Motorräder und ihre Besonderheiten (Archivversion) Schattenspiele

Gerade im Herbst ist es ein Schauspiel. Wenn die Schatten länger werden und sich Mensch und Maschine wie ein Scherenschnitt auf den Asphalt abzeichnen.

Diese essentielle Erfahrung wird Autofahrern immer verwehrt bleiben: Sie können von seiner Schönheit nichts ahnen, bekommen als Schatten nur unförmige, alles erdrückende Rauten oder Rechtecke zu sehen. Wenn überhaupt.

Wie filigran sich der Schatten aus dem Motorradsattel betrachtet darstellt: Ein ästhetischer und gleichwohl flüchtiger Abdruck von dir und ihr. Einfach schön, doch nicht zu fassen. Wie viele Lochkreise hat die Bremsscheibe? Zwei, drei? Du kannst es zählen, ohne anzuhalten, bei voller Fahrt. Der schwarze Schelm macht’s möglich.

Er lässt die Radspeichen tanzen und verharren, projiziert dir die Auspuff-Krümmer auf den Asphalt oder das Abbild von Gas- und Kupplungszug, zeigt messerscharf an, wo die Reifen die Straße berühren. Zur absoluten Hochform läuft der lautlose Begleiter auf, wenn die Sonne richtig steht und der Kurvenradius weit genug ist. Tipp: 270-Grad-Kurven in Autobahnkleeblättern. Dann zeigt sich das schattige Gebilde von seiner spielerischen Seite. Es umkreist dich in voller Schräglage, tanzt dir vors Vorderrad, wird schmal und lang und dann wieder breit und gedrungen, huscht unterm Motorblock durch und taucht auf der anderen Seite völlig verändert wieder auf.

Damit tut der Schatten genau das, was er nach der wissenschaftlichen Definition tun soll: Als dunkle Fläche hinter einer beleuchteten Fläche entstehen und in seinem Umriss dem des Körpers entsprechen. Deines eigenen in dem Fall. Und der deiner Maschine. Ihr seid es, die da übers Land huschen, und euer dunkler, gar nicht düsterer Begleiter pflügt das Relief. Euer Schatten zeigt dir und der Welt, dass da etwas ist, zwischen Sonne und Erdboden. Mittags, wenn unser Leitstern im Zenit steht, zaubert er aus einem fetten Tourer eine schlanke Signorina. Luftig und leicht.

Aber er kann auch anders. Frühmorgens, gerade jetzt im Herbst, wenn die Sonne noch tief steht, die Schatten lang und die Temperaturen schattig sind, ­mutieren selbst die Abbilder luftig-leichter Sportler mitunter ins Plumpe. Und richtig empfindlich ist die Schattengestalt, nimmt schon eine kleine Wolke krumm. So schnell der Schatten schmollt, so rasch kommt er zurück, wenn der Stern erst wieder brennt. Wechselhaft ist er, aber dein Freund, weil er dir gutes, sonniges Wetter weist, weil er dann nie von deiner Seite weicht, weil er auch auf öden Strecken für Abwechslung sorgt, immer da und meistens nah.

Und abends, wenn die letzten Sonnenstrahlen in der Atmosphäre verglühen und der Schatten länger und länger wird, dann weißt du, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, um nach Hause zu fahren. Aber morgen wird er wieder da sein, dich beschatten. Hoffentlich. Vielleicht wäre es ja einfach mal ganz nett, seinem eigenen Abbild freundlich zuzuwinken. Bevor man nur noch ein Schatten seiner selbst ist.

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