Motorschaden MV Agusta F4 1000 R (Archivversion) Knall-Effekt

Krakkk – dieses hässliche Geräusch, wenn ein Motor sich
urplötzlich ins Jenseits verabschiedet, fürchtet jeder, vor
allem, wenn das aus heiterem Himmel bei voller Fahrt passiert. Wie beim Vergleichstest der Italo-Sportler (siehe Seite 40) an der MV Agusta F4 1000 R. Bei hoher Drehzahl und Tempo 238 km/h riss auf dem Nürburgring die Verschraubung des rechten Pleuels. Durch das daraus resultierende Loch im Motorgehäuse ergossen sich augenblicklich große Teile des Motoröls aufs Hinterrad. Fahrer Jürgen Fuchs konnte durch blitzartiges Ziehen der Kupplung einen Sturz verhindern, zumal der Motor nicht blockierte. Vielleicht reagierte Jürgen auch deshalb so geistesgegenwärtig, weil der Vierzylinder auf seinen letzten Metern etwas müde gewirkt hatte und ihn der Schaden nicht völlig unvorbereitet traf. Das Datarecording bestätigte, dass das Triebwerk bereits im Laufe der letzten Runde bis zum endgültigen Platzer ein wenig an Power verloren hatte. Im vorherigen Turn standen an dieser Stelle 255 km/h auf der Uhr.
Die MV wurde anschließend ins Werk nach Italien gebracht und dort zerlegt. Dabei fanden die MV-Techniker schnell die Ursache. Am Überdruckventil des Ölkreislaufs hatte sich ein Seegerring
gelöst, daraufhin war der komplette Ventileinsatz in die Ölwanne gefallen, so dass der Öldruck schlagartig absackte. Und ohne
Öldruck laufen Pleuellager eben nur wenige Sekunden. Was auch daran zu erkennen ist, dass der Hubzapfen des betroffenen Pleuels sich stark verfärbt hatte. Die anderen Pleuellager zeigten ebenfalls Ansätze eines baldigen Schadens. Dass die Pleuelschrauben rissen, ist sicher der verringerten Festigkeit durch die extreme Hitze zuzuschreiben. Unter solchen Umständen reicht bereits wenig Spiel, um das Material zu überlasten.
Ein Einzelfall? Alles deutet darauf hin. MV bezieht das Öldruckventil als komplette Einheit von einem Zulieferer, der auch andere namhafte Motorradhersteller ausrüstet. Die Teile werden bei MV auf den erforderlichen Öffnungsdruck von 6,5 bar überprüft. Dass das Ventil der Test-MV offensichtlich nicht korrekt zusammengebaut oder gefertigt worden war, entging wohl den Kontrollen bei MV wie auch beim Hersteller. Immerhin hatte es über 2500 Kilometer ordnungsgemäß funktioniert, die Maschine hatte bei der Schwesterzeitschrift PS schon ein komplettes Testprogramm inklusive Rennstrecke durchlaufen.
Wie MV Deutschland mitteilte, war es an einer 750er vor
einigen Jahren zu einem ähnlichen Schaden gekommen. Auch damals war das Ventil aus seinem Gehäuse gefallen, weil sich der Seegerring gelöst hatte (siehe Bild unten links). Was in diesem Fall zwar zu einem Lagerschaden, jedoch nicht zu einem Pleuelabriss geführt hatte.
MOTORRAD-Leser werden beim Betrachten der Bilder sofort an den geplatzten Motor der Dauertestmaschine F4 1000 S erinnert. Das Schadensbild war identisch, die Ursache dagegen eine andere. Denn das Überdruckventil war intakt, und auch die starken Verfärbungen infolge enormer Temperaturen waren nicht aufgetreten. Wie es damals zu dem Schaden kam, ist bis heute nicht völlig geklärt, MV schob es auf Bearbeitungsrückstände im Motor. Sicher ist, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelte, allein in Deutschland gab es mehrere solcher
Motorschäden am S-Modell mit ähnlichem Verlauf.
Bei der R sollten diese Probleme durch konstruktive Änderungen an der Pleuellagerung und am Ölkreislauf eigentlich
behoben sein. Bis jetzt sind MOTORRAD keine weiteren gravierenden Schäden an R-Triebwerken bekannt. gt

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