Motorradmarkt 2003 (Archivversion)

Kraftakt

Während europäische und zwei amerikanische Motorradmarken gewaltig zulegten, lieferten sich BMW und Suzuki bei den Motorrad-Neuzulassungen 2003 ein spannendes Rennen. Was hat sich sonst im Motorradmarkt in Deutschland getan?

Früher war alles besser. Zumindest verkauften sich motorisierte Zweiräder in Deutschland wie warme Semmeln. Zweistellige Zuwachsraten zauberten zufrieden lächelnde Zweiradhändler. Um den ersten Platz in der Gunst der Käufer kabbelten sich die drei großen japanischen Hersteller Honda, Yamaha und Suzuki. Wobei meist Suzuki gewann.
Doch nichts bleibt, wie es war. Heutzutage seufzen die japanischen Importeursvertreter erleichtert, wenn das Minus nur knapp fünf Prozent beträgt. Aus dem Mund des Geschäftsführers beim Industrie-Verband Motorrad Deutschland (IVM), Reiner Brendicke, klingt das so: »Aufgrund der im Jahre 2003 vorgestellten Innovationen ist es den Motorradherstellern gelungen, den rückläufigen Trend im Vergleich zum Vorjahr zu halbieren.« Welch Trost. Seit dem letzten Hoch im Jahr 1999 schrumpften die Motorradverkäufe um mehr als 25 Prozent. Die Japaner verlieren deftig Marktanteile, während viele Italiener, Österreicher, Amerikaner und Deutsche auf der Straße des Erfolgs vorwärts brausen.
Allen voran BMW. Selbst Herbert Diess, Chef von BMW-Motorrad, zeigt sich verblüfft: »Wir wollen mit attraktiven Produkten profitabel wachsen. Wenn als Ergebnis dann noch die Marktführerschaft herauskommt, ist das eine schöne Bestätigung.« Völlig anders sieht das der Marketing-Chef von Suzuki. Bert Poensgen hält dage-
gen: »Wir sind nach wie vor Marktführer.« Stimmt. Aber nur, wenn neben Motorrädern noch Leichtkrafträder zählen. Kommen
Roller hinzu, führt Suzuki mit 31934 neuzugelassenen motorisierten Zweirädern knapp vor Honda mit 31675 Stück. Dagegen produziert BMW, nachdem der C1 eingestellt wurde, ausschließlich Motorräder und kann so 26987 Bikes über 125 cm3 vorweisen, 403 mehr als Suzuki. Eindeutig erster Platz.
Das räumt auch Bert Poensgen ein: »Ich gratuliere nach München. Allerdings hat BMW alle Register gezogen, um an
uns vorbeizugehen. Da wir tägliche Zulassungszahlen bekommen, haben wir das gesehen und hätten es verhindern können, aber es gab keinen Grund für uns, das mit einem finanziellen Aufwand zu machen.«
Fast jedes zweite im Dezember 2003 neu zugelassene Motorrad trägt das weißblaue Emblem. Das sind immerhin 1493 Stück. Zum Vergleich: Gerade mal 243 Yamaha, 266 Honda und 551 Suzuki wurden im gleichen Monat verkauft. »Einige unserer Wettbewerber haben in starkem Maße Fahrzeuge auf Tageszulassung angemeldet. Yamaha Motor Deutschland beteiligt sich nicht an solchen Aktionen, weil wir sie als kurzsichtig und ungesund für den Markt betrachten«, urteilt Karlheinz Vetter, Pressesprecher von Yamaha. Auch Jürgen Naue, Sales und Marketing Manager von Kawasaki kritisiert: »Andere Hersteller weisen im Einzelfall bis zu 40 Prozent Eigenzulassungen auf. Ich halte dies für Augenwischerei, die viel Geld kostet.« Doch BMW-Pressesprecher Jürgen Stoffregen bleibt standhaft: »Mit solchen Tricksereien wie Tageszulassungen arbeiten wir nicht. Wir haben im Dezember 1700 Motorräder an Endkunden ausgeliefert.«
Angela Bartholmae, Pressesprecherin des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA), definiert Kurzzulassungen so: »Das sind neu zugelassene Fahrzeuge, die innerhalb von 30 Tagen wieder stillgelegt werden.« Solche Kurzzulassungen gelten als probates Mittel, um Marktanteile zu steigern. Bei Pkw lag der Anteil der Kurz- unter den Neuzulassungen je nach Hersteller 2003 zwischen 0,9 (Opel) und 23,8 Prozent (Renault). Bei den Motorrädern wertet das KBA die Kurzzulassungen nicht aus. Leider.
So oder so hat sich BMW von 8,7 Prozent Marktanteil bei Motorrädern 1993 auf 19,5 Prozent 2003 hoch geschraubt. Herbert Diess: »Noch vor zehn Jahren konnte sich niemand eine solche Marktposition
für BMW vorstellen.« Ganz nebenbei überholten die Bayern wesentlich größere japanische Hersteller: Honda produziert jährlich mehr als acht Millionen motorisierte Zweiräder, ist in Europa die Nummer eins und weltweit Marktführer mit einem Anteil von rund 50 Prozent. Suzuki baut jährlich 1,66 Millionen Zweiräder mit Triebwerken, bei BMW in Berlin rollen knapp 93000
Bikes vom Band.
»Der deutsche Markt hat spezielle
Themen wie Kat und ABS, die seitens
der Japaner noch nicht voll abgedeckt werden«, sagt Jürgen Naue von Kawasaki. »Diese Trends existieren weltweit nicht,
so dass im Ausland kein Mensch Geld
dafür ausgeben würde.« Das wird sich
zumindest europaweit mit der Einführung einer neuen Emissionsnorm 2006 ändern. Die Weißblauen haben bei Sicherheits-
und Umwelttechnik die Nase vorn. Zudem unterscheiden sich BMW mit Boxer, Tele- und Paralever so sehr von anderen Motoren und Fahrwerken, dass sie unverwechselbar sind. Nicht zu vergessen der hohe
Gebrauchtwert, die Produktion nach Kundenwunsch und ein Schuss Patriotismus. »Heimische Hersteller spielen in ihren heimischen Märkten immer eine Sonderrolle«, betont der Managing Director von Ducati Motor Deutschland Andrea Buzzoni.
Während bei BMW die Sektkorken knallen, gilt für viele japanische Hersteller und deren Händler: Die Zeiten werden
härter. »Das Geld sitzt nicht mehr so locker, und Kaufentscheidungen werden reiflich überlegt«, sagt Yamaha-Pressesprecher Karlheinz Vetter. »Es werden weniger Motorräder verkauft, weil die Jugend ausbleibt, die jährliche Fahrleistung immer mehr abnimmt und die japanischen Motorräder einen so hohen Qualitätsstandard haben, dass die Zeit zwischen den Neukäufen deutlich gestiegen ist«, meint Jürgen Naue.
Für die Kaufzurückhaltung der Konsumenten führt Rainer Brendicke vom
IVM neben dem wirtschaftlichen Umfeld gar »schlechte Rentenprognosen« an. Dabei geht der Motorradfahrer im Schnitt auf die 40 Lenze zu – bis zur Rente dauert es noch Jahrzehnte. »Ich wage die Behauptung, dass die Motorradindustrie seit Jahren immer an dieselbe Kundschaft verkauft. Diese hat bereits eine Vielzahl japanischer Modelle gefahren«, sagt Patrick Porten von MV Agusta. Und die Biker wollen jetzt
mal was anderes. »Die nicht-asiatischen Hersteller sind keine Massenproduzenten und deshalb in der Lage, die zunehmend gefragten Nischen im Markt zu beset-
zen«, erklärt Andrea Buzzoni. Stichworte wie Emotionen, Markenprofil, Lebensge-
fühl und Exklusivität fallen häufig, wenn
es um kleinere Motorradmarken geht. Dieter Scholz, Leiter Vertrieb und Marketing von Sachs, meint gar: »Die japanischen Marken werden zunehmend homogener und die europäischen mittlerweile inno-
vativer, kreativer und kundenorientierter.« Noch eins drauf setzt Bernhard Gneithing,
Marketing-Director von Harley: »Bei Harley-Davidson und Buell handelt es sich um
Originale. Für beide gilt, dass sie Trends setzen statt ihnen hinterherzulaufen.«
Um die Kirche im Dorf zu lassen, die vier japanischen Hersteller decken immer noch mehr als 60 Prozent des deutschen Marktes ab. Für deren sinkende Anteile nennt Suzuki-Marketingchef Bert Poensgen andere Gründe: »Es ist stets so, dass in Zeiten von sinkenden Verkaufszahlen die Stückzahlen-starken Hersteller auch am meisten verlieren.«
Dennoch wachsen in einem schrumpfenden Neuzulassungsmarkt kleinere Produzenten wie Harley-Davidson und KTM, die Kunden kaum mit Rabatten locken, aber Marketing-Aktionen und ein umfangreiches Zubehörsortiment bieten. »Ein Finanzierungsangebot kann nur ein zusätz-
liches Argument sein, wenn die emotionale Entscheidung für ein bestimmtes Motorrad schon gefallen ist«, glaubt Norbert Zaha, Geschäftsführer von KTM Deutschland. Die Japaner dagegen setzten 2003 auf Bonusmodelle wie Tankgutscheine und zusätzliche Ausstattung, aber auch auf extrem niedrige Zinssätze wie 0,09 Prozent. »Ohne gutes Finanzierungsmodell hat man keine Chance«, so Bert Poensgen. Während laut Angaben der Hersteller bei Harley nur 25, bei Triumph 30 und bei BMW 35 Prozent der Kunden den Neukauf fremdfinanzieren, sind es bei Honda rund 50, bei Yamaha
60 und bei Suzuki 65 Prozent. »Der Kunde braucht einen deutlichen Vorteil, wenn er sich entscheiden soll, sofort eine Suzuki zu kaufen«, sagt Bert Poensgen.
Wie geht es 2004 weiter? Ohne ganz aggressive Zinssätze, aber mit Tankgutscheinen. »In stagnierenden Märkten haben nur die Chancen, die flexibel sind«, meint Ansgar Schauerte von Moto Guzzi. »Wer neue Kunden gewinnen will, muss neue Wege gehen,« behauptet auch Aaron Lang, Pressesprecher von Honda, der sich gegen Schwarzmalerei wendet. »Ein speziell für Jugendliche attraktives und finanzierbares Modellprogramm bis 125 cm3 ist einer der Grundsteine der Nachwuchsförderung von Honda.« Auch ein anderer Pressesprecher, der anonym bleiben will, findet: »Irgendwie war früher alles kuschelig. Das Jammern geschieht auf hohem Niveau. Da fehlt
Leben in der Bude.“
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Markt: Report über den Motorradmarkt in Deutschland 2003 (Archivversion) - Die Top Ten der Motorräder 2003

An der Spitze:
die Großenduro BMW
R 1150 GS. Die besten Plätze bei den neu zugelassenen Motorrädern besetzen 2003 BMW und Suzuki mit je vier Modellen. Die Phalanx durchbricht die Yamaha FZS 600 Fazer auf Rang fünf. Bester Newcomer:
Kawasaki Z 1000. Auffällig ist die Lust der
Käufer auf klassische Straßenmotorräder. Nur ein Supersportler düst in die Top Ten, die Suzuki GSX-R 1000. Und die Tourer vertritt einzig die BMW R 1150 RT.

Markt: Report über den Motorradmarkt in Deutschland 2003 (Archivversion)

BMW ist erstmals seit 33 Jahren wieder Marktführer in Deutschland, der Vorsprung vor Suzuki mit 403 Maschinen hauchdünn. Yamaha folgt mit großem Abstand, und Honda liegt abgeschlagen auf dem vierten Platz mit 15,5 Prozent Marktanteil. Insgesamt sind 138712 Motorräder ab 125 cm3 und mehr als 11 kW neu zugelassen worden, was ein Minus gegenüber dem Vorjahr von 4,6 Prozent bedeutet. Die vier japanischen Hersteller und BMW teilen mehr als 80 Prozent
des Marktes untereinander auf. Vor 33 Jahren sah die Motorradwelt völlig anders aus. 1970 wurden 8254 Motorräder verkauft, darunter 2378 BMW (28,8 Prozent
Marktanteil), 2146 Honda, 515 Kawasaki, 511 Yamaha und 40 Suzuki.

Markt: Report über den Motorradmarkt in Deutschland 2003 (Archivversion) - Die Marktanteile der Hersteller 2003

Zu den Gewinnern zählen 2003 fast alle europäischen Motorradmarken sowie Buell und Harley-Davidson. Buell verkaufte 891 Twins in Deutschland, was satte 79,6 Prozent plus gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Unter den Verlierern finden
sich sämtliche japanischen Hersteller, wobei Yamaha mit minus 4,9 Prozent im Vergleich zu Honda mit minus 14,9 Prozent noch glimpflich davonkam. MV Agusta kämpfte mit Lieferschwierigkeiten wegen Produktionsproblemen, und MZ will dieses Jahr
mit der 1000 S aufholen. Aprilia offeriert 2004 marktgerechtere Preise und hofft, verlorenen Boden gutzumachen.

Markt: Report über den Motorradmarkt in Deutschland 2003 (Archivversion) - Marktführer der letzten zehn Jahre

Seit 1994 hat sich bei der Rangfolge
der fünf größten
Motorradhersteller und -importeure in Deutschland viel
getan: Suzuki war
mit Unterbrechungen sechs Jahre Marktführer,
Honda belegte 1997
bis 1999 die Spitze,
verlor danach aber immer mehr Marktanteile. BMW kämpfte sich
von Platz fünf auf Rang eins vor und lieferte sich 2003 ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Suzuki.

Markt: Report über den Motorradmarkt in Deutschland 2003 (Archivversion) - Die Marktanteile der japanischen Hersteller und von BMW

Von 1994 bis 1999 hielten die vier japanischen Hersteller bei
Motorrädern gemeinsam um die 75 Prozent Marktanteile. Danach ging es für die Japaner bergab, bis sie 2003 zusammen noch rund 61 Prozent schafften. BMW gewann ab 1999
kontinuierlich dazu und erreichte 2003
19,5 Prozent. Gleichzeitig schrumpften aber auch die Neuzulassungen von 187192 im Jahr 1999 auf 138712 ver-
gangenes Jahr. Das sind rund 26 Prozent Rückgang. Während die japanischen Importeure den Gürtel enger schnallen müssen, profitieren beinahe alle europäischen sowie zwei amerikanische Motorradmarken von dem Trend, Motorräder kleinerer Hersteller zu erwerben.

Markt: Report über den Motorradmarkt in Deutschland 2003 (Archivversion) - Gewinner und Verlierer 2003

Dampf muss sein. Die Motorradkäufer gelüstet es nach viel Hubraum und Leistung: 34,7 Prozent aller neuen Bikes haben 1000 cm3 oder mehr, immerhin noch 32,5 Prozent liegen zwischen 500 und 749 cm3. Die Mehrheit der Motorräder (62,4 Prozent) hat mehr als 749 cm3 Hubraum. Bei der Power sind die Unterschiede noch größer: 33,3 Prozent aller neuen Motorräder werden von Triebwerken befeuert, die mehr als 73 kW (99 PS) bringen. 27,4 Prozent leisten 58 (79 PS) bis 72 kW und 23,2 Prozent 38 (52 PS) bis 57 kW. Zum Vergleich: 1997 hatten knapp 45 Prozent aller neuen Motorräder zwischen 500 und 749 cm3 und die meisten 58 bis 72 kW.

Markt: Report über den Motorradmarkt in Deutschland 2003 (Archivversion) - Motorisierte Zweiräder 2003

Vergangenes Jahr sind in Deutschland 191262 motorisierte Zweiräder neu zugelassen worden. Vor acht Jahren, 1997, waren es noch 313973 Stück.
Der Rückgang beträgt etwa 39 Prozent. Bei den Leichtkrafträdern ist Honda 2003 mit 25,6 Prozent Marktführer. Auf den Plätzen: Yamaha mit 12,1 und MZ mit 11,9 Prozent. Piaggio verkaufte 41,1 Prozent der Roller und 28,3 Prozent der Leichtkraftroller.

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