte Sitzhaltung wäre. Denn tendenziell gilt: Je stärker gefaltet, desto besser verkniffen. In absehbare Bedrängnis bringen einen Maschinen wie die Yamaha FJR 1300 oder die KTM 640 LC4 Adventure, kaum mehr als fünf Liter auf 100 Kilometer und dicke 25 Liter im Fass.
Da das Durchschnittsalter der Motorradfahrer steigt, mithin die gern verschwiegenen Prostataprobleme zu einem immer dringlicheren Thema werden und damit die außerplanmäßigen Stopps sich häufen, müsste, naturgemäß und identischer Zeitaufwand fürs Motorrad angenommen, auch die durchschnittliche Kilometerleistung pro Jahr sinken. Die Statistik bestätigt diese Vermutung.
Zu den wesentlichen Unterschieden zwischen Mann und Frau zählt ohne
Zweifel, dass Frauen von der Evolution benachteiligt wurden. Was sich etwa darin ausdrückt, dass Männer besser gegenhalten können (siehe Interview). Auch wenn sie das nicht mal müssten, weil sie öfter könnten – gegen Baum, Mauer, Strauch. Frauen dagegen haben, was sich leichthin aus ihrer Anatomie erklärt, einen ausgeprägteren Schutzbedarf.
Es spricht also für gute Manieren und Einfühlungsvermögen in das Weibliche, wenn der Motorradfahrer mit Sozia oder in Begleitung einer Selbstfahrerin nicht nur beim Fahren, sondern auch bei Anhalten darauf eingeht, wie es bei der Frau am besten läuft. Ganz entspannt hinsitzen nämlich und laufen lassen.

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