Münch-Café in Osaka Die Milch machts

Herr Tanaka ist ein zu­friedener, ein glücklicher Mensch. Einer, dem man das auch ansieht. Sein Glück hat er gefunden, als er einst Milch austrug in Osaka. Wo er eines Tages erkannte: Klar, die Milch macht’s, aber eine Münch macht es noch viel, viel besser.

Foto: Nishimura
Dass auf der Welt alles irgendwie mit allem zusammenhängt, der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Orkan auslösen kann, das bestätigt sich in der wundersamen Geschichte des Herrn Tanaka. Der seinen Lebensunterhalt verdiente als Milchmann in Osaka, damals, in den siebziger Jahren. Was zur Folge haben sollte, dass die Milch heuer hierzulande knapper und teurer wird.
Denn der Japaner hat ordentlich zu­gelegt. An Länge nämlich. Und zwar viel mehr als der Durchschnitts-Chinese, was der Regierung der Volksrepublik wiederum gar nicht behagt. Da sieht man noch Wachstumspotenzial. Mit Milch. Die hat’s gemacht beim Japaner. Weil er – davon ­ist man in Peking überzeugt – Mitte des vorigen Jahrhunderts schon angefangen habe, sich an Milch und allem, was man daraus machen kann, zu laben.
Herr Tanaka also trug Milch aus in ­Osaka und seinen Teil bei zu Japans neuer Größe. Womit er selbst groß herauskam. Nicht, dass er an Zentimetern zugelegt hätte, wohl aber an Yen. »Der Preis für Milch lag sehr hoch damals«, sagt Herr Tanaka, »und meine Verdienstspanne bei immerhin so um die 40 Prozent.« Die siebziger Jahre waren eben noch gute Zeiten für Milchmänner in Japan. Herr Tanaka erfreute sich an einer Polizeimaschine von Harley-Davidson, an BMW R 90 und Ducati 750 SS. Mit seinen Motorrädern hielt er es wie mit der Milch. Die wurde meist teuer importiert.
Derweil japanische Ingenieurskunst mit Honda CB 750 oder Kawasaki Z1 die Motorradwelt revolutionierte, erwies sich Herr Tanaka solch großseriellen Verlockungen gegenüber schnöd resistent. Lediglich an einer Gold Wing, gesteht er, habe er sich kurzzeitig mal versucht.
Seine Freunde sagen, dass Herr Tanaka Motorräder liebt. Was sich daran zeigt, dass er seiner großen Liebe Gedichte geschrieben hat, einen ganzen Zyklus sogar. Es fällt nicht leicht, die Verse aus dem Japanischen ins Deutsche zu übersetzen, dennoch sei der Versuch gewagt:

Mein Schatz
Mein schöner Schatz,
den das Schicksal einsam ließ,
wir werden immer beieinander bleiben.

Mammut heißt der Schatz, Münch Mammut, und trägt das profane Kürzel 4 TTS-E 1200. Im Herbst 1974, in einer Motorradzeitschrift, da begegnete er seiner Münch zum ersten Mal. Dass sein »schöner Schatz« das stärkste Straßenmotorrad ­war, das erste mit 100 PS und Einspritzung obendrein, das imponierte ihm zwar. Doch die inneren Werte, auf die es, wie der Volksmund weiß, ja ankommen soll, werden ­gerade in Liebesdingen gern von ­außen besehen. Und die Münch, in Gestalt eines bloßen Fotos zumal, bot Herrn Tanaka alldieweil ausschließlich optischen Genuss.
Hin und weg war er von dieser, so schwärmt er noch heute, brillanten Mixtur aus Eleganz und Brutalität, Wucht und Sportlichkeit, sanften Wölbungen und ausladenden Kurven. Wie eine Maschine, die lebt, kam sie ihm vor, die Mammut von Münch, und nur in eine solche Maschine kann man sich verlieben.
Was Herr Tanaka dann auch treulich tat. Tag für Tag, Nacht für Nacht habe er von der Münch geträumt. Es war wie im Märchen. Wie in Dornröschen, wo die Schöne sich in einem verwunschenen Schloss verbirgt. Für Herrn Tanaka hieß dieses Schloss Deutschland.

Gleichsam in Handarbeit wurden die Münch fabriziert in Hessen, nur ein paar Hundert insgesamt. Fremdsprachen hatte Herr Tanaka nicht gelernt, und weil auch die Angst vorm Fliegen ihn plagte, fiel ein Besuch der Münchschen Motorradmanufaktur von vornherein flach. Hieß: Wenn er nicht zur Münch kommen kann, muss die Münch halt zu ihm kommen.
Ein Zurück zu einem anderen Motorrad kam Herrn Tanaka mittlerweile unvorstellbar vor. Weswegen er das Unvorstellbare wagte: Er nahm sich einen Dolmetscher, ging ins nächste Grand Hotel, auf dass der Sprachkundige mit Altenstadt/Deutschland sich verbinden lasse. Der freundliche Mann, der bei Münch abhob, war, erinnert sich Herr Tanaka, hörbar verwirrt: Eine Münch 4 TTS-E solle es also sein, ob der Interessent in Japan überhaupt wisse, ­wie kostspielig dieses Motorrad sei, 17000 Mark immerhin, dass der Transport ordentlich zu Buche schlage und der japanische Staat eine deftige Einfuhrsteuer drauf­packe. Deshalb habe man bislang noch keine Maschine nach Japan exportiert.
Wie viel er letztlich ausgegeben habe für die Münch, will Herr Tanaka nicht ver­raten, belässt es beim Hinweis, dass das Geld für ein Eigenheim gereicht hätte. Aber das hätte ihm halt nicht gereicht. Den Tag, als die große Kiste aus Deutschland ankam, bezeichnet er als den glücklichsten seines Lebens. Er stemmte sie auf, be­reitete sie und sich auf den ersten Ritt vor, schrieb, des Entzückens voll, ein Hochzeitsgedicht.
Wo immer er anhielt, wo immer er sich blicken ließ, stand er im Mittelpunkt. Wobei, richtiger wäre: seine Münch und er. Herr Tanaka reizte die Möglichkeiten des NSU-Motors nicht aus, und er fuhr, anders als früher, nicht mehr so oft, nicht mehr so lange. »Obwohl es ein gigantisches Gefühl ist«, schwärmt er, »diese wunderbare Maschine zu bewegen.« Manchmal befriedigt schon die bloße Vorstellung, dass man eigentlich könnte, wenn man nur wollte, und mit seiner Münch fühlte sich Herr Tanaka rundum glücklich, auch zu Hause. Darum wohl, sagen seine Freunde, hat er ihr 1981 eine eigene Unterkunft gebaut.
Dass dieses Domizil schließlich ein Café wurde, lag, natürlich, an der Milch. Beziehungsweise der Allgegenwart der neuerdings reichlich damit bestückten Supermärkte. Immer weniger Japaner leis­teten sich den Luxus, Milch in Flaschen von geschultem Personal vor die Haustür schaffen zu lassen. Irgendwann, das schwante Herr Tanaka, wird es mit dieser rentablen Profession ein schlimmes Ende nehmen; und das gruselige Faktum, dass das edle Getränk nun gar in billigen Pappbehältnissen feilgeboten wurde, wies definitiv auf einen raschen Niedergang hin.
Also eröffnete Herr Tanaka ein Café. Und wer dort auf Milch zum Kaffee besteht, begeht einen ähnlich üblen Fauxpas wie ein Gast im Sternerestaurant, der nach Ketchup verlangt, oder wie ein Trottel, der eine Münch mit Diesel betankt. Zehn Euro, umgerechnet, kostet die preiswerteste Tasse. Aber bei Herrn Tanaka ist es überhaupt kein Problem, mehrere Hundert Euro für ein Kännchen Kaffee auf den Tisch des Hauses zu legen. Feinste Bohnen, biologisch angebaut, in edelsten Hochlagen von aztekischen Jungfrauen bei Voll­mond gepflückt, langsam geröstet, das Aroma schonend, und mit japanischem Bergwasser sensibelst aufgebrüht? Mag schon sein.
Schließlich trägt das Café einen noblen Namen: Münch. Der verpflichtet, schwört Herr Tanaka, und deshalb darf es von allem nur das Beste sein. »Das Porzellan kommt aus Meißen, weil man es dort am perfektesten fertigt.« In einer Vitrine aus Glas hat er einige Tassen aus dem 18. Jahrhundert platziert. Er hat sie ersteigert, für 50000 Euro, als der japanische Importeur Pleite ging. Für seine Münch macht Herr Tanaka eben fast alles. Die prunkt übrigens an einem Platz, wo sie nach japanischem Recht gar nicht prunken dürfte. Nämlich mitten in einem leidlich vornehmen Wohngebiet.
Herr Tanaka erhielt eine Ausnahmeregelung für sein gastronomisches Gewerbe. Weil es eigentlich gar kein Gewerbe ist, das Münch Café, sondern Residenz für ­seine große Liebe. Wenn ab und an Leute vorbeikommen, um richtig viel Geld in eine Portion Kaffee zu investieren, dann freut ihn das. Vorausgesetzt, dass sie auch die Münch goutieren. Unlängst hat der 61-Jährige noch ein Gedicht geschrieben, einen weiteren Treueschwur, alt zu werden mit dieser Maschine.

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