Motorradfilm (Archivversion)

Die schnellste Indian

Anthony Hopkins spielt den Neuseeländer Burt Munro, der mit seiner Uralt-Indian aus dem Jahr 1920 Geschwindigkeitsrekorde brach. Eine verrückte, aber eine wahre Geschichte. Die Regisseur Donaldson stimmungsvoll erzählt. Denn Burt Munro war sein Freund.

Mitunter verraten deutsche Filmtitel eine ganze Menge darüber, wie
der Verleiher das Publikum einschätzt. Für ganz schön blöd nämlich. An eine Übersetzung des Originaltitels »The World’s Fastest Indian« sei gar nicht erst zu denken gewesen, weil der Besucher dann ja einen Western erwarten könnte. »Die schnellste Indian der Welt« – einfach zu kompliziert für den durchschnittlichen Kinogänger. Statt dessen »Mit Herz und Hand«. Depperter geht’s nun wirklich nicht.
Das hat dieser Film nicht verdient. Auch nicht, dass es ihn, bevor er am
5. Oktober in die Kinos kommt, schon seit Monaten auf DVD zu leihen oder zu kaufen gibt. Mit diesem Prozedere schädigt
man nicht nur die Lichtspieltheater, damit
beraubt man das Produkt seines großen Auftritts – der Premiere eben. Außerdem gelten Filme, die zuerst oder nur auf DVD erscheinen, als zweitklassige Produkte. Zu Recht meistens.
Auch das hat dieser Film nicht verdient. Der eine wahre Geschichte erzählt, die Geschichte des Neuseeländers Burt Munro und seiner Indian Scout. Die er nicht liebt, natürlich. Weil es ein weit
verbreiteter Irrtum ist zu glauben, Menschen, die jahrelang an ihren Maschinen herumschrauben, würden diese besonders schätzen. Sie schätzen sie in etwa so
wie ein Ehemann, der dauernd an seiner Frau herumnörgelt, ihr dies an-, jenes
abgewöhnen möchte. Das eine nennt man Ehekrieg, das andere Tuning. Auf eine Optimierung soll beides hinauslaufen. Klappt aber nur in einem Fall.
Weswegen Burt Monro getrost als glücklicher Mensch angesehen und dann auch gezeigt werden kann. Wobei es Burt gleich zweimal gibt, zumindest für den neuseeländischen Regisseur Roger Donaldson. Der kannte den historischen Burt bestens, hat 1972 einen Dokumentarfilm über dessen Ausflug nach Amerika gedreht (siehe Interview). Zehn Jahre, nachdem
er stattgefunden hatte, dieser Ausflug.
Damals, 1962, als Burt wissen wollte, wie schnell seine Scout nun wirklich ist und er Hab und Gut verkaufte, um sein Motorrad in die Staaten zu schaffen, an den Großen Salzsee in Utah, nach Bonneville. Und dort geschah dann, was geschehen musste:
Er fuhr Rekorde, die bis heute gelten.
Weswegen es Burt nun noch mal gibt. In Gestalt von Sir Anthony Hopkins.
Der Sir, allseits bekannt seit »Das Schweigen der Lämmer«, fährt nicht Motorrad, wohl aber Regisseur Donaldson. Und der lernte Munro kennen, weil der als
Motorradfreak galt und im Süden Neu-
seelands in der Szene bekannt war wie
der redensartliche bunte Hund. Da Freaks, Verrückte, Monomane nun mal an sich
haben, dass sie sich auf eine einzige
Sache kaprizieren, liegen Kritiker richtig schief, die »The World’s Fastest Indian« ankreiden, dass Munro sich während der zwei Stunden, die der Streifen prächtig sich hinzieht, gar nicht verändern wolle. Sie liegen so schief wie die Kritiker der Hähne, die dem Vogelvieh vorwerfen, jeden Morgen stur zu krähen. Statt mal ein munteres Liedchen zu trällern.
Munro, und das bringt Donaldson in stimmungsvollen Bildern rüber, gehört zu den netten, den sympathischen Käuzen. Zu den überaus menschlichen, weil sie ihre Besessenheit – die sie so unmenschlich erscheinen lässt – allein aufs Maschinelle, das Mechanische übertragen.
Kalkül und Finesse, Berechnung und Stolz – das sind Eigenschaften, die Munro beim Schrauben auslebt, seinem Ziel, der schnellste Indian-Fahrer der Welt zu werden. Als er es dann ist, verzichtet er auf jedwede Jubelpose, packt seine Sachen, fährt zurück nach Neuseeland und richtet sich in einer Wohngarage heimelig ein.
So ein Typ fällt in den USA auf. Deshalb greift der Neuseeländer Donaldson
ab und an voll in die Klischeekiste, um den Amis einen Zerrspiegel vorzuhalten. Zwar erinnern nicht wenige dieser Figuren, die Munros Weg gen Bonneville kreuzen, an Karikaturen, die transsexuelle Tina etwa, die allein in der Wüste haust. Stört aber nicht, zumal Munro zwei, der überragende Anthony Hopkins, sowieso alle Kollegen
an die Wand spielt. Das könnte man
kritisieren, natürlich, lohnt allerdings nicht. Weil genau das bezweckt war. Denn wer einen außergewöhnlichen Menschen in den Mittelpunkt eines Film stellt, braucht mitunter ein durchschnittliches Drumherum. Wobei das so durchschnittlich gar nicht ist. Denn die Messlatte liegt dank Hopkins nun mal ganz oben.

Mit Herz und Hand (Neuseeland/USA, 2005), Buch und Regie: Roger Donaldson; Haupt-darsteller: Anthony Hopkins, Diane Ladd, Paul Rodriguez, Annie Whittle; Kinostart in Deutschland: 5. Oktober 2006.
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Interview mit Regisseur Roger Donaldson (Archivversion) - »Das Glas
immer halb voll,
nie halb leer“

Autor Peter Dickmeyer
traf Regisseur Roger
Donaldson (Foto) zum
Interview in Berlin.
Der gebürtige Australier
hat in Hollywood einige Blockbuster gedreht.
Unter anderem »Bounty«.
Wann sind Sie Burt Munro zum ersten Mal begegnet?
Ich lernte Burt kennen, weil mein Freund Mike Smith und ich verrückt nach Motorrädern waren. Wir hörten von diesem alten Kerl irgendwo da unten in Invercargill. Der sollte mit seinem Motorrad
angeblich einen Geschwindigkeitsrekord halten. Wir nahmen Kontakt zu Burt auf, und er lud uns ein nach Invercargill. Er sagte: »Kommt einfach runter zu mir und guckt euch mein Motorrad an.« Und das haben wir uns nicht zweimal sagen lassen.
Wie hat Burt Sie empfangen?
Wir kamen gegen zehn Uhr am Abend dort an, und Burt war so erfreut uns zu sehen, dass er uns sofort sein
Motorrad vorführen wollte. Also rollte er seine Maschine in den Hof und ließ sie an. Es war unglaublich laut, ein Lärm, bei dem man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Im Haus der Nachbarn gingen
die Lichter an, und Leute begannen zu schreien und zu rufen. »Burt, du alter
Bastard, mach dein Motorrad aus!« So war Burt Munro.
Seit diesem Treffen wollte ich einen Film über ihn machen. Wir überredeten Burt, noch einmal mit uns in die USA zu fahren. Wir hatten ein gutes Argument: Wir bezahlten ihm die Überfahrt. Mike und ich machten uns also mit Burt auf den Weg. Ich erinnere mich, dass wir einen Ford Mustang als Leihwagen hatten, und Burt kaufte sich einen alten Chevy, der mindestens so schnell wie unser Mustang war.
Wir versuchten, seine Reise von Los
Angeles nach Bonneville zu filmen, indem wir mit einem Schnitt von hundert Meilen in der Stunde losfuhren, um einen Vorsprung zu gewinnen. Dann hielten wir an, hatten gerade die Kamera aufgestellt – und schon rauschte Burt an uns vorbei. Es war schon ein besonderes Road-Movie. Wir reisten also mit Burt in das amerikanische Geschwindigkeits-Eldorado Bonneville und drehten einen Dokumentarfilm, den wir 1973 ans neuseeländische Fernsehen verkauften. Wir nannten ihn »Offerings to the God of Speed« (Opfer für den Gott der Geschwindigkeit). Das waren
die Worte, die Burt mit Kreide an die Wand des alten Schuppens, in dem er lebte, geschrieben hatte.
Wie kam der Film an?
Gut, aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass er dem exzentrischen Neuseeländer nicht gerecht geworden war.
Er war ein unglaublich positiver Mensch, bei dem das Glas immer halb voll und nie halb leer war. Was mich faszinierte, als junger Kerl in den Zwanzigern, war, dass er, der in seinen Siebzigern war, das
Leben so unglaublich optimistisch sah. Er war eine Person, die in Erinnerung bleibt. Und als er 1978 starb, fiel meine Entscheidung, dass ich einen Film über ihn machen wollte, um diese für ihn typischen Qualitäten einzufangen. Ich dachte mir, wenn mir das gelingt, könnte das etwas Wertvolles sein. Und so begann ich 1979 das erste Skript zu schreiben. Es hat also ein Weilchen gedauert.
Wie haben Sie es geschafft, den Hollywood-Star Anthony Hopkins für das Projekt zu
begeistern?
Er war ebenfalls von Burts Lebenseinstellung beeindruckt und wollte, nachdem er immer wieder Psychopathen und Verklemmte gespielt hatte, mal wieder
einen positiven Charakter darstellen. Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass ich den Film wirklich machen würde. Ich hatte meinen Burt gefunden.
Und wie ließ es sich an, mit Anthony zu arbeiten?
Nun, ich hatte ja schon mal mit
Anthony gedreht, die »Bounty«, und kenne mittlerweile zwei Seiten von ihm. Nach
der »Bounty« wollten wir uns gegenseitig umbringen, nach »Fastest Indian« waren wir dicke Freunde. Und irgendwo dazwischen ist der echte Tony.
Ich weiß, dass er ein Profi ist. Er wird exakt zu dem Menschen, den er spielt. Wenn man sich »Offerings to the God of Speed« anschaut, sieht man, wie ähnlich sich die beiden sind.
Hat Hopkins bei den Motorradszenen selbst im Sattel gesessen?
Oh nein! Der Trick beim Film besteht darin, alles so aussehen zu lassen, als wäre das wirkliche Leben abgefilmt worden. In Wirklichkeit werden jedoch Aufnahmen mit Stuntleuten, die am Computer digital bearbeitet wurden, und echte Aufnahmen so geschnitten, dass es verdammt echt aussieht.
Aber gedreht haben Sie doch an Originalschauplätzen wie Bonneville?
Die Strecke, auf der gedreht wurde, und die, auf der neue Rekordversuche unternommen wurden, lagen gerade mal vier Meilen auseinander. Man konnte also immer schön beobachten, was nebenan so passierte. Allerdings musste man die Dreharbeiten auch hin und wieder unterbrechen, wenn am Horizont ein Wagen mit 400 Meilen pro Stunde und einem gigantischen Lärm vorbeirauschte. Das ließ sich aber nicht vermeiden, denn in den Salztonebenen von Bonneville kann man nur zu bestimmten Zeiten drehen.
Sie haben während der Speed Week aufgenommen?
Richtig, weil nur zu dieser Zeit die Infrastruktur, die wir brauchten, vorhanden ist: Um die Salzfläche zu präparieren,
die Autos, das ganze Personal, alles, was man halt so braucht, um das zu tun, was wir tun wollten. Wir mussten uns aber
beeilen, sonst hätten wir ein weiteres Jahr warten müssen – und dann hätte sich die Frage gestellt, ob Anthony zu diesem
Zeitpunkt frei gewesen wäre. Schließlich hat er jede Menge Angebote.
Also setzten wir alles auf eine Karte,
bauten die Motorräder, stellten die Crew zusammen. Mein Co-Produzent Gary und ich zahlten erst mal alles aus eigener
Tasche. Eigentlich ist das die klassische
Situation, vor der dich jeder warnt. Doch auf irgendeine Weise war es ganz und gar großartig, denn wir waren davon erfüllt, diesen Film endlich zu machen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass unser Glauben an das eigene Projekt die anderen gerade-
zu inspirierte – unsere Leidenschaft war ansteckend!
Wie schwer war es, eine Indian Twin Scout zu organisieren?
Wir haben drei Replikas von Grund auf neu bauen lassen. Das Original-Motorrad gehört einem Sammler in Neuseeland, der es uns freundlicherweise geliehen hat. Wir haben ein paar talentierte Motorrad-Konstrukteure daran gesetzt, die es uns nachgebaut haben.

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