MV Agusta 750 F4 Serie Oro (FB) (Archivversion) Die unendliche Geschichte

Über kein anderes Motorrad der Welt wurde so lange und so intensiv spekuliert wie über die MV Agusta F4-750. Ihre Geschichte beginnt 1989, als Konzernchef Claudio Castiglioni bei Ferrari die Entwicklung eines Vierzylinders für einen Cagiva-Tourer in Auftrag gab. Damals war Castiglionis Welt vollkommen in Ordnung: Als Herr über die Marken Ducati, Cagiva und Husqvarna gönnte er sich sogar ein Engagement mit Cagiva im 500er Grand Prix-Zirkus und mit Ducati in der Superbike-WM.Zur Jahreswende 1992/93 lieferte Ferrari den Vierzylinder, doch inzwischen wollte Castiglioni einen rassigen, schmalen Rennmotor. Das Grundkonzept mit zwei obenliegenden Nockenwellen und radial angeordneten Ventilen blieb erhalten. Aus Platzgründen ersetzten die Cagiva-Ingenieure aber die vorgesehene Trocken- durch eine Naßsumpfschmierung. Die Präsentation wurde für die Mailänder Messe 1995 angekündigt. Doch damit war’s nix, und es wurde still um das Projekt. Die Cagiva-Gruppe hatte dramatische finanzielle Sorgen. Ende 1994 hatte man sich schon aus dem GP-Sport zurückgezogen. Castiglioni investierte und kämpfte an zu vielen Fronten gleichzeitig; er mußte sich schließlich geschlagen geben und Ducati verkaufen. Mit dem Erlös stürzte er sich sofort wieder auf das Vierzylinder-Projekt. Optik und Fahrwerk entwickelte der begnadete Massimo Tamburini, Mitbegründer von Bimota und Schöpfer der Ducati 916. »Minimales Gewicht bei maximaler Steifigkeit«, lautet sein Leitsatz, und er trieb die Cagiva-Ingenieure schier zur Verzweiflung, denn sie mußten abspecken, abspecken, abspecken. Von 420 Millimeter Breite des Motors blieben nur 395 übrig – gerade genug Platz für die Zylinder und die zentrale Steuerkette. Um den Motor konstruierte Tamburini einen stählernen Gitterrohrrahmen mit Gußteilen aus Leichtmetall.Da das Image von Cagiva wegen mangelnder Qualität der Produkte und kaum existenter Ersatzteilversorgung inzwischen miserabel war, machte Castiglioni aus der Not eine Tugend und benannte seinen Vierzylinder flugs in MV Agusta um. Die Namensrechte an MV hatte er in weiser Voraussicht bereits 1991 erworben. MV: Das ließ die Motorradler in aller Welt aufhorchen. Immerhin hatte die legendäre italienische Marke, die sich seit 1980 ausschließlich auf die Produktion von Helikoptern konzentriert, 37 WM-Titel errungen. Die F4-750 in der Magnesium-Luxusversion wurde denn auch auf der Mailänder Messe im Herbst 1997 enthusiastisch gefeiert. Doch nach dem Triumphzug über messen in aller Welt herrschte wieder Funkstille. Die geplante Präsentation im Frühjahr 1998 wurde ein ums andere Mal verschoben. Nur Giacomo Agostini, 15maliger Weltmeister und berühmtester MV-Dompteur, präsentierte die F4 bei einer kurzen Ausfahrt (MOTORRAD 13/1998). Jetzt scheint die MV endlich an ihrem Bestimmungsort angekommen zu sein – auf dem Markt. Wenn wirklich alles gut geht, kann sich der eine oder andere Kunde vielleicht schon im Spätsommer 1999 auf seine MV schwingen. Doch diese Vorhersage ist wie der Wetterbericht: ohne Gewähr. Br

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