Motorschaden stoppt Dauertest-BMW K 1200 RS (Archivversion) Ein Münchner im Himmel

Frohlocken war angesagt. Der stellvertretende Test-Ressort-Leiter von MOTORRAD und Ur-Bayer Rainer Bäumel jubelte auf Wolke Nummer Sieben mit der Dauertest BMW K 1200 RS über die Autobahn gen München. Ein ungehaltenes »Zefix Luia« entfuhr ihm, als der Vierzylinder ohne sein Zutun plötzlich verzögerte. Bei 220 km/h folgte eine heftige Erruption, bei der der Motor neben einer gewaltigen Ölwolke auch Hardware in Form einiger Stahl- und Aluteile auf die Fahrbahn spuckte. Hernach ging er in den bayerischen Motorradhimmel ein. Nur durch blitzschnelle Reaktion konnte der Fahrer den schnöden Erdenkontakt vermeiden. Bereits auf den ersten Blick war ein kapitaler Motorschaden auszumachen. Opulente Löcher im Motorgehäuse verkündeten Unheil.Nach dem Zerlegen des Motors zeigte sich auch der Schadensverlauf. Das Pleuel des ersten Zylinders hatte auf dem Hubzapfen gefressen und anschließend Kolben, Kurbelgehäuse, Ventile und einige weitere Kleinteile zerstört. Auch das Pleuellager des dritten Zylinders zeigte bereits erste Freßspuren.Diagnose der BMW-Entwicklung: Mangelschmierung, welche die Redaktion durch fehlende Ölstandskontrolle verursacht habe. Dadurch habe die Ölpumpe irgendwann Luft angesaugt, der Schmierfilm sei abgerissen. Allerdings müsse dies bereits einige Kilometer zurückliegen, da zum Zeitpunkt des Schadens exakter Ölstand vorhanden war.Eine klassische, doch einfach zu widerlegende Fehldiagnose: Sinkt im Betrieb der Ölstand soweit, bis die Ölpumpe Luft ansaugt, bleibt das Motorrad innerhalb kürzester Zeit mit einem kapitalen Motorschaden stehen, bei dem neben den Pleuellagern auch andere hochbeanspruchte Bauteile eindeutige Spuren von Schmierstoffmangel zeigen. Das Schadensbild sieht dann völlig anders aus als im vorliegenden Fall. Außerdem läßt sich auch anhand der Bauteile nachweisen, daß die Betriebstemperaturen nie im kritischen Bereich lagen. Dank Fahrtenbuch kann MOTORRAD zudem lückenlos dokumentieren, daß der Ölstand stets korrekt war. Nach der Erstinspektion verlangte der Vierzylinder erstmals nach 4300 Kilometern einen halben Liter Öl. Anschließend waren mehrere Nachfüllintervalle mit Mengen zwischen 0,3 und 0,5 Liter fällig. Nach der 10 000er Inspektion mußte erstmals bei 14500 Kilometern 0,3 Liter des lebenswichtigen Elexiers nachgefüllt werden, bis zum endgültigen Exitus bei Kilometer 18100 dann mehrmals 0,2 bis 0,3 Liter.Während der Durchschnittsverbrauch innerhalb der ersten 10 000 Kilometer 0,35 Liter auf 1000 Kilometer betrug, begnügte sich die K 1200 RS anschließend bis zum Ausfall mit durchschnittlich 0,16 Litern.Absolut zweifelsfrei war also permanent ausreichend Öl im Motor, weniger zweifelsfrei ist dagegen die Schadensursache. Mit hoher Warscheinlichkeit verursachte jedoch eine kurzzeitige Verstopfung des Hauptölkanals zu den Pleuellagern eine Vorschädigung, die langfristig zum Motorschaden führte.Fatal sind für den Kunden aber die Konsequenzen des vorschnellen BMW-Schlusses: Aufgrund von angeblichen Wartungsfehlern erlischt im Falle der MOTORRAD-Maschine laut BMW der Anspruch auf Garantie. Eine besondere Form von Verdrängungstaktik, die im Fall des Falles auf dem Rücken der Kunden ausgetragen wird: Denen dürfte es ohne ein Fahrtenbuch, wie es bei MOTORRAD zum Zweck der Dauertest-Dokumentation geführt wird, schwer fallen, den Wartungsstand lückenlos zu beweisen. Ganz offensichtlich wartet BMW, zumindest was den Umgang mit den Kunden anbelangt, immer noch auf die göttliche Eingebung. Irdischer Beistand naht jedoch: Zur Unterstützung wird erst einmal Ingenieur Rainer Bäumel zum ersten Oktober zu BMW in die Motorrad-Vorentwicklung wechseln.

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